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Open Source: Die kommunale Welt wird bunter

Münchens Entscheidung für den Umstieg auf Open Source Software hat einen kleinen Boom ausgelöst. In Süddeutschlands Kommunen gehört es fast schon zum guten Ton, sich zumindest einmal Gedanken über den Umstieg von Microsoft-Produkten zu machen. Während man in der bayrischen Landeshauptstadt noch am Umbaukonzept feilt, soll der letzte PC der Stadtverwaltung Schwäbisch Hall bereits im Oktober auf Linux umgestellt sein, genau zwei Jahre nach der Open-Source-Entscheidung des Stadtrats. Weil die Schwaben inzwischen jede Woche einmal Anfragen von Kollegen anderer Städte bekommen, luden sie jetzt zum Open-Source-Workshop.

Sparzwänge nach Gewerbesteuerausfällen in Millionenhöhe, gute Noten vom Bundesdatenschützer und auch ein bisschen rebellischer Pioniergeist gaben den Ausschlag: "Wir hatten auch den Wunsch, Entscheidungen wieder selbst zu treffen, die uns durch eine Monopolsituation bislang aufgedrängt waren", sagt der Stadt-Pressechef Thomas Hilbert, der nun selbst schon am Linux-PC arbeitet. Die Fachbereiche Finanzwesen, Rechnungsprüfung, Jugend, Schule und Soziales, die Bibliothek und drei Viertel der Kulturverwaltung arbeiten in Schwäbisch Hall bereits mit Linux. Noch vor den anstehenden Wahlen sollen laut EDV-Leiter Horst Bräuner der Bereich Bürgerdienste umgestellt werden. Die letzten Rechner will man im Oktober migrieren, alles, so versichert Bräuner, mit Bordmitteln der gerade mal vierköpfigen EDV-Abteilung. "Während der Teilnehmer morgens zur Schulung auf Open Office geht, wird sein Rechner geholt und umgestellt. Wenn er nachmittags zurückkommt, ist umgestellt."

Eine der schwierigsten Aufgaben ist die Integration der in den Kommunalverwaltungen vorhandenen Fachsoftware. Schon in einer so kleinen Stadtverwaltung wie Schwäbisch Hall mit rund 300 Arbeitsplätzen und 600 Mitarbeitern werden insgesamt 85 Softwareprodukte genutzt. Die Kommunen sind hier durch landeseinheitliche Vorgaben zu ihren Verfahren stark gebunden. In Schwäbisch Hall macht man sich Gedanken zur Anpassung der vorhandenen Software auf Linux; damit der Betrieb nicht gestört wird, setzt man allerdings vorerst auf eine Thin-Client-Lösung mit NoMachine/NX Technology. Vom Arbeitsplatz aus wird mit dem aus Italien stammenden Open-Source-Konzept auf die auf dem Linux-Server abgelegten Fachanwendungen zugegriffen. Was noch nicht auf dem eigenen Linux-Server läuft, wird auf einem Microsoft Terminal Server abgelegt.

Das Thin-Client-Konzept mit NoMachine hat laut Thomas Uhl, Open-Source-Experte bei der Topalis AG und Sprecher der Open-Source-Arbeitsgrupppe von BadenWürttemberg Connected (BWCon), nicht nur den Vorteil, dass die Clients wieder bescheidener (und billiger) werden können. "Der klassische Softwarestack ist schon heute teurer als die Hardware", meint Uhl. Das Kompressionsverfahren der Technik erlaube zudem auch Zugriffe mit mobilen Geräten. EDV-Leiter Bräuner exerziert das schon per Bluetooth-Verbindung über Mobiltelefon und Laptop und schwärmt von künftigen Möglichkeiten, öffentliche Dienstleistungen über die Ämteröffnungszeiten hinaus an Standorten wie dem Kindergarten zur Verfügung zu stellen.

Die Open-Source-Befürworter mussten sich auch einer Menge kritischer Fragen der Kollegen stellen. Solange in Schwäbisch Hall noch nicht alle Kosten tatsächlich beziffert seien -- der Microsoft Terminal Server läuft etwa noch als Demoversion --, lässt sich über Einspareffekte trefflich streiten. "Die Kommunen haben wenig Geld, die Frage der Gesamtkosten ist daher entscheidend", sagte Norman Heydenreich, bei Microsoft Berlin zuständig für den Public Sector. Die von Open-Source-Befürworter Uhl geforderten höheren Freiheitsgrade oder die Bevorzugung nicht-amerikanischer Entwicklungen seien doch eher abstrakte Ziele.

In Böblingen, Weingarten und Ravensburg hat man sich mit Blick auf die Kosten so auch für eine Aufrüstung auf Windows XP entschieden. "Linux native ist derzeit einfach noch kein Thema", sagte Klaus Gödde, EDV-Chef in Böblingen. "Ich sehe das pragmatisch, ich kann meine Fachprogramme nicht in die Tonne treten, ich brauche sie ja." Ein bisschen infiziert vom Umsteigervirus ist man aber auch in Böblingen, wo man bereits seit längerem mit Linux-Servern arbeitet. In einer Diplomarbeit lässt man nun die Anpassung von Fachprogrammen für Linux überprüfen.

Einen weiteren Schub für die Aufbruchstimmung könnte die BWCon-Initiative Boss (Baden-Württemberg Open Source LayerS) bringen, zu der die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg Anfang Juli lädt. Für diesen Zeitpunkt steht auch eine weitere Entscheidung in München an, wie es dort mit Open Source weitergeht. Ein Rückzieher wäre fatal, sagte Otmar Pilgerstorfer, der als Vertreter der Stadt Linz zum Workshop in Schwäbisch Hall gekommen war. Michael Schmaderer vom Beratungshaus Unilog, verantwortlich für die Machbarkeitsstudie konnte da beruhigen: In München seien die Linux-Clients praktisch fertig. In Schwäbisch Hall denkt man derweil weiter und plant, das neue Linux-Know-how auch anderen Gemeinden zur Verfügung zu stellen. (Monika Ermert) / (Monika Ermert) / (jk)

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