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OpenSCHUFA: Projekt will Scoring-Methoden rekonstruieren

Wie die Scoringagentur Schufa Kreditwürdigkeit von Personen ermittelt, ist ein Geschäftsgeheimnis. Ein Projekt namens OpenSCHUFA will dem nun auf die Schliche kommen.

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Schufa

Es sorgt für Empörung, aber was Deutschlands größte Auskunftei tatsächlich entwickeln möchte, steht wohl noch gar nicht fest:

(Bild: dpa, Jens Kalaene)

Mit welchen Methoden die Scoringfirma Schufa Bonitäten ermittelt – das soll im Crowdfunding-Projekt OpenSCHUFA zumindest teilweise offengelegt werden. Dafür bitten die Macher auf der Plattform Startnext sowohl um Geld- als auch um Datenspenden. Ziel es sei es herauszufinden, ob die Ermittlung des Schufa-Scores, der zum Beispiel beim Abschluss von Mobilfunk- oder Mietverträgen herangezogen wird, "systematische Fehler“ beinhaltet.

Unter anderem gebe es Indizien, dass die Schufa teilweise unvollständige Daten verwende und mehrere hunderttausend Menschen falsche Negativmerkmale erhalten hätten, die ihre Kreditwürdigkeit ruinierten, hieß es von der Organisation Algorithmwatch, die einer der beiden Projektpartner ist. Daneben ist noch der Verein Open Knowledge Foundation Deutschland mit an Bord, das Nachrichtenmagazin Der Spiegel wird als Medienpartner genannt.

Eigenen Angaben nach hat die Schufa 864 Millionen positive und negative Daten zu 67,5 Millionen natürlichen Personen und 5,3 Millionen Unternehmen gespeichert. Wie aus den Daten der Bonitätsscore errechnet wird, muss das Unternehmen nicht offenlegen. Laut einem BGH-Urteil aus dem Jahr 2014 sind diese Verfahren nämlich ein schützenswertes Betriebsgeheimnis. Privatpersonen können aber einmal pro Jahr eine kostenlose schriftliche Auskunft über sich von der Schufa einholen (ein Vordruck für die Abfrage findet sich auf der Seite der Bundesbeauftragten für Datenschutz).

Und genau diese erbitten die Projektmacher als Datengrundlage für ihr Vorhaben und verweisen auf die Seite selbstaufkunft.net zur Einholung der Schufa-Daten. Dazu sollten Unterstützer auch freiwillig noch personenbezogene Daten wie Alter, Geschlecht und Wohnort angeben. Zunächst soll aber erst eine Open-Source-Software entwickelt werden, mit der die Datenspenden automatisiert angenommen und verarbeitet werden können. Dazu möchte das Projekt bis zum 15. März mindestens 30.000 Euro an Crowdfunding-Geld einsammeln.

Teil der Entwicklungsarbeit soll dann auch eine entsprechende Website sein, die Unterstützern eine datenschutzfreundliche Übertragung ermöglicht, sowie eine sichere Datenhaltung. Ab Mai soll dann eine zweite Crowdfunding-Phase folgen, die Auswertung durch Experten und die Veröffentlichung der Ergebnisse finanziert.

Die Schufa hält – wenig überraschend – gar nichts von dem Vorhaben. Die Kampagne sei "irreführend und gegen Sicherheit und Datenschutz in Deutschland“, erklärte das Unternehmen. Die Schufa sei intensiv reguliert und gegenüber Behörden und Aufsichten transparent; so lege sie etwa dem hessischen Datenschutzbeauftragten regelmäßig Rechenschaft ab. Zudem erfülle das Unternehmen eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben.

Abgesehen davon warnt die Auskunftei auch vor Betrug und Missbrauch, denen durch ein Offenlegen der Scoreformel Vorschub geleistet werde. "Denn wer, wenn nicht derjenige, der seinen Score manipulativ verbessern möchte, sollte ein Interesse daran haben, die Details eines wissenschaftlich anerkannten und in der Praxis bewährten Berechnungsverfahrens zu kennen?“, lautet der Vorwurf der Schufa. Darüber hinaus warnt das Unternehmen potenzielle Unterstützer auch davor, sensible Daten wie ihre Selbstauskünfte an Dritte weiterzugeben, wenn nicht klar sei, inwieweit für die Sicherheit der Daten gesorgt werde.

Und nicht zuletzt wittert die Schufa sogar Anzeichen einer interessengeleiteten Kampagne: Denn mit Algorithmwatch werde einer der Projektpartner von der Bertelsmann Stiftung unterstützt. Zum Bertelsmann-Konzern gehöre aber mit Arvato Infoscore auch ein eigenes Scoring-Unternehmen, das genau wie andere Konkurrenten nicht Gegenstand des Projekts sei. Bertelsmann Stiftung und der Bertelsmann-Konzern sind formell unabhängige Organisationen, Kritiker sehen aber enge Verflechtungen zwischen beiden.

[UPDATE, 15.02, 16:00]

Arne Semsrott, Mit-Initiator von OpenSCHUFA, betonte auf Anfrage, dass die gespendeten Daten anonymisiert verarbeitet würden. Die Auflösung der Daten solle keinen Rückschluss auf Personen ermöglichen. Ferner will das Projekt für eine Ende-zu-Ende-verschlüsselte Übertragungsmöglichkeit sorgen, die Speicherung soll ebenfalls verschlüsselt erfolgen. Zentral sei die Haupttabelle mit den Wahrscheinlichkeitswerten für verschiedene Branchen, alle weiteren Daten können Unterstützer freiwillig dazugeben.

Auf den Vorwurf mangelnder Neutralität erwiderte Semsrott, dass man die Schufa als erstes ausgewählt habe, weil sie Marktführer und bekanntester Anbieter sei. Die entwickelte Software solle sich aber idealerweise auf Verfahren anderer Scoring-Dienstleister anwenden lassen. "Alle Scoring-Agenturen müssen transparenter werden", sagte Semsrott. (axk)

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