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Orakeln über das Ende von IPv4

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Die regionalen Internet Adressregistries (RIRs) sind "not amused." Eine Reihe von Presseberichten, etwa in der BBC, in dieser Woche malte einmal mehr eine unmittelbare Knappheit der gängigen IPv4-Adressen an die Wand. Nun reagierte die europäische IP-Registry RIPE NCC, auch im Namen der Kollegen von APNic, Arin und LacNic: "Unsere eigenen Berichte verdeutlichen, dass viele der aktuellen Klagen bezüglich einer Knappheit im IP-Adressraum spekulativ sind und nicht auf maßgeblichen, öffentlich zugänglichen Statistiken beruht."

Einen ganzen Sack voll Zahlen liefert RIPE NCC aus, um die Anfang der Woche von der BBC verbreitete Aussage zu widerlegen, dass schon 2005 die IPv4-Adressen ausgehen. Noch ganze 91 /8-Blöcke (nach CIDR-Terminologie) hat IANA in Reserve und nur das Equivalent von 19,58 /8-Blöcken hat man seit 1999 vergeben, gerade mal 5,5 Blöcke waren es 2001 und sogar nur 4,25 im Jahr 2002, schreibt RIPE NCC.

Allerdings hat man dafür auch etwas auf die Bremse getreten: Die Gesamtallokation liegt laut Geoff Huston, luzider Technologie-Autor, IAB-Geschäftsführungsmitglied, Chief Scientist Internet Area bei Telstra und APNic-Sekretär, bei rund 131 /8-Blöcken. Die Bremswirkung hat man unter anderem durch die Vergabe kleinerer Blöcke erreicht. Statt einfach große Class-A-Netze -- mit 127 Netzen und über 16 Millionen Adressen -- oder auch die kleineren Class-B-Netze zu vergeben, muss jetzt der Bedarf dokumentiert werden. Wer den nachweist bekommt auch seine Adressen, betont man beim RIPE NCC. Von der immer wieder beklagten Benachteiligung Asiens will Axel Pawlik, Geschäftsführer beim RIPE, daher nichts wissen. "Wenn morgen China ein /8 will, und zeigt, dass die Adressen innerhalb von wenigen Monaten gebraucht werden, bekommt China ein /8".

Tatsächlich liegt APnic bei den Zuteilungen an Provider seit 2002 vorne. Aber auch hier schleppt man historischen Ballast mit. Die Mehrzahl der vor Existenz der Registries vergebenen 94 /7-Netze ging fraglos in die USA. In den schnell wachsenden asiatischen IT-Märkten wächst andererseits die Adressnachfrage derzeit schnell. Trotzdem sei angesichts der aktuellen Raten und der noch vorhandenen Reserve mit der unmittelbaren Adressknappheit auf keinen Fall zu rechnen, betonten jetzt die RIRs. "Selbst bei einem dramatischen Anstieg der Adressallokation, ist es sehr wahrscheinlich, dass IPv4-Adressen deutlich länger reichen als die zwei Jahre, die einige Leute jetzt prognostizieren," verkündet RIPE. "Wenn sie jetzt Zeitung lesen, keine Panik", sagte auch John Crain, ICANNs CTO. "Wir werden in zwei Jahren das Internet nicht abschalten müssen. Zumindest nicht aus diesem Grund."

Bleibt die Frage, warum die Aussagen von auf Umstieg drängenden IPv6-Auguren und IPv4-Bewahrern so weit auseinander liegen. Ein bisschen sei es so, dass in die IPv6-Verfechter die RIR-Statistiken ignorieren, meint Pawlik. "Außerdem sagen sie 'Aber wenn's NAT nicht gäbe, dann...'. Wir mögen mit NAT nicht zufrieden sein, leben aber in dieser Welt. Ich glaube nicht, dass NAT noch ausgemerzt werden könnte." Geoff Huston kommt nach einigermaßen faszinierenden Berechnungen zum Ergebnis, dass die magische Zahl das Jahr 2022 sein könnte. Da zwei Jahrzehnte kaum eine Zeit sei, die man sich zu überblicken zutrauen könnte, beschränke er sich auf die kommende Dekade. "Dann können wir mit einiger Sicherheit sagen, dass es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass der Adresspool in dieser Zeit erschöpft wird." Zumindest lese er seine Orakelknochen so.

Zu IPv4 siehe auch:

Für Grundlagen, Spezifikationen und weitere Berichte zu IPv6 siehe:

(Monika Ermert) / (jk)