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PC/GEOS: Noch 30 Jahre später hat die Betriebssystemerweiterung ihre Liebhaber

Das Graphic Environment Operating System aus der Heimcomputer-Ära revolutionierte die Bedienung. Die Community der 16-Bit-Version PC/GEOS trifft sich weiterhin.

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Der Dateimanager von GeoWorks.

(Bild: René Meyer / heise online)

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Vor 30 Jahren wurde die Beta-Version von GeoWorks Ensemble vorgestellt, eine Betriebssystem-Erweiterung ähnlich Windows 3.0. Sie hatte es in sich: Fenster-Technik, Multitasking, eingebautes Office-Paket mit DTP – und lief dank Assembler-Programmierung auch flott auf einem XT oder 286er PC mit 640 KByte Speicher. Das ganze Paket nahm nur 5 MByte Platz auf der Festplatte ein.

Ihren Ursprung hat die Software in der Ära der Heimcomputer. Als grafisches Betriebssystem GEOS wurde sie vor allem auf dem C64 populär, zumal der späteren Variante C64C (mit dem flacheren Gehäuse) das Paket beigelegt wurde. Ähnlich wie der Übergang von DOS zu Windows revolutionierte GEOS, das Graphic Environment Operating System, die Bedienung von der Eingabe von Befehlen zum Klicken und Schieben mit der Maus und ließ den 8-Bit-Rechner Anschluß finden an die grafischen Oberflächen, mit denen Amiga und Atari ST glänzten.

Heute ist auch PC/GEOS, wie man die 16-Bit-Variante meist kurz nennt, weitgehend in Vergessenheit geraten. Doch eine kleine Gemeinde pflegt die Software und das damit verbundene Erbe weiterhin. Es ist nicht nur die Erinnerung daran. Für betagte PCs, wie sie um das Jahr 1990 verkauft wurden, ist die graphische Oberfläche mit ihren zahlreichen Anwendungen noch heute eine Alternative. Da GeoWorks ein DOS-Programm ist, lässt es sich leicht auch auf aktuellen Rechnern unter Windows via DOSBox und unter Linux mit einem vergleichbaren DOS-Emulator starten.

Seit langer Zeit trifft sich die Community einmal im Jahr – an diesem Wochenende war es wieder soweit. Es ist eher ein Gipfel- denn ein Fan-Treffen, davon zeugt die überschaubare Anzahl von rund 20 Teilnehmern. Denn die meisten von ihnen arbeiten an Projekten, um GEOS am Leben zu erhalten. Sie entwickeln neue Anwendungen, bauen eine Programm-Datenbank auf und digitalisieren die damals erschienene Literatur – Bücher, Anleitungen und Fan-Magazine.

Initiator der Versammlung ist Johannes Möller. Er hatte damals an der deutschen Übersetzung mitgewirkt, und nachdem ein früheres Schweizer Treffen einschlief, lädt er seit 2003 in ein winziges Örtchen zwischen Leipzig und Chemnitz; in sein Heim, in dem er als Pfarrer wohnt und arbeitet. Dort unterm Dach surren ein Wochenende lang in gemütlichen Räumen zahlreiche PCs, teilweise zünftig an Röhrenmonitoren. Und teilweise sehr viel kleinere Geräte. Denn neben der Linie für Heimcomputer und der für PCs gibt es GEOS auch für zahlreiche mobile Handheld-Rechner von Herstellern wie Nokia, Casio, HP und Tandy, die in den neunziger Jahren als Vorläufer der Smartphones verbreitet waren.

PC/GEOS-Treffen – 30 Jahre (11 Bilder)

Das PC/Geos-Treffen findet jedes Jahr im Pfarrhaus im winzigen Syhra in Sachsen statt. (Bild: René Meyer / heise online)

Beflügelt wird die Szene durch R-BASIC, eine leicht zu erlernende Sprache für den PC, mit der sich Anwendungen entwickeln lassen, ohne sich in das SDK und C einarbeiten zu müssen. Nach rund 10 Jahren Arbeit hat sie die verheißungsvolle Versionsnummer 0.9.9.C erreicht; Weihnachten 2019 soll die 1.0 erschienen. Der Magdeburger Rainer Bettsteller erlaubte sich den Spaß, R-BASIC nicht nur für GUI-Software zu entwerfen, sondern gleichzeitig kompatibel zum BASIC des DDR-Kleincomputers KC 85 zu machen. Damit laufen viele hundert KC-Programme, vor allem Spiele, weitestgehend ohne Anpassungen unter GeoWorks auf dem PC. Systemvariablen wie Farbcodes und das Abfragen spezieller Speicherzellen wie gedrückte Tastencodes werden dazu abgefangen und umgemünzt.

Schon immer war für die GEOS-Familie die deutschsprachige Region ein starker Markt. Markt&Technik, der damalige Platzhirsch unter den Computerbuchverlagen, vertrieb das Paket für Commodore-Rechner und bot eine ganze Palette an Anwendungsprogrammen – und die passenden Bücher und Sonderhefte dazu. Auch die spätere PC-Version hatte in Deutschland mit der HEUREKA Verlags GmbH einen starken Herausgeber – und mit der Computerkette Vobis, die ständig auf der Suche nach Alternativen zu Microsoft war, einen potenten Fürsprecher. Karstadt schnürte ebenfalls seine Okano-Rechner mit GeoWorks zu einem Paket.

Windows 3.0: Wie Microsoft zum Monopolisten wurde

(Bild: winhistory.de)

Am 22. Mai 1990 präsentierte Bill Gates Windows 3.0 unter dem Slogan "Witness the Transformation". Windows 3.0 transformierte Microsoft von einem Software-Anbieter unter vielen zu einem Konzern mit Monopolstellung.

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So scheint es nicht ganz unverdient, dass die Rechte an der Software nach einer langen Reise vielleicht endgültig in Deutschland angekommen sind. Sie begann 1983 in Kalifornien mit der Firma The Softworks, die 1985 in Berkeley Softworks und 1990 in GeoWorks umbenannt wurde. Die Übermacht Microsofts, die Hardware-Hersteller mit Langzeit-Verträgen für Windows an sich banden, und der relativ hohe Preis von 400 DM ließen keine größere Verbreitung zu, zumal GeoWorks Ensemble nur auf 16 Bit basiert und erst spät eine Entwicklungsumgebung angeboten wurde.

1997 gingen die Rechte der Programmsammlung an das Nachfolge-Unternehmen NewDeal; und aus GeoWorks Ensemble wurde NewDeal Office. Es erlebte ab 2000 einen zweiten Frühling als Plattform für den GlobalPC, einen internetfähigen Desktop-Computer, der vor allem in den USA und Kanada vertrieben wurde. NewDeal und der GlobalPC wurden ein Opfer der Dotcom-Krise, und GEOS wechselte ein weiteres Mal Namen und Besitzer: Die Breadbox Computer Company erwarb die Rechte und entwickelte das nunmehr Breadbox Ensemble genannte Paket weiter. Als deren Geschäftsführer vor vier Jahren starb, bemühte sich ein damaliger Angestellter, der langjährige GEOS-Entwickler Falk Rehwagen, erfolgreich um die Software.

Der Leipziger tat damit das Richtige. Er gab voriges Jahr die Rechte frei und veröffentlichte die Quelltexte auf GitHub. Während man sich noch heute etwa um die Rechte des Amiga-Betriebssystems streitet, sind die Weichen gestellt für FreeGEOS. Das ist mit Arbeit verbunden: Einerseits müssen die Bestandteile des Ensembles, die nicht frei sind, ersetzt werden; andererseits basiert die Entwicklungsumgebung auf einem uralten C-Compiler von Borland. (tiw)