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PMRexpo: Neue Chancen für den Digitalfunk

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Auf der PMRexpo, der Leipziger Messe für den professionellen Mobilfunk, gab es am ersten Tag viel Gegenwind für das Angebot von Vodafone, innerhalb des GSM-Netzes das neue Sicherheits-Kommunikationsnetz für den so genannten "Blaulicht"-Funk von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten aufzubauen. "Wir haben keine Fertigungskapazitäten für ein solches Abenteuer", erklärte Tetra-Spezialist Uwe Jakob von Nokia. Peter Damerau, sein Pendant bei Motorola, ergänzte: "Wir bauen keine Serien von speziellen GSM-Geräten in homöopathischen Dosen".

Beide sprachen indes auch als Vertreter des Verbandes Professioneller Mobilfunk, in dem die Anbieter von Tetra- und Tetrapol-Lösungen, nicht aber die GSM-Mobilfunker zusammengeschlossen sind. Dieser Verband wehrt sich entschieden dagegen, ein Kommunikationssystem für Sicherheitsbehörden im heutigen, mitunter überlasteten GSM-Mobilfunk zu realisieren. Für Damerau ist das Verprechen einer billigen GSM-Lösung ohne aufwendiges eigenes Netz leicht zu durchschauen: "Alle Angebote haben eine Laufzeit von zehn Jahren. In den nächsten zehn Jahren aber werden die Anwender von GSM zu UMTS wechseln. So bleibt ein fast leeres Netz zurück, an dem der GSM-Anbieter bestens verdient, weil Polizei, Feuerwehr und andere BOS-Teilnehmer auf dieser Schiene festgenagelt sind." Beide Verbandsvorsitzende ließen an dem GSM-Vorschlag kein gutes Haar. Von der mangelhaften Authentifizierung, den langen Rufaufbauzeiten, dem Priorisierungs-Problem in überlasteten Netzen (etwa zu Silvester) bis zu den unzureichend autarken Stromversorgung von Basisstationen im Katastophenfall reichte die Kritik. Die Antwort der GSM-Verfechter dürfte morgen erfolgen, wenn sich Messe und Konferenzprogramm mit dem Schwerpunktthema GSM beschäftigen.

Dass der Streit wieder richtig aufkocht, hat seinen Grund in der Politik. Ende des Jahres oder auch Anfang 2005 dürfte die deutsche Innenministerkonferenz den Teilnahmewettbewerb für den Sicherheitsfunk beschließen, im ersten Quartal 2005 werden die Vergabeunterlagen veröffentlicht. Den weiteren Zeitplan schilderte der ehemalige Staatssekretär Werner Lichtenberg, heute bei Rohde & Schwarz Bick Mobilfunk: wenn alles glatt über die Bühne gehe, sei die Ausschreibung 2006 unter Dach und Fach, könne der Gewinner 2007 mit der Installation beginnen, hätten die deutschen Sicherheitskäfte 2012 ihr neues Netz, das mindestens 20 Jahre Bestand haben könne. Angesichts dieser Langzeitperspektive bis 2032 plädierte Lichtenberg für mehr Gelassenheit.

Ursprünglich sollte das neue Funknetz für BOS-Dienste zur Fusball-WM 2006 fertig sein. Diese wird nun auf deutscher Seite mit antiquierter Ausstattung bestreitet werden, dafür rücken die Mannschaften anderer Länder mit ihrem jeweiligen BOS-System ein: Jens Franke von der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) machte in seinem Referat deutlich, dass ausländische BOS weitgehende Rechte haben müssen, das Stadion und die Anfahrtswege ihrer Mannschaft mit den jeweiligen Lösungen abzusichern. Spielt Frankreich, ist Tetrapol angesagt, spielt England Tetra. Als Präzendenzfall nannte Franke gegenüber heise online das "Deutsche Haus" während der olympischen Spiele in Athen, das vom Bundesgrenzschutz mit seiner Technik überwacht wurde, während Athen von Motorola und Siemens von einem großen Tetra-Netz abgedeckt wurde. "Sie kommen alle zu uns und bringen ihre Technik mit", so Franke, der in der WM damit auch eine Chance für deutsche Zulieferer sieht.

Franke beschäftigte sich in seinem Referat noch mit anderen Funkbereichen, etwa der Digitalisierung des Eisenbahnfunks durch GSM-R. Mit dem Abschluss der Digitalisierung des Mobilfunks der Eisenbahnen würden Frequenzen frei, auf denen sich die Wirtschaft mit neuen Geschäftsmodellen entwickeln kann -- sofern sie die Chancen sieht. "Wenn wir uns die Aktivitäten und Interessen der CB-Funker vor allem im frei werdenden 2m-Band ansehen, wünschen wir uns, das sie den professionellen Mobilfunkern ein Vorbild sind." Beim Nahfunk erklärte Franke das Potenzial der brachliegenden Kanäle für digitale mobile Videoüberwachung nach dem DVB-T-Standard. So würden Tunneleingänge und Bahnhöfe mit dem S&S-Konzept (Sicherheit und Sauberkeit) von diesem System profitieren, gefolgt von fahrerlosen Nahverkehrssytemen, wie sie etwa in Nürnberg in der Erprobung sind. Die nun frequenztechnisch mögliche Videoüberwachung von Zügen bei der Bahn sei ein neuer Markt mit erheblichem Potenzial für alle Anbieter. Waggons, in denen Hooligans schon bei der Anreise zu einem Fußballspiel entdeckt werden können, sind so gesehen auch ein Beitrag zu einer sicheren Fußball-WM. (Detlef Borchers) / (anw)