PS4-Titel Dreams: Spielen und Entwickeln mit dem Universalgenie

Mit der PS4-Plattform Dreams können Anfänger und Profis intuitiv eigene Spiele basteln und der Community zur Verfügung stellen. Das Potenzial ist enorm.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 30 Beiträge

(Bild: Sony)

Von

Ganz bodenständig beginnt das Intro des PS4-Exklusivtitels Dreams mit einem Urknall, der Formen, Farben und Leben freisetzt. Die britischen Entwickler von Media Molecule sind bekannt dafür, ihre Spiele mit kreativen Ideen und Inhalten aus der Community zu bereichern. Was in LittleBigPlanet seinen Anfang nahm, treibt Dreams nun auf die Spitze: Das Programm ist kein Spiel im eigentlichen Sinne, sondern eine ausgesprochen hübsche Entwicklungs-Plattform, in der Nutzer ihren Einfallsreichtum auf vielfältige Art zum Ausdruck bringen und die Resultate mit anderen Spielern teilen können – von virtuellen Stillleben über Musikvideos bis hin zu komplexen Videospielen ist alles machbar. Man kann sich Dreams gut als Software-gewordenen Game-Jam vorstellen. heise online konnte Dreams im Vorfeld der Veröffentlichung am 14. Februar ausprobieren und mit Entwicklern sprechen.

Das Hauptmenü gliedert sich in zwei Punkte: Im "Traumsurfen" kann man von Entwicklern und Community erstellte Inhalte spielen, im "Traumformen" selbst kreativ werden. Das Kernstück von Dreams ist ein mächtiges Developer-Tool, das jede Menge Möglichkeiten eröffnet. Man modelliert, animiert, komponiert und scriptet, wie man es von einem Entwicklerprogramm eben erwartet. Die zahlreichen Werkzeuge haben enormen Tiefgang: Für Musik und Zwischensequenzen stehen zum Beispiel Zeitleisten zur Auswahl, in denen man Instrumente im fliegenden Wechsel austauschen, die Wiedergabegeschwindigkeit ändern und Audiowellen remixen kann.

Gesteuert wird alles mit dem Gamepad. Media Molecule nutzt den Bewegungssensor des Dualshocks, um den putzigen Wichtel-Cursor im Raum zu bewegen. Mit der rechten Schultertaste greift man Objekte, um sie anschließend zu verschieben, zu verzerren oder zu drehen. Die Steuerung mit dem Gamepad ist zu Beginn gewöhnungsbedürftig, mit etwas Übung gehen die Werkzeuge aber flotter von der Hand. Etwas intuitiver steuert sich der Editor mit dem Move-Controller. Tastaturen kann man anschließen, um zum Beispiel Dialoge zu schreiben, Computermäuse werden hingegen nicht unterstützt


Einfache Spielmechaniken lassen sich so recht schnell umsetzen: Um eine Plattform zu bauen, die sich bewegt, sobald eine Spielfigur darauf hüpft, sind nur wenige Schritte nötig. Erst muss die Plattform platziert werden, anschließend wählt man das Aufzeichnungswerkzeug aus und lässt es manuelle Bewegungen mitschneiden. Dann zerrt man die Plattform je nach Wunsch durch die Gegend und stoppt die Aufnahme. Anschließend muss nur noch eine Trigger-Zone auf die Plattform gelegt und mit der Aufzeichnung verknüpft werden. So lassen sich grundlegende Interaktionen vergleichsweise unkompliziert umsetzen. Media Molecule hat ausführliche Tutorials reibungslos in den Editor integriert, um den Einstieg zu vereinfachen.

Was Profis mit den Werkzeugen anstellen können, demonstriert Media Molecule selbst mit einer Sammlung von Minispielen, die im kurzen Story-Modus von Dreams zusammengetragen ist. "Wir wollen damit in erster Linie angeben und unsere Spieler inspirieren", scherzt Community-Manager Tom Dent im Gespräch mit heise online. Tatsächlich beweist sich "Arts Traum" als umwerfendes Gemisch aus Ideen, Genres und Stimmungen, das die Tiefe des Editors veranschaulicht – alle Inhalte wurden ausschließlich mit den Tools entwickelt, die auch den Usern zur Verfügung stehen. Grafisch aufwendige Adventure-Spiele, Sidescroller im Pixel-Look und Ego-Shooter sind nur ein Teil der Inhalte, die sich mit Dreams umsetzen lassen. "Man kann sogar Rollenspiele mit Charaktersystem und Fertigkeitsbäumen basteln", sagt Dent. Neben Videospielen finden sich bei Dreams auch digitale Installationen und animierte Filmchen, die mit dem Editor erstellt wurden.

Auch wenn Media Molecule mit eigenen Inhalten einen guten Takt vorgibt, steht und fällt Dreams in erster Linie mit der Arbeit der Community. Dank der langen Early-Access-Phase umfasst Dreams schon vor dem Release über 100.000 Spiele, Szenen und Assets. Die Bastler greifen sich selbst unter die Arme: Manche leisten Grundlagenarbeit und stellen ihre Modelle anderen Spielern zur Verfügung, andere schließen sich zu Teams zusammen und arbeiten monatelang an Großprojekten. Die Community ist auch dafür verantwortlich, Inhalte zu kuratieren und die besten Kreationen im "Traumiversum" genannten Marktplatz nach oben zu spülen.

Nicht alle Dreams-Schöpfungen erreichen die beeindruckende Qualität von "Arts Traum", viele hat man nach wenigen Minuten schon durchgespielt. Doch unter den beliebtesten Community-Spielen finden sich tolle Ideen und spaßige Konzepte. In "Ruckus" steuert man zum Beispiel ein knuffiges Godzilla-Monster, um dessen Zerstörungswut an Hochhäusern, Schiffen und Riesenrädern abzureagieren. "Ommy Kart" ist ein niedlicher Mario-Kart-Klon, bei dem Spieler ganz wie im Vorfeld zwischen verschiedenen Charakteren auswählen und Raketen verschießen können. In "Prometheus" wird recht traditionell geballert, und in der Media-Molecule-Dreingabe "Hau Drauf" hämmert man im Wettbewerb mit einem Gegenspieler erst Nägel in Holz, bevor das Spiel in Level 2 in einen Ballsportmodus übergeht, der an Rocket League erinnert.

PS4-Titel Dreams: Videospiele Marke Eigenbau (10 Bilder)

Die ersten Schritte im Editor von Dreams: Am Anfang ist es schon eine Herausforderung, Objekte in den Raum zu pflastern. Die Steuerung mit dem Gamepad braucht Eingewöhnung.
(Bild: heise online)

Vor allem aber macht es Spaß, einfach durch den Marktplatz zu stöbern, zu staunen und neue Dinge auszuprobieren. Alle Kreationen in Dreams sind kostenlos – man kauft das Programm einmal für 40 Euro und hat Zugriff auf eine potenziell endlose Spielebibliothek, Mikrotransaktionen gibt es aktuell nicht. Das bedeutet, dass man ungehemmt forschen und ausprobieren kann. Es heißt aber auch, dass Entwicklern kein direkter Weg offensteht, mit ihren Kreationen Geld zu verdienen. Media Molecule räumt die Rechte an den Kreationen allerdings komplett den Schöpfern ein – ein sympathischer Gegenentwurf zu den Raff-Richtlinien anderer Spielefirmen. Wer mit Dreams also ein erfolgreiches Spiel auf die Beine stellt, kann es theoretisch ohne Furcht vor juristischen Streitigkeiten außerhalb von Dreams nachbauen und auf anderen Plattformen zum Kauf veröffentlichen.

Wer Dreams spielen will, sollte laut Media Molecule mindestens 12 Jahre alt sein. Inhalte für Erwachsene sind also nicht willkommen. Dreams-Kreationen werden grundsätzlich erst dann geprüft, wenn Nutzer sie melden, nicht schon vor der Veröffentlichung. Auch bei möglichen Copyright-Verletzungen lässt das britische Studio die Leine recht lang: Spiele werden erst gelöscht, wenn eine Beschwerde eingeht. Der betroffene Nutzer bekommt dann die Möglichkeit, seinen Titel zu überarbeiten und neu zu veröffentlichen.

Entwickeln, spielen, erkunden – Dreams trieft vor Flair. Wer sich durch den Marktplatz klickt, wird sich an Forrest Gumps berühmte Pralinenschachtel erinnert fühlen: So ganz weiß man nie, worauf man sich da gleich einlässt. Die Freude am Entdecken macht den Charme dieser einzigartigen Kreativplattform aus, die in den kommenden Monaten nur weiter wachsen und reifen wird. Entwickler Media Molecule will zum Beispiel noch die nötige Infrastruktur für einen Online-Mehrspielermodus nachreichen, damit man für Multiplayer-Titel nicht mehr auf den Spielpartner auf der Couch angewiesen ist. Support für PSVR ist ebenfalls in Arbeit. Weil nach dem Release auch die Anzahl der verfügbaren Spiele und Assets weiter in die Höhe schießen dürfte, wird es den Käufern so schnell nicht langweilig werden.

Kreative Köpfe, die sich mit der Gamepad-Steuerung anfreunden können, bekommen mit den umfassenden Entwicklertools außerdem eine relativ zugängliche Möglichkeit, ihren Ideenreichtum in die Tat umzusetzen. Vielleicht entspringen aus den Dreams-Werkzeugen ja die nächsten großen Spielkonzepte? Die Voraussetzungen sind gegeben. Jetzt liegt es an der Community, das beste daraus zu machen. (dahe)