Patente als Zeitbombe für Wimax

Analysten erwarten den Wimax-Boom kurzfristig in Schwellenländern, doch droht Qualcomms Aufkauf von Flarion den Adapterpreis durch Lizenzgebühren hochzutreiben.

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Von
  • Daniel AJ Sokolov

Eine Lizenzgebühren-Pflicht für Wimax-Technik wird immer wahrscheinlicher. Geldforderungen von Patent-Meister Qualcomm sind ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor für die Geschäftspläne von Wimax-Lieferanten und -Netzbetreibern. "Das ist die Zeitbombe in Wimax", meinte Caroline Gabriel von Rethink Research am Rande der Konferenzmesse Wimax World Europe in Wien gegenüber heise online. Als erster Hersteller hat sich Soma Networks Ende April mit Qualcomm auf Zahlungen in unbekannter Höhe geeinigt. "Das hat auch die letzten vagen Hoffnungen zerstreut, dass die Patente nicht anwendbar sein könnten", sagte Gabriel.

Mit der im Januar erfolgten Übernahme von Flarion hat Qualcomm entscheidende Patente für OFDM (Orthogonal Frequency Division Multiplex) erworben. Der Branchenverband Wimax Forum hat zwar alle Mitglieder aufgefordert, alle Patentansprüche vor Verabschiedung der Standards anzumelden – bloß ist Qualcomm kein Mitglied des Wimax-Forums. Nun fürchtet die Branche finanzielle Belastungen, auch wenn sie nicht ganz so hoch wie bei UMTS ausfallen dürften. Dort konnte Qualcomm noch mehr Patente aus dem Ärmel ziehen. "Das Problem ist die Art, wie Standardisierungen ablaufen. Zuerst einigen sie sich auf einen Standard und nachher beginnen sie um die Intellectual Property Rights zu streiten", so Gabriel. "Das Europäische Institut für Telekommunikationsnormen versucht jetzt, alle Unternehmen zu einer Offenlegung zu bewegen, wenn sie sich an einem Standardisierungsprozess beteiligen."

Auf der Wimax World hatte Gabriel die Ergebnisse einer Umfrage unter 300 Netzbetreibern aus aller Welt präsentiert. 250 von ihnen interessierten sich aktiv für Wimax. Die größten Markterfolge werden in Entwicklungsländern mit starkem Wirtschaftswachstum erwartet, gefolgt von dünn besiedelten Gebieten wohlhabenderer Länder und – langfristig – dem Einsatz als Backbone-Netz für Mobilfunkbetreiber. Eine UNO-Liste führt 40 prosperierende Entwicklungsländer mit zusammen 3,6 Milliarden Einwohnern auf. In diesen dürften die größten Wimax-Netze entstehen. Deren Betreiber träumen von Endgeräten, die so günstig sind, dass Subventionen durch den Netzbetreiber überflüssig werden. Dieses Ziel ist schon durch die Vielfalt an Wimax-Techniken – IEEE-Standards 802.16a, 802.16d-2004 (Wimax Fixed) und 802.16e-2005 (Wimax Mobile) sowie zahlreiche ähnliche proprietäre Entwicklungen – und die unterschiedlichen Frequenzblöcke (von 700 MHz bis über 5 GHz) schwer zu erreichen, weil so keine Massenfertigung einfacher Apparate erfolgen kann. Die Gebühren für Patentlizenzen könnten dem Traum vom billigen Wimax-Modul endgültig den Garaus machen: "Das Zehn-Dollar-Gerät wird es niemals geben", ist Gabriel überzeugt.

Noch längere Zeit auf sich warten lassen dürften Mobile-Wimax-Netze. "Wir sehen Wimax als eine prä-mobile Technologie. Wirkliche Mobilität wird noch für mehrere Jahre keine Option sein", so Gabriel. Endgeräte im PDA-Format erwartet sie erst für 2009. "Viele Netzbetreiber warten auf 802.16e. Es wird kaum jemand 802.16d bauen und auf 802.16e upgraden. Nur in Einzelfällen könnte es gemischte Netze mit dualen Modulen geben", berichtete die Analystin, "32 Prozent der interessierten Betreiber sind aber gar nicht an Mobilität interessiert. Manche werden trotzdem 802.16e einsetzen." Denn der Mobil-Standard könne natürlich auch stationär genutzt werden.

Um die Gretchenfrage "d oder e" drehte sich auch der Vortrag Manish Guptas vom Lieferanten Aperto Networks. "Es gibt kein Upgrade von 802.16d zu 802.16e", betonte er, "Das sind zwei verschiedene Techniken." Die von Konkurrenten versprochenen Software-Upgrades würden sich nicht auf praktikable Weise realisieren lassen. Wer jetzt ein Netz bauen wolle, solle zu 802.16d greifen – oder noch besser zu einer 802.16d-Variante mit "Enhanced OFDM", einer um Subchannelization und fortschrittlichere Antennen erweiterten Variante. Von der Ratifizierung des 802.16d-Standards bis zu den ersten Hardware-Zertifizierungen habe es eineinhalb Jahre gedauert. Der "Mobile Wimax"-Standard 802.16e, der Verbindungsübergaben bei Geschwindigkeiten von bis zu 120 km/h vorsieht, ist erst im Dezember verabschiedet worden. "Es gibt keine Zertifizierungen, keine Netze, nur Ankündigungen", so Gupta, "Und 16e ist noch komplizierter als 16d." Bei Sichtverbindungen weise 802.16e zudem eine um zehn Prozent niedrigere Bandbreite auf. Motorola verzichtet indes auf 802.16d und will in der zweiten Jahreshälfte die ersten 802.16e-Basisstationen liefern. Erwartungsgemäß konträr ist dort die Sicht der Dinge: Die Diskussion sei eigentlich vorbei, die Zukunft läge bei Mobile Wimax. (Daniel AJ Sokolov) / (ea)