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Pathologic 2 angespielt: Der Wahnsinn wird spielbar

Kryptisch, verworren und doch große Kunst? Pathologic 2 testet die Grenzen des Mediums Videospiel.

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(Bild: Ice Pick Lodge)

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In Pathologic 2 vom russischen Entwickler Ice Pick Lodge ist nichts so, wie es scheint. Das fängt schon beim Namen an, denn tatsächlich handelt es sich bei Pathologic 2 um keine Fortsetzung, sondern eine Neuinterpretation des ersten Teils. Dieser wurde 2005 kein großer Hit, aber hat sich über die Jahre hinweg durch seinen eigenwilligen Mix aus krudem Adventure und Survival-Horror zu einem Kult-Hit entwickelt. Eine erfolgreiche Kickstarter-Kampagne beschert uns nun nach mehreren Verzögerungen die Neuauflage.

Chirurg Artemy Burakh kehrt nach Jahren in seine Heimatstadt zurück und wird gleich mit einem Schicksalsschlag konfrontiert: Sein Vater wurde ermordet. Der Mob beschuldigt Artemy der Tat und macht Jagd auf ihn. Während im Umkreis der Stadt ein Krieg wütet und die Bewohner entweder wegen Hunger oder Krankheit verenden, muss Artemy seine Unschuld beweisen und den wahren Mörder seines Vaters finden.

Wer jetzt ein geradliniges Krimi-Abenteuer erwartet, wird sich schnell vor Verwunderung die Augen reiben. Die Entwickler erzählen stattdessen eine rätselhafte Geschichte mit surrealen Theateraufführungen, osteuropäischen Mythen und brutalem Überlebenskampf. Das Genre ist schwer zu fassen: hier ein bisschen Survival-Horror, dort ein wenig Walking-Sim und dazwischen eine Prise Rollenspiel. Dieser Mix ist einerseits herrlich unkonventionell, aber andererseits auch sehr sperrig und verworren.

Spielszenen aus Pathologic 2

Um das Geheimnis der Stadt zu klären, irrt Hauptfigur Artemy durch die verwinkelten Stadtbezirke und versucht, das Vertrauen der Bewohner zurückzugewinnen. Diese führen ihn dann von einem Ort zum nächsten, ganz langsam fügen sich die Puzzelteile zusammen. Oder auch nicht: Ganz sicher ist in Pathologic 2 nichts. Die Gesprächspartner machen nur vage Andeutungen und weichen Fragen aus, während verstörende Begegnungen mit maskierten Unbekannten und Andeutungen auf indigene osteuropäische Mythen für zusätzliche Verwirrung sorgen.

Knifflig wird das Spiel durch den hohen Zeitdruck, denn Artemy hat nur 12 Tage Zeit, um dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen. Da kommt nun der Survival-Aspekt ins Spiel, denn Essen, Werkzeuge und Waffen sind äußerst rar. Dazu muss sich Artemy noch mit einer geheimnisvollen, tödlichen Krankheit herumärgern, die sein Leben und das der Stadtewohner bedroht. Von Anfang an ist Artemy deshalb auf der Suche nach Nahrung und Kräutern, aus denen er Heiltränke brauen kann, um die Krankheit zumindest zu verlangsamen.

Ständig steht Artemy vor einem moralischen Dilemma: Den Patienten retten oder lieber seine Organe verkaufen? Das Leben der Seherin riskieren, um mit dem toten Vater zu sprechen? Jede Entscheidung kann drastische Auswirkungen haben, die sich nicht wieder geradebiegen lassen. Mit jeder Spielminute steigt das mulmige Gefühl, dass man den falschen Weg eingeschlagen hat und Hilfsmittel immer knapper werden.

Glücklicherweise können die Spieler an bestimmten Stellen speichern, doch auch das hat einen Haken. Zwar werden sie nach einem Bildschirmtod wieder am Speicherort erweckt, aber sie müssen als Strafe mit einem Malus auf Lebenspunkte, Hunger und Infektionsgrad rechnen. Dadurch gerät der Spieler in eine Art gnadenlose Todesspirale, die ihn unaufhaltsam in den Abgrund zieht. Die häufigen Bildschirmtode frustrieren mehr als das Tausendste Ableben in Dark Souls, weil man in Pathologic 2 einfach so hilflos ist.

Pathologic 2 angespielt (5 Bilder)

Surreal, eigenwillig und konsequent. Pathologic 2 verstört mit originellen Bilderwelten.
(Bild: heise online)

Aber das ist nur konsequent. Pathologic 2 will eben anders sein. Es gibt keine Hilfestellungen in einer Welt, die durch Armut, Krieg und Tod geprägt ist. Wo andere Spiele durch Autoheal oder Schnellspeichern Sicherheit und Zuflucht bieten, setzten die russischen Entwickler auf ein unbarmherziges Design. So kann es schon passieren, dass der Spieler anfangs stundenlang orientierungslos durch die Gegend irrt, weil sich das Ziel nur langsam entfaltet. Das Spielprinzip ist in Pathologic 2 nur Mittel zum Zweck, um schwermütige Themen wie Tod und Verlust erfahrbar zu machen. Auch über das Medium Videospiel an sich hat Pathologic 2 einiges zu sagen.

Dabei ist Pathologic 2 selbst kaum ein Spiel, sondern eher eine interaktive Kunstinstallation. Das düstere Gesellschaftsporträt spielt mit der Erwartungshaltung des Spielers, um konventionelle Erzähl- und Spielmechaniken konsequent ad absurdum zu führen – das ist faszinierend und mühsam zu gleich. Oft fühlt man sich als Spieler vor den Kopf gestoßen: etwa vom hohen Schwierigkeitsgrad, der jeden Fehler nachhaltig bestraft. Oder von den kryptischen Gedankenspielereien der russischen Entwickler, deren Talent für undurchdringbare Videospiele weltweit einzigartig ist

Wie schon der Vorgänger ist Pathologic 2 deshalb vor allem für eine spezielle, experimentierfreudige Spielergruppe. Die Fans von Ice Pick Lodge werden sich aber darüber freuen, dass das Studio sich auch nach all den Jahren nicht hat verbiegen lassen, um sich dem den Massenmarkt anzubiedern. Pathologic 2 ist, wie Teil 1, eine einzigartige Spielerfahrung: originell, konsequent, aber auch unbarmherzig und sperrig.

Nach einem Patch kann zwar der Schwierigkeitsgrad heruntergesetzt werden, aber dadurch verliert das Spiel auch viel von seiner gnadenlosen Wucht: Der allgegenwärtige Tod, der Hunger und der Verlust sind wesentliche Bestandteile der Spielerfahrung.

Pathologic 2 ist als Download für Windows erschienen. Versionen für Xbox One und PS4 sollen folgen. Das Spiel kostet ca. 30 Euro. USK ungeprüft. Für unseren Artikel haben wir haben wir mehrere Stunden die Windows-Version gespielt. (dahe)