Peinliche Schlappe für AOL

Nach der Heirat von Time-Warner mit AOL befahl das Time-Warner-Management seinen Angestellten, das E-Mail-Programm von AOL zu verwenden. Nach vielen Pannen rudert das Unternehmen jetzt wieder zurück.

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Von
  • Urs Mansmann

Die Aufforderung an die Angestellten vor rund einem Jahr kam von ganz oben: Ab sofort sei nur noch das E-Mail-System von AOL zu verwenden, hieß es im ehemaligen Time-Warner-Konzern, der mit AOL fusionierte. Die 82.000 Beschäftigten sollten mit dem Wegfall von Lizenzgebühren dem Konzern auch Geld sparen. Nach einem Bericht des Wall Street Journal zogen die Verantwortlichen die Order kürzlich wieder zurück, nachdem AOL zahlreiche Probleme nicht lösen konnte.

Die Pannen mit dem eigens für das Unternehmen angepassten AOL-E-Mail-System hatten sich gehäuft. Beispielsweise wurden Chefs, die zu Meetings einluden und entsprechend ihre Mitarbeiter informierten, aufgrund der gleich lautenden Mails an viele Empfänger als "Spammer" klassifiziert, die Einladungen kamen nie an. Das sorgte für zusätzlichen Stress: Eine E-Mail mit großem Dateianhang ließ sich nicht an eine Werbeagentur versenden. In letzter Minute musste ein Angestellter Ausdrucke per Taxi abliefern.

In internen Schreiben wiesen leitende Mitarbeiter darauf hin, dass rund zwei Prozent der E-Mails verloren gingen und baten darum, bei wichtigen E-Mails nachzufragen, ob sie den Empfänger erreicht hätten. Kritik entzündete sich auch daran, dass E-Mails mit den in USA verbreiteten Blackberry-PDAs nicht abrufbar sind, weil AOL zum Benutzen des eigenen Online-Programms zwingt, das aber nicht für alle Hard- und Software-Plattformen verfügbar ist.

Bei Time-Warner haben viele Mitarbeiter wieder zu Arbeitsweisen aus der Vor-Internet-Ära zurückgefunden: Die Mitarbeiter schicken nach eigener Einschätzung wieder mehr Faxe, nutzen häufiger Postzustelldienste und greifen öfter zum Telefon.

Auch in Deutschland reißen Berichte über Pannen beim E-Mail-Dienst von AOL nicht ab. Immer wieder erreichen E-Mails ihren Adressaten bei AOL nicht, weil das Unternehmen versucht, die Kunden gegen unerwünschte Werbung abzuschotten. Dabei schütten die Verantwortlichen offenbar immer wieder das Kind mit dem Bade aus und blocken den Mail-Empfang von ganzen Domains. Das traf vor einigen Wochen die Kunden von Strato, deren Mails an AOL-Adressen ohne jeden Hinweis an den Absender einfach gelöscht wurden. Einige Anbieter bei eBay beispielsweise kassierten dadurch schlechte Bewertungen, weil sie auf E-Mails nicht reagierten -- kein Wunder, die hatten sie auch nie erhalten. Dafür kommt viel unnütze Post: Viele AOL-Kunden klagen darüber, dass pro Tag zehn bis 20 Werbe-E-Mails den Postkasten verstopfen. (uma)