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Pervasive 2004: Gesamtcomputer und zwitschernde Flaschen

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Rund 300 Wissenschaftler und Fachleute aus der Industrie diskutieren noch bis Freitag in Wien über Vision und Wirklichkeit des Pervasive Computing. Vor gut zehn Jahren ist zum ersten Mal die Vision vom Pervasive Computing, seinerzeit noch unter dem Schlagwort Ubiquitous Computing, als Vorstellung von einer allgegenwärtigen Datenverarbeitung formuliert worden. Intelligente Gegenstände und spontan drahtlos vernetzte kleine Geräte sollten den Computer im Zusammenspiel überflügeln und dem User in alltäglichen Situationen assistieren -- ohne dass dieser sich mit lästigem Kleinkram wie Konfiguration, Betriebssystem oder Übertragungsprotokollen auseinander setzen muss.

Bereits zur Eröffnung hatte der wissenschaftliche Vorstand der Tagung, Professor Alois Ferscha vom Institut für Pervasive Computing der Universität Linz, das technisch orientierte Fachpublikum mit kulturellem Hintergrund aufgerüstet: Nach Klängen aus Carl Orffs Carmina Burana spannte Ferscha einen weiten historischen Bogen zur Künstlergruppe der Wiener Secession, die -- in Abgrenzung zum damals vorherrschenden "barocken Kunstbegriff" -- einen radikalen Neuanfang propagierte und ihre Kunst in die Alltagswelt integrieren wollte. So wie das "Gesamtkunstwerk" der Secession, schaffe Pervasive Computing, meint Ferscha, einen "Gesamtcomputer", der nicht mehr "monolithisch als Kasten den Schreibtisch beherrscht", auch wenn in der "barocken Informatik" gelegentlich noch immer über die relativ junge Disziplin "gekichert" werde.

Wie Kunst und Informatik miteinander verschmolzen werden können, erläuterte am heutigen Donnerstag der enthusiastische Hiroshi Ishii dem Fachpublikum. In seinen Projekten unter der Überschrift Tangible Bits will der am MIT forschende Japaner die Möglichkeiten der "physikalischen Repräsentation von Bits" erkunden. Klingt abstrakt, ist aber gelegentlich so einfach wie die Flasche, aus der beim Öffnen Vogelgezwitscher ertönt, wenn die Wettervorhersage Sonnenschein verheißt.

Während die Forschergemeinde vor zwei Jahren noch recht grundsätzliche technische Probleme diskutierte, sind konkrete Lösungen für beispielsweise die Lokalisierung innerhalb von Gebäuden, die spontane Vernetzung mobiler Geräte oder die Repräsentation von Kontext-Informationen mittlerweile sehr viel zahlreicher. Viele der bereits seit über zehn Jahren immer wieder zitierten bunten Visionen müssen allerdings noch immer eine große Hürde auf dem Weg vom Labor in die Realität überwinden. (wst)