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Pervasive 2005: Realitäts-Abgleich

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"Real life" -- das richtige Leben -- rückt mehr und mehr in das Zentrum der Aufmerksamkeit von Forschern, die sich mit dem Thema "Pervasive Computing" beschäftigen. Zumindest kristallisiert sich diese Erkenntnis an den Vorträgen und Diskussionen der Fachtagung Pervasive 2005. Auch wenn sich die rund 300 Experten aus Wissenschaft und Industrie, die noch bis Freitag in München und Oberpfaffenhofen tagen, bisweilen mit eher ungewöhnlichen Fragestellungen beschäftigen: Wie genau man beispielsweise aus Geräuschen auf "Aktivitäten in Badezimmern" schließen kann oder welches Energiesparpotenzial ein Sensor hat, der sich wie eine Zecke an Menschen kettet und sich parasitär in eine Umgebung tragen lässt, in der er seine Batterien aus den vorhandenen elektromagnetischen Feldern wieder auflädt (hier ein etwas älteres Paper aus 2004).

Pervasive Computing beschäftigt sich mit Systemen, "die den Nutzungskontext des Benutzers erfassen und somit Informationen in maßgeschneiderter Form an den Benutzer weitergeben können" -- der Computer verschwindet sozusagen vom Schreibtisch des Benutzers und verschmilzt "immer mehr die physikalische Welt mit ihrer digitalen Repräsentation zu einer Einheit". Jedenfalls in den Visionen der Forscher.

Und die gibt es nicht erst, seit Pionier Mark Weiser sein mittlerweile legendäres Papier The Computer for the 21st Century veröffentlicht hatte. Professor Rolf Pfeifer vom AI-Lab der Universität Zürich, der sich normalerweise mit Robotern und künstlicher Intelligenz beschäftigt, wies bei seiner Eröffnungs-Keynote darauf hin, dass Ken Sakamura bereits 1984 die Basis seines TRON Operating Systems entworfen hatte, das seine Dienste beispielsweise in einem TRON Intelligent House verrichtet.

Eine solche "intelligente Umgebung" muss im wesentlichen zwei Anforderungen erfüllen: den User lokalisieren und sinnvoll auf die Anforderungen des Users reagieren -- im besten Fall ohne explizite Anweisung. Lokalisierung und die Auswertung und Modellierung von Kontext-Informationen sind noch immer im experimentellen Stadium, haben sich aber in den vergangenen Jahren zügig weiter entwickelt.

"Es geht nicht mehr nur allein um die coole Technologie und die tollen Resultate", erklärt Organisator Albrecht Schmidt von der LMU München. "Die Wissenschaftler gehen mehr und mehr dazu über, ihre Ergebnisse im Rahmen einer konkreten Anwendung zu diskutieren. Friedemann Mattern von der ETH Zürich ergänzt: "Man braucht nicht immer 100 Prozent Gewissheit! Wenn ich beispielsweise den Wirkungsgrad einer Heizung um zehn Prozent verbessern kann, ist das besser als nichts. Und es ist nicht wirklich schlimm, wenn es mal kalt ist, wenn ich nach Hause komme, weil der Computer die falschen Folgerungen gezogen hat."

Dass um solche Fragen noch heftig diskutiert werden wird, bewies nicht zuletzt Jianfeng Chen, der ein System vorstellte, das die Aktivitäten innerhalb eines Badezimmers aus den dort erzeugten Geräuschen herauslesen soll. Das System soll beispielsweise in der Altenpflege eingesetzt werden und helfen, Personal zu alarmieren, falls ungewöhnliche Störungen des üblichen Tagesablaufes auftreten.

Chen und Kollegen nutzten Erfahrungen aus der Sprachtechnologie: Das lauschende Mikrofon -- die Sounds werden erst aufgezeichnet, dann analysiert -- sollen dem User nicht das Gefühl vermitteln ausspioniert zu werden, wie es Kameras täten. Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass ältere Menschen ein solches System akzeptieren würden, wenn es ihnen hilft, länger und besser unabhängig zu leben

Die Wissenschaftler präsentierten eine Genauigkeit von mehr als 84 Prozent. Einer der Diskutanten warf jedoch ein, dass man aus den Geräuschen nicht wirklich ableiten kann, ob die Person sich beispielsweise wirklich die Hände wäscht, oder nur das Wasser laufen lässt, weil sie vergessen hat, was sie eigentlich tun wollte.

Siehe dazu auch in Technoly Review aktuell: (wst)

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