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Pionier der polizeilichen Informationsverarbeitung: zum Tode von Horst Herold

Der ehemalige BKA-Präsident Horst Herold ist im Alter von 95 Jahren gestorben. Er stellte die EDV in den Dienst der Verbrechensbekämpfung.

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Pionier der polizeilichen Informationsverarbeitung: zum Tode von Horst Herold

(Bild: Bundeskriminalamt (twitter.com))

Wie seine Familie gegenüber der Süddeutschen Zeitung bekannt gab, ist der Kriminalist Horst Herold nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Herold leitete das Bundeskriminalamt von 1971 bis 1981 und war damit oberster Fahnder bei der Suche nach Mitgliedern der ersten beiden Generationen der Rote Armee Fraktion (RAF). Bei dieser Fahndung entwickelte er mit seinen Datenverarbeitungs-Experten die "negative Rasterfahndung".

Voraus-Prognose möglicher Tatorte

Die Beschäftigung mit dem Computer, seine Ausbildung zum "elektronischen Kommissar" begleitete den gelernten Kriminalgeografen von Beginn seiner Karriere an. Bereits 1964 veröffentlichte Herold als Kriminaldirektor in Nürnberg die Schrift "Organisatorische Grundzüge der elektronischen Datenverarbeitung im Bereich der Polizei". Ausgehend von der Kriminalgeografie wollte er ein System entwickeln, das bereits Ähnlichkeit mit dem "predictive computing" und dem Profiling von heute aufwies, also der räumlich erfassten Voraus-Prognose möglicher Tatorte. Herold wurde 1969 Mitglied einer Kommission, die die Polizeisysteme INPOL und PIOS entwickelte. Er wurde Präsident des Bundeskriminalamtes, nachdem die Rote Armee Fraktion im Mai 1970 mit ersten Aktionen von sich reden machte. Im Laufe seiner Amtszeit wurde das BKA zur einer schlagkräftigen Truppe umgebaut, wobei der Einsatz von Computern eine wichtige Rolle spielte. Kybernetik und Polizeiorganisation, so eine Schrift von Herold, gehörten zusammen.

Die vom SPD-Mitglied Herold entwickelte Rasterfahndung verstand er nicht als grundrechtswidrige Erfassung aller möglichen Bürger, sondern als Maßnahme, die den Datenschutz als "negative Rasterfahndung" berücksichtigen sollte. So sollten die Daten aller Bürger in einer großen Datei abgelegt werden, um dann Stück für Stück "datenschützend" gelöscht zu werden, bis eine Handvoll verdächtiger Bürger zurückblieb. Kritiker sahen das System ganz anders und interpretierten es als Schritt in den Überwachungsstaat. Besonders bekannt wurde die Kritik von Hans-Magnus Enzensberger, der im Spiegel über den Sonnenstaat des Dr. Herold ätzte.

Datenrasterung

Herold selbst schrieb 1984 zur Verteidigung seiner Methode der Datenrasterung: "In Umkehrung der bisherigen polizeilichen Ermittlungsweise forscht sie nach den Gruppenmerkmalen, die dem Täter nicht anhaften und die deshalb als 'negative' Merkmale zu bezeichnen sind. Wenn aufgrund der Ermittlungen etwa feststeht, dass der Täter kein Rentner, kein Student und kein Arbeitsloser war, so kann die Polizei Rentenversicherungen, Universitäten und Arbeitsämter bitten, die Daten, die die genannten Behörden verwalten, aus einem zu untersuchenden Datenbestand herauszulöschen, d.h. dort physikalisch zu vernichten. Dies schließt aus, dass die Polizei die einzelnen Datensätze der Rentner, Studenten und Arbeitslosen 'in die Hand nehmen' und aus ihnen durch heimliche Kriterien andere als die vorgegebenen Ergebnisse entnehmen kann. Besser als durch Datenvernichtung im Fremdbestand kann die verwahrende Behörde ihre Personendaten nicht schützen. Während bei der 'elektronischen Bürofahndung' Ergebnisbestände aufgebaut werden, die erst den Ausgangspunkt weiterer Suchmaßnahmen bilden, können Rasterfahndungen, je nach dem Fahndungsziel, durch Herauslöschen aller Gruppen, die Legalität verkörpern, bereits den oder die Verdächtigen liefern."

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Kriminalphilosoph

Mit der Methode fand die Polizei tatsächlich mehrere RAF-Mitglieder und konnte nach einem PIOS-Datenabgleich von Meldedaten drei von vier Entführern der Lufthansa-Maschine "Landshut" noch während des Fluges ermitteln. Die Methode führte aber auch zur größten Niederlage in der Karriere von Herold: Ein Fernschreiben eines Polizisten über eine verdächtige Wohnung wurde im Entführungsfall von Hanns-Martin Schleyer nicht in das System eingegeben, wo es nach dem Suchsystem unmittelbar einen Alarm ausgelöst hätte. Nach dieser Panne wurde Herold 1981 in den Ruhestand versetzt, wo er sich weiter mit der Polizei-IT beschäftigte, aber nicht mehr aktive Unterstützung gab. In dieser Zeit lebte er auf einem Kasernengelände in einem Haus und wurde dort zum Kriminalphilosophen. Erst vor wenigen Jahren konnte Horst Herold in seine Heimat nach Nürnberg zurückkehren und ohne Staatsschutz-Überwachung leben.

(tiw)

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