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Technology Review

Piraterie nutzt Hollywood

Filesharing verursache riesige Einnahmeverluste, klagt die Filmindustrie gern. In Wahrheit steigert die Kopiererei Hollywoods Umsätze sogar.

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Obwohl die Filmbranche immer hart gegen Raubkopierer vorgegangen ist, profitiert sie von ihnen. Der Nutzen wäre sogar noch größer, wenn sich das Marketing besser auf die neue Generation von Kunden einstellen würde. Das berichtet das Magazin Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 4/2014 (jetzt am Kiosk oder hier zu bestellen).

Vor zehn Jahren begannen die Studios damit, Tauschbörsen im Internet stilllegen zu lassen, deren Nutzer zu verklagen und zu behaupten, dass ihrer Branche der Kollaps drohe. Heute ist klar, dass diese Äußerungen überzogen waren und die gewählte Taktik kontraproduktiv. Online-Piraterie hat die Filmindustrie keineswegs ruiniert. Sie könnte sich vielmehr als ihr Retter erweisen, weil sie Leihbibliothek, virale Werbeplattform und Markterweiterungswerkzeug in sich vereint.

Als 2012 die beliebte Filesharing-Seite Megaupload vom Netz genommen wurde, stieg das Interesse an digitalen Filmen auf legalen Seiten erwartungsgemäß an. Doch es gab auch eine überraschende Nebenwirkung: Wie eine Studie der Munich School of Management und der Copenhagen Business School zeigt, gingen die weltweiten Kino-Einnahmen für Filme mit bescheidenerem Budget zurück. Von der Megaupload-Schließung schienen nur große Blockbuster zu profitieren – ein Zeichen dafür, dass illegaler Dateitausch vielleicht die billigste heute verfügbare Methode für Werbung und Marktforschung darstellt.

"Viele Show-Produzenten und Führungskräfte, die ich kenne, räumen im privaten Gespräch ein, dass Raubkopien gut für die Branche sind – eine tolle Art zu werben und unverzichtbar, um ein beständiges Publikum aufzubauen“, berichtet Julie Bush, die als Drehbuchautorin für Film und Fernsehen arbeitet. Jeff Bewkes, CEO von Time Warner, äußerte sich ähnlich: Dass eine Serie wie "Game of Thrones" derart intensiv raubkopiert werde, sei "besser als einen Emmy zu gewinnen". Tatsächlich war die erste Staffel von "Game of Thrones" 2012 die meistverkaufte DVD bei Amazon.

Statt einzelne Filesharer zu kriminalisieren, könnte die Filmindustrie auch ihre Marketingstrategie überdenken. Damit die Hauptdarsteller bei den Premieren in den einzelnen Ländern dabei sein können, kommen Blockbuster im Ausland nur nach und nach ins Kino. Zuschauer im Ausland müssen mitunter Monate oder sogar Jahre warten, bis ein bestimmter Film bei ihnen legal erhältlich ist – kein Wunder, dass die zu BitTorrent-Clients greifen. Im Filesharing-Zeitalter will aber schließlich niemand mehr lange auf einen Film warten.

Das eröffnet der Industrie zugleich eine neue Umsatzquelle, nämlich Video on Demand. Der Film "Arbitrage" mit Richard Gere aus dem Jahr 2012 spielte über digitalen Heimvertrieb ansehnliche 11 Millionen Dollar ein. Kevin Spacey, der in einer weiteren Erfolgsstory von Video on Demand ("Margin Call") mitspielte, sagte voraus, dass irgendwann alle Filme am selben Tag auf der Leinwand und dem heimischen Bildschirm verfügbar sein werden.

Weil mehrere Streaming-Dienste darum kämpfen, solche Inhalte in die TV-Haushalte liefern zu dürfen, könnten die Studios von diesem Trend erheblich profitieren. "Die eigentliche Herausforderung liegt darin, das Bezahlen für Inhalte – entweder direkt oder über Abonnements – so einfach und verbreitet zu machen, dass sich niemand mehr für die dunklen Kanäle interessiert", meint Drehbuchautor John August. (grh)

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