Menü

Plagiatsvorwurf gegen Computerschach-Weltmeister

Lesezeit: 1 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 111 Beiträge
Update
Von

Aufruhr bei den Schachprogrammierern: Der seit vier Jahren amtierende Computerschach-Weltmeister Rybka soll in wesentlichen Teilen auf missbräuchlich genutzten Code zurückgehen. Chefentwickler Vasik Rajlich habe in sein Closed-Source-Projekt Teile der Engine Fruit übernommen, die von der GNU Public Licence (GPL) geschützt waren – diesen Vorwurf äußert nicht nur der Fruit-Entwickler Fabien Letouzey: Einige der bekanntesten Schachengine-Entwickler haben einen offenen Brief Letouzeys unterzeichnet, darunter Stefan Meyer-Kahlen (Shredder), Amir Ban (Junior), Anthony Cozzie und Zach Wegner (Zappa).

Die Anfänge Rybkas waren bescheiden: Bei seinen ersten Computerschachturnieren erzielte das tschechische "Fischlein" Ergebnisse am unteren Rand der Bedeutungslosigkeit. Das änderte sich jedoch mit Version 1.0 beta. Im Dezember 2005 stürmte das Programm plötzlich an die Weltspitze und gewann seit 2007 alle vier Weltmeisterschaften. Inzwischen vertreibt der Marktführer Chessbase aus Hamburg das Programm, das derzeit in Version 4 vorliegt.

Zur Zeit von Rybkas Leistungssprung zählte Fruit zu den stärksten Engines der Welt; die im Sommer 2005 veröffentlichte Version 2.1 stand unter GPL. Der kommerziell vertriebene Nachfolger war Closed Source; seit einigen Jahren wird Fruit nicht mehr weiterentwickelt. Nach detaillierten Untersuchungen kommt Zach Wegner zu dem Schluss, dass Rybka 1.0 zur Einschätzung von Stellungen im Wesentlichen die gleichen Algorithmen benutzte wie Fruit, allerdings in leicht verbesserter Form. Noch gründlicher wird der Nachweis in diesem PDF geführt. Die Unterzeichner des offenen Briefs sprechen sich deshalb dafür aus, Rybka als Fruit-Derivat einzustufen.

Ironischerweise kam die Causa Fischlein versus Früchtchen durch einen anderen Code-Klau ins Rollen: Die erstmals 2007 erschienene quelloffene Engine "Strelka" wies in der Stellungseinschätzung verblüffende Ähnlichkeiten mit Rybka auf. Rajlich erkannte darin den dekompilierten Code von Rybka und beanspruchte Strelka als sein geistiges Eigentum. Dessen Entwickler dagegen behauptete, er habe sich nur auf Fruit gestützt – eine Einschätzung, die Fabien Letouzey teilt. Rajlichs Beharren auf den Ähnlichkeiten zwischen Rybka und Strelka könnte sich also gegen ihn wenden.

Seit Kurzem gilt Rybka nicht mehr als stärkste Engine: Vor drei Wochen verlor das Programm einen Wettkampf gegen einen neuen Rivalen namens Houdini und damit auch seinen Spitzenplatz in den wichtigsten Ranglisten. Houdini soll sich beim Open-Source-Projekt Ippolit bedient haben, das wiederum als Ableger von Rybka gilt – kein Wunder, dass die International Computer Games Association (ICGA), der Veranstalter der Weltmeisterschaften, angesichts der rauen Sitten in der Branche nun ein Panel für die Untersuchungen von Klonen und Abkömmlingen ins Leben gerufen hat.

[Korrektur: in der ursprünglichen Fassung wurde Houdini irrtümlich als Open-Source-Projekt bezeichnet.]

(heb)