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Plötzlich sinkende Downloads: Android-Entwickler fürchten um Existenzgrundlage

Viele Android-Programmierer beobachten abrupt einbrechende App-Downloads. Die Ursache für "Playmageddon" scheint im Google-Algorithmus zu liegen.

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Android

(Bild: dpa, Andrea Warnecke)

Seit dem 20. Juni brechen die Neuinstallationszahlen der Android-Apps zahlreicher kleinerer Entwickler in Googles Play Store stark ein – betroffene Entwickler sprechen von über 70 bis zu 95 Prozent. Bei heise online sind über ein Dutzend Mails von Entwicklern eingegangen, die sich angesichts der drastischen Rückgänge durch "Playmageddon" um ihre Lebensgrundlage sorgen.

Die wahrscheinlichste Erklärung: Google könnte den Algorithmus geändert haben, der Benutzern des Play Stores neue Apps anzeigt und Empfehlungen ausspricht. Wird eine App dort nicht mehr angezeigt, werden weniger Nutzer auf sie aufmerksam, die Download-Zahlen brechen entsprechend ein. Damit fallen auch die Werbeeinnahmen sehr stark, berichtet ein Betroffener heise online, er spricht von "existenzgefährdeten Ausmaßen". Ein anderer schreibt in seiner E-Mail: "Wenn diese Situation anhält, wird meine Firma schließen und 15 Angestellte werden ihren Arbeitsplatz verlieren."

Einbrechende App-Neuinstallationen im Google Play Store (7 Bilder)

Entwickler "j0hka" hat auf Discord Installations-Statistiken zu seiner Android-App geteilt. Wie bei vielen anderen ist der Rückgang seit dem 20. Juni deutlich zu erkennen.
(Bild: https://discordapp.com/channels/460685455088680980/461462082420998174)

Eine öffentliche Stellungnahme von Google gibt es nicht. heise online hat Google schon am Mittwoch um ein Statement gebeten, bis jetzt aber keine Antwort erhalten. Die verspätete Kommunikation durch Google befeuert Gerüchte sowie Spekulationen und lässt betroffene Entwickler ratlos zurück.

Googles potenziell neuer Algorithmus bevorzuge die Apps größerer Hersteller, so der – derzeit noch spekulative – Vorwurf vieler Entwickler. Da jedoch nicht alle kleineren Studios betroffen sind, gibt es eine weitere Auslegung: Google könnte an der Wertung anderer Faktoren geschraubt haben. Denkbar ist beispielsweise, dass Google nur noch Apps mit höherer Qualität anzeigen will, um das Nutzererlebnis zu verbessern.

Die betroffenen Android-Entwickler organisieren sich in einem Discord-Chat. Dort wurden auch angebliche Antworten des Google-Supports gepostet. Diese vermeintlichen Antworten untermauern die Vermutung, dass Google Apps mit aus Algorithmus-Sicht minderer Qualität abstraft. Was "Qualität" in einer Android-App ausmacht, fasst Google auf einer Entwickler-Seite zusammen. Viele der betroffenen Apps haben aber sehr gute Bewertungen.

Kleinere Android-Entwickler haben in der Regel kein Werbe-Budget und sind darauf angewiesen, dass Nutzer im Play Store mehr oder weniger zufällig auf ihre Anwendung stoßen. Das kann etwa über einen Reiter passieren, der "ähnliche Apps" anzeigt. Werden die Apps dort nicht mehr aufgeführt, entspricht das einem Todesurteil, wie Aussagen von Entwicklern in einem Reddit-Thread zeigen. Betroffen sind demnach Android-Spiele genauso wie -Apps. Dass es sich bei den einstürzenden Download-Zahlen um einen Darstellungsfehler handelt, schließen die Nutzer dort mit Verweis auf die parallel einbrechenden Werbeeinnahmen aus. Auch ein Zusammenhang mit der stattfindenden Fußball-WM scheint die massiven Einbrüche nicht ausreichend zu erklären.

Google hat gegenüber Entwicklern keine Pflicht, deren App im Play Store zu promoten. Das Unternehmen entscheidet selbst, welche Apps zugelassen und wo sie platziert werden. Zwar gibt es andere Bezugsquellen für Android-Apps, diese werden allerdings kaum genutzt. Aus Entwicklersicht ist der offizielle Google Play Store somit praktisch alternativlos. Die Developer haben keine Wahl, als sich auf das riskante Verhältnis mit Google einzulassen – und zu hoffen, dass der Internet-Riese sich gnädig zeigt.

Für Google wiederum ist es eine Herausforderung, die Interessen so vieler verschiedener Parteien im Auge zu behalten. Neben seriösen Apps gibt es auch eine Menge billiger Kopie-Anwendungen, die nur auf schnellen Profit ausgelegt sind. Die betroffenen Apps, die heise online prüfen konnte, zählen aber nicht zu dieser Kategorie. Klar ist schon jetzt, dass die Betroffenen bleibenden Schaden davontragen werden: Ihnen entgehen nicht nur mindestens mehrere Tage Einnahmen, auch das Ranking ihrer App ist verloren.

Update vom 29.06: Ein Google-Sprecher hat gegenüber heise online mittlerweile Stellung bezogen: "Wir haben im Lauf des vergangenen Jahrs die Such- und Entdeckungsalgorithmen verbessert, um Qualität von Apps besser widerzuspiegeln. Jüngst haben wir die Gewichtung in unseren Empfehlungen geändert. Das führt dazu, dass qualitativ hochwertigere Titel häufiger im Play Store angezeigt werden, was das Erlebnis und die Bindung der Nutzer verbessert. Das wiederum hilft auch Entwicklern."

Google könne die Sorgen einiger Entwickler nachvollziehen, glaube aber, dass die Änderungen das Play-Store-Ökosystem insgesamt verbessern. Entwickler, die sich nun auf App-Qualität konzentrieren, sollten demnach nun Verbesserungen sehen. Was App-Qualität aus Sicht von Google bedeutet, hat das Unternehmen in diesem Blog-Beitrag zusammengefasst. (dahe)

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