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Pokémon-Go-Gadget: Das Pokémon Go Plus im Selbstversuch

Gratis spielen war gestern: Für 40 Euro erntet das Pokémon Go Plus halbautomatisch Pokéstops ab und fängt Pokémon. Spaßbremse oder praktisches Accessoire? Die Ergebnisse des Selbstversuchs liegen irgendwo dazwischen.

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Das Pokémon Go Plus im Selbstversuch

Ein 40-Euro-Gimmick für ein Free-to-Play-Spiel, das ausgerechnet zwei der spaßigsten Aspekte des Spielerlebnisses automatisiert – wenig überraschend, dass selbst begeisterte Pokemon-Go-Spieler dem Pokémon Go Plus mit ziemlicher Skepsis entgegentraten.

Vorbesteller und Einzelhändler bekamen das Accessoire am 16. September ausgeliefert. Wer es jetzt online bestellt, wird auf Ende des Monats vertröstet. Wer das Pokémon Go Plus also sofort will, muss entweder Glück bei einem RL-Laden in der Nähe haben oder sich einem Händler auf Amazon oder eBay ausliefern, der bis zum Doppelten des empfohlenen Verkaufspreises verlangt.

Unter diesen Bedingungen hatte ich gar nicht erwartet, das so heiß begehrte Ding vor Monatsende in die Finger zu bekommen. Beim örtlichen Saturn-Markt schüttelte schon die Dame am Infotresen den Kopf: "Ich weiß zwar nicht, was ein Pokémon Go Plus überhaupt ist, aber ich weiß, dass wir keins mehr da haben." Ein kleiner Spiele-Laden am Hauptbahnhof hatte in einer unscheinbaren Vitrine noch zwei Exemplare verstaut – letzter Rest der großen Fuhre vom Erstverkaufstag. Kostenpunkt: fünf Euro über der Preisempfehlung, das war für eine Idiotensteuer noch recht moderat.

Erster Eindruck: Pokémon Go Plus

Boah, ist das Ding klein. Von den Fotos her hatte ich eine deutlich voluminösere Verpackung erwartet. Der Inhalt ist noch mickriger: Das eigentliche Pokémon Go Plus verschwindet fast in der Handfläche. Ein einfacher Clip aus Hartplastik – ohne Feder – an der Rückseite dient dazu, es an eine Tasche oder einen Gürtel zu klemmen. Mal sehen, wie lange das hält.

Zusätzlich liegt ein einfaches Armband bei – an sowas hätte man früher einen Schwimmbadschrankschlüssel gehängt. Um das Go Plus am Armband zu befestigen, muss man erst den Clip abschrauben und dann den Rest des Geräts wieder an der Halterung des Armbands festschrauben. Dauert nicht lange, ist aber ein bisschen friemelig und setzt einen Kreuzkopfschraubendreher voraus. Bei der Gelegenheit bekommt man auch einen kurzen Blick darauf, was das Go Plus antreibt: eine Knopfzelle vom Typ CR2032. Der maximale Umfang des Armbands macht deutlich, dass Erwachsene nicht die Zielgruppe sind.

Pokémon Go Plus: erster Eindruck (6 Bilder)

Das einzige interaktive Element am Pokémon Go Plus ist der milchig-weiße Knopf in der Mitte.

Eigentlich besteht das Go Plus nur aus einem einzigen Knopf mit viel Plastikdeko drum herum. Nähert man sich einem Pokéstop, blinkt der Knopf blau. Nähert man sich einem Pokémon, blinkt der Knopf grün. Dann muss man drücken, das Go Plus blinkt ein bisschen weiß und kurz drauf entweder fröhlich in Regenbogenfarben oder rot. Rot heißt viel, aber nie Gutes: Pokéstop zu weit entfernt, Pokémon entkommen, Internet-Verbindung unterbrochen.

Vibrationen unterstreichen die optischen Meldungen: "Drrt drrt, drrt drrt" bedeutet Pokéstop; "drrt, drrrt, drrt" bedeutet Pokémon. Beim Abernten eines Pokéstop signalisiert die Zahl der Vibrationen, wieviele Items er abgeworfen hat. Während des Fangvorgangs vibriert das Go Plus dreimal leicht – analog dazu, wie der Ball sonst auf dem Smartphone-Display eiert. Ob man ein Pokémon gefangen hat oder nicht, sagt einem nur die Farbe der LEDs.

Bis Spiel und Accessoire zum ersten Mal erfolgreich zusammenfinden, vergehen mehrere Minuten. Erst muss man in den Einstellungen von Pokémon Go auf den Unterpunkt "Pokémon GO Plus" gehen, dann auf dem Go Plus den Knopf drücken, bis er blau blinkt, dann die Erfolgsmeldung im Spiel abwarten. Ein traditionelles Bluetooth-Pairing entfällt.

Hinter dem Spieler materialisiert sich ein Traumato: Pokémon Go Plus hats schon im Visier.

Auf dem Test-Smartphone läuft Android 6.0.1. Es signalisiert oben links in den Benachrichtigungen durch ein kleines Go-Plus-Icon, dass das Accessoire aktiv ist. Das Spiel blendet links im oberen Drittel des Bildschirms ein etwas größeres Plus-Icon ein, das entweder rot/weiß oder dunkelgrau ist. Grau ist schlecht, das heißt "nicht verbunden".

Kleiner Spaziergang durch die Innenstadt mit dem Gadget. Parallel zum Plus-Spieler geht die Plus-lose Ehefrau durch die Straßen, als Kontrollinstanz. Ja, auch die Ehefrau spielt mittlerweile Pokémon Go. Sie guckt auf ihr Display, ich habe das Smartphone mit ausgeschaltetem Bildschirm in der Tasche und vertraue blind dem Ein-Klick-Wunder.

Schnell wird deutlich, dass das Go Plus eher gemächlich reagiert. "Hier ist ein Pokéstop," sagt die Kontrollinstanz, aber das Gadget schweigt. Erst mehrere Meter später blinkt das Go Plus blau. Als ich auf den Knopf drücke, bekomme ich als Reaktion nur rot: Pokéstop zu weit entfernt. Wir verlangsamen das Gehtempo. Auf dem Rad oder im Auto dürfte das Go Plus nichts taugen. Ärgerlich auch, dass das Spiel per Knopf geleerte Pokéstops weiterhin blau anzeigt – statt violett wie nach Handarbeit.

Dann blinkt das Pokémon zum ersten Mal grün. Ich drücke auf den Knopf, die Ehefrau wirft ihren Ball von Hand. Sie fängt ein Traumato, bei mir entkommt es. Dasselbe wiederholt sich kurz darauf mit einem Rattfratz und einem Taubsi. Bald bin ich bereit, das teure Ding in die Mülltonne zu pfeffern oder zumindest mit hoher Idiotensteuer auf eBay zu versteigern.

Egal was einem vor die Füße läuft, ob vulgäres Hornliu oder hochgradig seltenes Lapras: Das Go Plus wirft nur Standardbälle und versucht nur einen Fang. Befreit sich das Pokémon aus dem Ball, läuft es auch gleich davon. Schnell gewöhne ich mir ab, bei grünem Blinken auf den Knopf zu drücken. Stattdessen ziehe ich das Smartphone aus der Tasche, entsperre es und fange von Hand.

Dabei klinkt sich das Go Plus aus und das Icon im Spiel wird grau. Ein Tipper auf das Icon baut eine neue Verbindung zwischen Smartphone und Go Plus auf, was aber nicht immer klappt. Nachdem zehn Minuten lang alle Wiederbelebungsversuche gescheitert sind, bringt ein Neustart des Smartphones die beiden wieder zusammen.

Mitunter vergessen Smartphone und Go Plus auch einfach so, dass es einander gibt. Dabei bekommt man keine Warnung – man läuft durch die Gegend und merkt nur an der fröhlich Pokéstops aberntende und Rattfratze fangenden Ehefrau, dass da was nicht stimmen kann. Dann ist wieder Fluchen und Neuverbinden angesagt.

Pokémon Go Plus: App-Anbindung (6 Bilder)

Die erste Verbindung zwischen Pokémon Go und dem Plus-Accessoire findet über die Einstellungen der App statt.

Zusammenfassung

Trauerspiel: Bleibt ein vom Pokémon Go Plus gefangenes Monster nicht im Ball, flüchtet das Pokémon sofort.

Das Pokémon Go Plus erntet per Knopfdruck Pokéstops ab und fängt Pokémon – mit Einschränkungen. Wer große Schritte macht, wird immer wieder erleben, dass der Pokéstop schon wieder außer Reichweite ist, wenn das Go Plus endlich blinkt. Weiterhin wirft das Accessoire nur Standardbälle, aus denen sich mächtige Monster für gewöhnlich befreien – um dann direkt zu türmen.

Das Go Plus funktioniert auch, während der Smartphone-Bildschirm aus ist und teilweise sogar, während man gerade in einer Arena kämpft oder das Spiel nicht im Vordergrund ist.

Verbindungsabbrüche werden nicht ausreichend zuverlässig signalisiert. Das macht eines der Hauptargumente für das Go Plus zunichte, die Akkuersparnis. Irgendwann traut man dem Frieden nicht mehr und guckt doch immer wieder auf dem Bildschirm, ob das Gadget noch tut, wofür man bezahlt hat.

Ausblick

Abgesehen vom (zu engen) Armband habe ich in den ersten Stunden keine Möglichkeit gefunden, das Go Plus komfortabel mitzuführen. Am Gürtel oder an einer Tasche befestigt bekommt man nur die Vibrationen mit, nicht aber die essenziellen LED-Farben.

Aber es ist gerade Herbst geworden in Hannover und deshalb fand ich am Abend plötzlich doch den idealen Platz für das Go Plus: am Jackenärmel. Klemmt man den Clip an die Innenseite des Saums, kann man den Knopf des Go Plus mit dem Mittelfinger derselben Hand auslösen.

Diese Entdeckung war der Schlüsselmoment. Plötzlich ergab das Accessoire ebenso Sinn wie dessen verschobener Launch-Termin. Je kälter es in den kommenden Wochen wird, desto geringer dürfte die Bereitschaft der Spieler werden, mit klammen Fingern auf dem Bildschirm ihres Smartphones herumzuwischen. Dann schlägt die Stunde des Go Plus – vielleicht.

Bis dahin sollte Niantic noch einiges tun. Die miese Fangquote wilder Pokémon und die verzögerte Pokéstop-Findung sorgen für mehr Frust als Spaß, von den stillen Verbindungsabbrüchen ganz zu schweigen. Ersteres sollte sich per Software korrigieren lassen – etwa, indem das Go Plus mit gelbem Blinken vor schwerkalibrigen Pokémon warnt und diese entweder mit einem Super- bzw. Hyperball zu fangen versucht oder den Spieler dazu veranlasst, doch selbst Hand an den Ball zu legen.

Ob gegen die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen App und Accessoire etwas auszurichten ist, dürfte nicht zuletzt von der Hardware abhängen. Kann durchaus sein, dass die angekündigte Unterstützung von Android Wear und Apple Watch praktikablere Alternativen sein werden. Für diesen Luxus muss man dann allerdings noch mehr Geld hinlegen. (ghi)

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