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Polar Sea 360°: Mit der Oculus Rift in die Arktis

Für eine TV-Dokumentation über die Nordwestpassage wagt sich Arte nicht nur geografisch auf unbekanntes Terrain: Erstmals produziert der Sender 360-Grad-Filme, die das begleitende Web-Angebot bereichern.

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Ein einsamer Kiesstrand, irgendwo in der Arktis. Schwer fällt der Regen, bald geht er in Schnee über. Es sieht so aus, als sei es ziemlich kalt hier. Die Nacht bricht herein. Über mir der atemberaubende arktische Sternenhimmel. Polarlichter. Ich will hier noch nicht weg. Doch nach ein paar Minuten ist alles vorbei und ich sitze wieder in einem gesichtslosen Konferenzraum in Berlin-Mitte.

Thomas Wallner hilft mir, die Oculus Rift (das aktuelle Development Kit 2) und den Kopfhörer abzunehmen. Der Filmemacher ist Gründer der kanadischen Produktionsfirma Deep Inc, die den virtuellen Trip in die Arktis produziert hat. Mein Ausflug ans Ende der Welt war ein knapp fünf Minuten langer Trailer für den ersten Dokumentarfilm, der weitgehend aus 360-Grad-Aufnahmen besteht, in denen sich der Zuschauer frei bewegen kann. Für Wallner war das nicht nur technisch eine Herausforderung.

Die 30-Minuten-Doku ist Teil eines crossmedialen Projekts, das der kanadische Dokumentarfilmer Kevin McMahon zusammen mit ZDF/Arte, Spiegel TV sowie den kanadischen Sendern TV Ontario und Knowledge Network realisiert hat. Den Auftakt macht eine 90-minütige Dokumentation über die Entdeckung des nördlichen Seewegs zwischen Atlantik und Pazifik, die Ende November auf Arte gezeigt wird. Darauf folgt die zehnteilige Serie über die Reise zweier Segelboote durch die legendäre Nordwestpassage. Dazu kommt ein umfangreiches Online-Angebot mit der VR-Doku, weiteren Videos, einem Online-Logbuch und Beiträgen unter anderem von einheimischen Inuit. Dokumentarfilm und Serie haben zusammen etwa zwei Millionen Euro gekostet, dazu kommen noch einmal knapp 400.000 Euro für das Digitalprojekt.

Polar Sea 360° (16 Bilder)

In der Arktis herrschen nicht gerade mitteleuropäische Temperaturen.
(Bild: ZDF/Dylan Riebling)

Unter der Leitung von McMahon haben fünf Teams im Sommer 2013 in der Arktis gedreht, um den Klimawandel und seine Folgen für die eisige Welt des Nordpolarkreises sichtbar zu machen Bei den Dreharbeiten sind die Filmemacher den zwei Segelyachten auf dem Weg durch die legendäre Nordwestpassage von Grönland durch die kanadische Arktis und die Beringstraße nach Alaska gefolgt. Dort sei der Einfluss von Menschenhand nicht mehr zur übersehen, erzählt McMahon. "Der gesamte nördliche Korridor ist übersät von Ölquellen", sagt der Regisseur. "Alaska ist Mordor."

Der Clou des crossmedialen Begleitprogramms ist eine von Deep produzierte 30-minütige Dokumentation, die erstmals normale Filmaufnahmen mit 360-Grad-Bildern kombiniert, in denen sich der Zuschauer frei umsehen kann. "Was wir hier machen, ist ganz neu", sagt Wallner. "Wir müssen für Virtual Reality eine eigene Filmsprache entwickeln" – und nicht nur das: Wallner hat mit komplett neuer Kameratechnik gedreht. Zwar kann man Teams mit Spezialkameras für 360-Grad-Aufnahmen mieten, doch verlangen die tausende Dollar pro Drehtag, sagt er. Viel zu teuer für einen 30-Tage-Dreh.

Also hat Wallner zu handelsüblichen Action-Kameras gegriffen: Angefangen hat es mit einer Handvoll GoPros, die mit Gummibändern an einem Besenstiel befestigt waren. Nicht gerade arktistaugliche Ausrüstung, aber es reichte für die ersten Testaufnahmen. Beim Dreh kamen dann feste Stative mit Kameragehäusen aus dem 3D-Drucker zum Einsatz. Die Halterungen des New Yorker Startups 360Heros fassen jeweils sechs oder sieben Kameras, beim Dreh an der Nordwestpassage kamen GoPro Hero 3 Black zum Einsatz.

Thomas Wallner in Tarnklamotten.

(Bild: Deep)

Abgesehen von willkürlich abstürzenden Kameras – ein Bug, der kurz vor dem Dreh durch ein Firmware-Update für die GoPros behoben wurde – stellten sich der Crew vor Ort zahlreiche Probleme. "Wir mussten aufpassen, selbst nicht in den Aufnahmen aufzutauchen", erzählt Wallner. Die Drohne (ein Hexocopter DJIF550), an der die Kameras mit einem eigens hergestellten Befestigung hing, wurde aus verschiedenen Verstecken gesteuert. "Oder wir haben uns mit Tarnkleidung einfach flach auf den Boden gelegt, damit man uns nicht sieht."

Einen Monat haben sie so in der Arktis gedreht. Die Verhältnisse fordern ihren Tribut von Mensch und Material. So weit nördlich waren zum Beispiel die für Luftaufnahmen eingesetzten Drohnen nicht verlässlich steuerbar, erzählt Projektleiterin Irene Vandertop. Das starke Magnetfeld des nahen Nordpols brachte die Systeme durcheinander. Es kam zu Abstürzen, eine Drohne musste aus dem eiskalten Wasser geborgen werden. Auch bei den zahlreich mitgebrachten Kameras gab es reichlich Schwund.

Die HD-Bilder der Kameras wurden dann in der Postproduction zur 360-Grad-Aufnahmen zusammengesetzt. Dabei müssen die Aufnahmen der verschiedenen Kameras zunächst synchronisiert werden, dazu dient ein optischer oder akustischer Marker im Film. Die sechs verschiedenen Perspektiven werden dann mittels einer Software (Kolor AutoPano Video) zu einer Rundumaufnahme "zusammengenäht" (das sogenannte "Stitching"). Die Software erkennt die Überschneidungen zwischen den Aufnahmen und setzt sie richtig zusammen, bevor die letzte Feinabstimmung per Hand erfolgt.

Dreharbeiten in der Arktis.

(Bild: Deep)

Von insgesamt 20 Stunden Material haben es zwanzig Minuten in die halbstündige Dokumentation geschafft, die man auf der Arte-Website anschauen kann. Darüber hinaus kann man verschiedene 360-Grad-Aufnahmen auf dem Smartphone betrachten. Dazu gibt es eine App für iOS und in Kürze auch Android, für die das Smartphone mit Hilfe eines Pappgestells und zweier Plastiklinsen zur VR-Brille gemacht wird. Arte will einige Pappbrillen im hauseigenen Magazin und auf Facebook verlosen.

Wohin diese Reise noch führen wird, zeigt Wallner mit dem Fünfminuten-Trailer, den sie bei Deep für VR-Brillen wie die Rift produziert haben. Dafür wurden die 360-Grad-Filmufnahmen als Videotexturen auf ein Gittermodell projiziert und mittels der Game-Engine Unity für die Rift erlebbar gemacht. Nur eine Schwierigkeit ist dabei, eine Filmsprache zu finden, die beim Zuschauer kein Unwohlsein auslöst. Schnelle Schnitte und Kamerabewegungen sind eher unangenehm, weil man leicht die Orientierung verliert. Und das Problem der noch sichtbaren Pixel dürfte sich mit Marktreife der Oculus erledigt haben – schon der neue Prototyp "Crescent Bay" macht da einen Schritt nach vorn.

"Es ist ein ganz anderer Bezug zum Bild", sagt Wallner. Er ist sicher, dass Virtual Reality das Filmemachen grundlegend verändern wird. "Da denkt man, man hat schon alles gesehen, und auf einmal steckt man mitten in einer Revolution." Sein nächstes Projekt: 360-Grad-Aufnahmen im All.

Trailer des kanadischen Produktionspartners OTV.

Sendetermine auf Arte:

  • Polar Sea - Die Eroberung der Nordwestpassage. TV-Dokumentation. Samstag, 29. November 2014, 20:15 Uhr.
  • Polar Sea 360° – Per Anhalter durch die Arktis. Zehnteilige Doku-Reihe. 1. bis 12. Dezember 2014, jeweils Montag bis Freitag um 19:30 Uhr.
  • Polar Sea 360° online auf arte.tv: www.polarsea360.com

(vbr)