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Polizei Hannover sucht Terrorverdächtige, Razzien gegen Terrorverdächtige in Paris [3. Update]

Terrorangst in Deutschland: Die Polizei in Hannover fahndet nach Verdächtigen, die womöglich im Fußballstadion eine Bombe zünden wollten. Bei einer Razzia in Paris will die Polizei die Drahtzieher der Anschläge dingfest machen.

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Polizei im Hauptbahnhof von Hannover

(Bild: dpa)

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Nach der Absage des Länderspiels in Hannover wegen Terroralarms sucht die Polizei in einem Großeinsatz nach Verdächtigen. "Wir sind an verschiedenen Orten im Einsatz", sagte eine Polizeisprecherin. Das Fußballspiel Deutschland gegen die Niederlande war am Dienstagabend kurz vor Anpfiff aus Angst vor einem islamistischen Sprengstoffanschlag abgesagt worden. Es habe aber noch keine Festnahmen gegeben, auch Sprengstoff sei bisher nicht gefunden worden, hieß es. Hannovers Polizeipräsident Volker Kluwe hatte zuvor erklärt: "Wir haben konkrete Hinweise gehabt, dass jemand im Stadion einen Sprengsatz zünden wollte."

Das Spiel sollte vier Tage nach der verheerenden Anschlagserie in Paris ein Zeichen gegen den Terror sein. In der französischen Hauptstadt war am Freitagabend das Länderspiel zwischen Deutschland und Frankreich ein Ziel der Attacken gewesen.

Bei einer Razzia im Norden von Paris seit dem frühen Mittwochmorgen hoffen die Ermittler, den belgischen Islamisten Abdelhamid Abaaoud aufzuspüren. Er gilt als Hintermann der Anschläge vom Freitag. Eine Frau soll sich dabei in die Luft gesprengt haben.

Zu den Anschlägen in Paris

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Die Sicherheit bei Großereignissen wie Fußballspielen und Weihnachtsmärkten beschäftigt am Mittwoch auch das Bundeskabinett und die Polizei in den Ländern. Die Regierung will nach dem Terroralarm in Hannover in ihrer Sitzung die allgemeine Sicherheitslage diskutieren. Die Polizeichefs der Länder wollen sich in einer Telefonkonferenz beraten. Die Spielabsage löste auch im deutschen Fußball eine Debatte um die Sicherheit in den Stadien aus.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erklärte in Hannover, die Absage gehe auf Hinweise zu einer Gefährdung zurück, diese hätten sich im Laufe des frühen Dienstagabends verdichtet. Er bitte um Verständnis dafür, dass er zu Fragen nicht mehr sagen könne. Er fügte hinzu: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern."

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann bestätigte, der Hinweis auf ein mögliches Attentat sei von einem ausländischen Geheimdienst gekommen. Er habe am Dienstagmittag die Information erhalten, dass "innerhalb der nächsten 48 Stunden ein Anschlag auf ein Sportereignis in Deutschland stattfinden sollte oder könnte", sagte der CSU-Politiker im Bayerischen Fernsehen. "Aber mich hat die Absage auch überrascht."

Als eine "bittere, aber richtige Entscheidung" bezeichnete Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) die Spielabsage. "Gerade in einem solchen Moment muss unsere Botschaft trotz allem ganz klar sein: Wir werden nicht zurückweichen. Wir werden uns unsere Art zu leben nicht nehmen lassen", sagte Maas der Deutschen Presse-Agentur.

Entschärfer der Polizei hatten am Abend aus einem IC in Hannover ein verdächtiges Paket geborgen. Dabei handelte es sich nach Aussagen von Bundespolizeisprecherin Sandra Perlebach um eine gut gemachte Sprengstoff-Attrappe und nicht um eine scharfe Bombe, wie zunächst befürchtet worden war. Gefahndet wird nun nach dem Mann, der das Paket dort liegen ließ.

In der Bundesliga wird ebenfalls über die Sicherheit debattiert. "Das wird den Fußball verändern und stellt uns vor eine neue Herausforderung", sagte Präsident Martin Kind von Hannover 96 der dpa. Ligapräsident Reinhard Rauball versicherte trotz der kurzfristigen Absetzung der Testpartie, die Bundesliga werde am Wochenende spielen. "Der Spieltag wird stattfinden", sagte Rauball.

Nach den Terroranschlägen von Paris könnte noch ein zweiter Attentäter auf der Flucht sein. Dies sei eine "starke Hypothese", erfuhr dpa am Dienstagabend aus Ermittlerkreisen. Demnach hätte die Gruppe, die im Osten der Hauptstadt mehrere Bars und Restaurants ins Visier nahm, aus insgesamt drei Attentätern bestanden.

Nach zahlreichen Zeugenberichten saßen in dem Auto des Kommandos drei Insassen, wie die Zeitung "Le Monde" online berichtete. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich um die Brüder Brahim und Salah Abdeslam sowie die mögliche weitere Person handelt. Der 26-jährige Salah wird international gesucht, Brahim hatte sich in die Luft gesprengt.

Im Zuge der Ermittlungen in Alsdorf bei Aachen festgenommene sieben Personen sind wieder auf freiem Fuß. Ein vermuteter Bezug zu den Anschlägen bestätigte sich nach Angaben der Polizei nicht. Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Salah Abdeslam war nicht unter den Festgenommenen.

Die französische Nachrichtenagentur AFP berichtete aus Ermittler- und Polizeikreisen, ein Video bestätige die Existenz eines dritten Attentäters in der Gruppe. Damit wäre ein zweiter Täter der Terroranschläge mit 129 Toten flüchtig, falls es sich nicht um einen der beiden in Belgien inhaftierten Verdächtigen handele.

Bei den Attacken am Freitagabend waren sieben Attentäter gestorben. Falls sich die These eines weiteren Beteiligten bestätigen sollte, stiege die Zahl der Attentäter auf neun.

Bei den Anschlägen in Paris hatten die Terroristen auch im Stade de France ein Blutbad anrichten wollen, wo die deutsche Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Die Extremisten gelangten aber nicht ins Stadion.

In Hannover waren zum Zeitpunkt der Absage gegen 19.15 Uhr kaum Zuschauer im Stadion. Sie wurden per Lautsprecher aufgefordert, den Stadionbereich zu verlassen. Die Evakuierungszone wurde mit Absperrband mit der Aufschrift "Vorsicht Lebensgefahr" kenntlich gemacht. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und andere Politiker hatten das Spiel besuchen wollen, sie flog zurück nach Berlin.

Frankreich will sich aber trotz der heiklen Sicherheitslage die Fußball-EM im kommenden Jahr keinesfalls nehmen lassen. Sportminister Patrick Kanner schloss eine Absage am Dienstag aus. "In keinem Fall darf der Sport vom Terrorismus gestoppt werden", sagte er.

[Update 18.11.2015 10:14]:

Bei dem Polizeieinsatz gegen die Drahtzieher der Terroranschläge von Paris hat es mindestens eine Tote gegeben. Als Spezialkräfte am Mittwochmorgen eine Wohnung in Saint-Denis nördlich von Paris stürmten, sprengte sich eine Frau in die Luft, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Drei Männer, die sich dort ebenfalls verschanzt hatten, wurden festgenommen, zwei weitere Verdächtige in der Nähe.

Zuvor hatten Medien aus Polizeikreisen berichtet, es habe zwei Tote gegeben. In der Mitteilung der Staatsanwaltschaft gab es dazu aber keine Informationen. Bei dem mehrstündigen Einsatz fielen auch Schüsse, mehrere Polizisten sollen verletzt worden sein.

Der Zugriff richtete sich gegen den Islamisten Abdelhamid Abaaoud, der als Drahtzieher der Anschläge vom Freitag mit 129 Todesopfern gesucht wird. Dies berichteten mehrere französische Medien unter Berufung auf Ermittler. Der 28-Jährige ist der meistgesuchte Islamist Belgiens. Er hat marokkanische Wurzeln und lebte früher in der Brüsseler Islamistenhochburg Molenbeek, zuletzt soll er sich in Syrien aufgehalten und für die Terrormiliz Islamischer Staat gekämpft haben.

Der Einsatz habe gegen 4.30 Uhr begonnen, hieß es beim Sender BFMTV. Gegen 7.30 Uhr waren in Liveübertragungen Explosionen zu hören. Die Nachrichtenagentur AFP berichtete, die Polizei habe auch den angeblichen Mieter der Wohnung festgenommen. Der Mann gab im Gespräch mit Journalisten an, zwei Personen beherbergt zu haben, die aus Belgien gekommen seien.

Ein Polizeisprecher wollte auf Anfrage von dpa zunächst keine Angaben zu der Operation der Spezialkräfte machen. Die Gegend wurde weiträumig abgeriegelt, in der Luft waren Hubschrauber zu hören.

Der Einsatz spielte sich in einem Viertel im Zentrum des nördlichen Pariser Vororts ab, das nur etwa eineinhalb Kilometer vom Stade de France entfernt liegt. Dort hatten sich am Freitag als Teil der blutigen Terrorwelle drei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt.

Auf einer Straße in der Nähe gingen Soldaten in Stellung, teilweise mit Sturmgewehren im Anschlag, wie ein dpa-Reporter am Mittwochmorgen beobachtete. Am Stade de France, etwa eineinhalb Kilometer vom Ort des Einsatzes in Saint-Denis entfernt, kontrollierten Polizisten Fahrzeuge. Die nächstgelegene Metrolinie 13 war unterbrochen.

Die Polizei rief die Menschen in der Gegend auf, zu Hause zu bleiben. Die Stadt Saint-Denis kündigte an, dass die Schulen in dem Bereich geschlossen bleiben sollten.

[Update 18.11.2015 13:41]:

Nach der Absage des Fußball-Länderspiels in Hannover besteht für die Bevölkerung in der niedersächsischen Landeshauptstadt nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden keine Gefahr mehr. "Es gibt Stand heute keine akuten, keine konkreten Hinweise darauf, dass eine weitere Gefährdung in Hannover besteht", sagte Innenminister Boris Pistorius (SPD) am Mittwoch.

Möglicherweise habe die Spielabsage dazu geführt, dass es keinen Anschlag gegeben habe. "Wir wissen nicht, was passiert wäre, wenn wir nicht abgesagt hätten", sagte Pistorius weiter. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bezeichnete die Absage vom Vorabend als richtigen Schritt. Sie sei wegen "konkreter Hinweise auf konkrete Gefahren" gerechtfertigt gewesen.

"Die Sicherheitslage in Niedersachsen ist stabil", sagte Weil weiter. Auch für die demnächst öffnenden Weihnachtsmärkte hat sich die Lage nach Einschätzung von Innenminister Pistorius nicht geändert.

Festnahmen oder Sprengstofffunde hatte es am Dienstagabend und in der Nacht zum Mittwoch nicht gegeben. Ein verdächtiger Gegenstand, der am Abend in einem IC entdeckt hatte, stellte sich nach Polizeiangaben als Attrappe heraus. Bei der Suche nach dem Mann, der das Paket in dem Zug abgestellt hatte, wertete die Bundespolizei am Mittwoch Videoaufzeichnungen aus. Ein Reisender hatte das Paket in dem Zug bemerkt und den Unbekannten darauf aufmerksam gemacht, dass er etwas vergessen habe. Der Mann reagierte darauf aber nicht, sondern verließ den Zug und flüchtete.

[Update 18.11.2015 15:12]:

Bei bei einer Polizeirazzia in Saint-Denis nördlich von Paris sind sieben Verdächtige festgenommen worden. Zwei weitere mutmaßliche Terroristen kamen am Mittwoch ums Leben, wie die Staatsanwaltschaft berichtete. Eine Frau sprengte sich in die Luft, als Spezialkräfte eine Wohnung in Saint-Denis stürmten. Ein weiterer Mann wurde von Schüssen und Granaten tödlich verletzt.

Aus abgehörten Telefonaten hatte die Polizei Hinweise, dass sich der mutmaßliche Drahtzieher der Terrorserie mit 129 Todesopfern, Abdelhamid Abaaoud, in der Wohnung aufhalten könnte. Ob der meistgesuchte Islamist Belgiens, der für die Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien gekämpft haben soll, den Spezialkräften ins Netz ging, blieb zunächst unklar. Der Mann mit marokkanischen Wurzeln lebte früher in der Brüsseler Islamistenhochburg Molenbeek.

Präsident François Hollande sagte, es gebe eine Verbindung zwischen den sieben Festgenommenen und den Angreifern, die am Freitag 129 Menschen ermordet hatten.

Bei der Razzia in Saint-Denis wurden fünf Mitglieder einer Spezialeinheit leicht verletzt, wie die Polizei mitteilte. Ein Polizeihund wurde erschossen. Der Zugriff hatte gegen 4.30 Uhr begonnen dauerte rund sieben Stunden. Zwischenzeitlich waren Explosionen zu hören. Währenddessen saßen 15.000 bis 20.000 Anwohner in ihren Wohnungen fest, wie der Beigeordnete Bürgermeister Stéphane Peu der Zeitung Le Parisien sagte. Er berichtete von einem fast ununterbrochenen Schusswechsel, der eineinviertel Stunde gedauert habe. Etwa 15 Menschen, darunter Kinder, seien aus dem gestürmten Gebäude in Sicherheit gebracht worden. "Es gibt keine Verletzten unter den Bewohnern", sagte Peu. Noch während der Anti-Terror-Aktion rief Präsident Hollande das Sicherheitskabinett zusammen.

Die Polizei fahndet außerdem nach dem 26-jährigen Franzosen Salah Abdeslam, den die französischen Ermittler für einen der Attentäter halten. Er hat Anfang Februar von der niederländischen Polizei eine Geldstrafe wegen Drogenbesitzes erhalten, wie die Polizei mitteilte. Außerdem könnte nach Informationen aus Ermittlerkreisen möglicherweise noch ein weiterer Terrorist entkommen sein.

Die französischen Ermittler haben inzwischen alle 129 Todesopfer identifiziert. Bis Ende der Woche sollten auch alle Autopsien abgeschlossen sein, teilte der Élyséepalast mit.

Auch in Syrien geht Frankreich weiter massiv gegen die IS-Terrormiliz vor, die sich in einer nicht verifizierten Mitteilung zu dem Anschlag am Freitag mit 129 Todesopfern bekannt hatte.

Bei Luftangriffen französischer Jets und Flugzeugen anderer Nationen auf die nordsyrische IS-Hochburg Al-Rakka wurden in den vergangenen drei Tagen mindestens 33 Extremisten getötet. Zudem gebe es Informationen über weitere Opfer, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Frankreichs Luftwaffe hatte nach der Terrorserie in Paris massive Luftangriffe auf Stellungen der IS-Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Al-Rakka und im Umland der Stadt geflogen. Dutzende Familien hochrangiger IS-Anführer seien wegen der Angriffe aus Al-Rakka gebracht worden, erklärte die Beobachtungsstelle weiter.

In Zusammenarbeit mit den USA will die Türkei nun auch die rund 100 verbleibenden Kilometer der Grenze zum Nachbarland Syrien schließen, wie US-Außenminister John Kerry auf CNN sagte. Es geht um einen Abschnitt im Nordwesten, der auf syrischer Seite unter Kontrolle der IS-Terrormiliz steht. Die Extremisten nutzen ihn als Nachschubroute.

Zwei Flugzeuge der französischen Fluggesellschaft Air France wurden nach anonymen Drohungen auf Flügen von den USA nach Paris umgeleitet. Eine Maschine sei in Los Angeles gestartet und auf dem Weg nach Paris auf einen Flughafen in Salt Lake City gelotst worden, teilte der Flughafen mit. Eine zweite Maschine mit 298 Menschen an Bord war von Washington nach Paris aufgebrochen, musste aber im kanadischen Halifax wieder landen. Beide Maschinen landeten sicher. (jk)