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Polizei Niedersachsen will von Linux zurück zu Microsoft

Die niedersächsische Polizei hat die Weichen gestellt für eine Rückmigration von Open Source auf Windows. Als Grund für den anvisierten Wechsel nennt Landespolizeipräsident Uwe Binias wirtschaftliche Überlegungen.

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Das Niedersächsische Vorgangsbearbeitungs-, Analyse-, Dokumentations- und Informationssystem "Nivadis Auswertung 2.0"

Die Strafverfolger Niedersachsens werden künftig voraussichtlich nicht mehr mit dem Pinguin auf Verbrecherjagd gehen: Im Landespolizeipräsidium in Hannover gilt die Rolle rückwärts von Linux zu Microsoft als ausgemacht. Es werde mit der Umsetzung einer "Einplattformstrategie" begonnen, erläutert Landespolizeipräsident Uwe Binias in einem Schreiben, das bereits vom Juli stammt und von Netzpolitik.org jetzt veröffentlicht wurde. "Aktuell gehen wir davon aus, dass es auf Basis einer Wirtschaftlichkeitsbetrachtung zu einer Systementscheidung entsprechend dem Landesstandard zugunsten Microsoft kommen wird."

Im Frühjahr 2012 sei eine landesweite Projektgruppe beauftragt worden, um eine Strategie für den "zukunftsfähigen" Einsatz der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) in der Landespolizei zu erarbeiten, holt Binias weiter aus. Dem Brief nach hat diese die Rückmigration von freier Software zu Windows und darauf basierenden Programmen empfohlen.

Mit einer abschließenden Entscheidung über das künftige Betriebssystem "für die polizeilichen Clients" sei zwar erst "bis zum 07.11.2014" zu rechnen, heißt es in dem Papier. Der IT-Dienstleister der Ordnungshüter, die Zentrale Polizeidirektion Niedersachsen, sei aber bereits "mit der Aufwandsschätzung für ein Migrationskonzept beauftragt worden". Dabei sollten auch die Auswirkungen eines erneuten Wechsels "insbesondere auf begonnene oder geplante IKT-Projekte" dargelegt und "Kompensationsmöglichkeiten" vorgeschlagen werden.

Vor über elf Jahren hatte die niedersächsische Polizei damit begonnen, knapp 12.000 IT-Arbeitsplätze auf Linux umzustellen. Auf den Rechnern sollte neben Bürosoftware vor allem das damals neu entwickelte, plattformunabhängige Niedersächsische Vorgangsbearbeitungs-, Analyse-, Dokumentations- und Informationssystem Nivadis laufen. Für Open Source hätten zum einen die geringen Kosten, zum anderen ein erhöhter Komfort und mehr Sicherheit gesprochen, hatten die Behörden damals betont.

Die an dem Projekt beteiligte Unternehmensberatung Mummert Consulting hatte im Vorfeld über zehn Jahre einen Einspareffekt von 20 Millionen Euro gegenüber einer Lösung mit Windows 2000/XP berechnet.

Zu den neuen ökonomischen Berechnungen hält sich das zuständige niedersächsische Innenministerium bedeckt. Einbezogen worden seien neben der "gesamten IT-Infrastruktur" der Polizei "geschützte wirtschaftliche Kennzahlen", konstatierte ein Sprecher der Behörde gegenüber Netzpolitik.org. Die darin "untrennbar enthaltenen taktisch und technisch vertraulichen Informationen" ließen eine Veröffentlichung der Analyse nicht zu.

Derzeit sei sicherzustellen, dass Nivadis unter zwei Betriebssystemen laufe, da sie hauptsächlich unter Windows entwickelt, effektiv aber nur auf Linux "produktiv genutzt" werde, erläuterte das Innenressort weiter. Dies habe zu einem erhöhten Test- und Administrationsaufwand geführt, zumal auch nicht alle Mitarbeiter auf den Wachen bereit gewesen seien, Microsoft Office aufzugeben. Ermittler monieren dem Vernehmen nach zudem, dass auf den Linux-Rechnern aus Sicherheitsgründen viele Funktionen deaktiviert seien und so etwa Überwachungsvideos nicht ohne Weiteres ausgewertet werden könnten.

Bei Nivadis unter Linux war es anfangs mehrfach zu Ausfällen und einem vorübergehenden Betriebsstopp des IT-Systems gekommen. Ein Behördenvertreter hatte 2005 aber gegenüber heise online unterstrichen, dass inzwischen "alles problemlos" laufe. Klagen habe es seit längerem keine mehr gegeben. Voriges Jahr präsentierte die niedersächsische Polizei das Werkzeug "Nivadis Auswertung 2.0" auf der CeBIT. Die Frage des zugrundeliegenden Betriebssystems hatte damals keine Rolle gespielt.

Das derzeit größte Linux-Projekt der öffentlichen Hand in Deutschland mit etwa 15.000 Arbeitsplätzen betreibt momentan die Stadt München. Dort hat die neue Rathausspitze jüngst eine Untersuchung der Leistungsfähigkeit der gesamten IT in Auftrag gegeben. Ein Wechsel zurück zu Microsoft soll aktuell trotz lauten Gebrummels aus den Bürgermeisterstuben aber nicht direkt auf der Tagesordnung stehen. (jk)