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Technology Review

Polizei ermittelt Täter über Gendatenbank von Ahnenforschern

Durch alte DNA-Spuren haben US-Polizisten jetzt den seit Jahrzehnten gesuchten Golden State Killer gefunden. Dazu haben sie Gendatenbanken von Ahnenforschern benutzt. Das war völlig legal, führte aber auch zu Kritik.

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Joseph James DeAngelo, der mutmaßliche "Golden State Killer", wurde jetzt in Sacramento verhaftet.

(Bild: Randy Pench / Sacramento Bee / Getty Images)

Seit Jahren nutzen US-Amerikaner Gendatenbanken zur Ahnenforschung. Nun haben Polizeiermittler gezeigt, dass sich über das Angebot ein seit Jahrzehnten gesuchter Serienmörder finden ließ: Der "Golden State Killer" soll zwischen 1974 und 1986 mindestens zwölf Morde und mehr als 50 Vergewaltigungen begangen haben. Details über ihr Vorgehen gab die Polizei nicht bekannt. Wahrscheinlich ist aber, dass die Ermittler auf mehreren Genealogie-Webseiten ein gefälschtes Profil erstellten, darunter bei GEDMatch. Das Portal verfügt laut Mitgründer Curtis Rogers über fast eine Million Gensequenzen. Dort dürfte die Polizei Gendaten aus alten Tatortbeweisen eingestellt haben, wie Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe berichtet (jetzt im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop erhältlich).

Anhand der Gensequenz lässt sich nach Verwandten suchen, falls diese ebenfalls Erbgutinformationen auf der Webseite hochgeladen haben. Das ist möglich, weil der genetische Code von Geschwistern, Cousins und anderen Verwandten teilweise identisch ist. Sobald die Ermittler einen Zusammenhang zum Täter gefunden hatten, konnten sie ihre Suche mit konventionellen Methoden fortsetzen. Ende April gab Sheriff Scott Jones bekannt, den mutmaßlichen Täter, den 72 Jahre alten Ex-Polizisten Joseph James DeAngelo, in Sacramento festgenommen zu haben.

Das Vorgehen ist aber nicht nur eine polizeiliche Meisterleistung, sondern macht gleichzeitig Datenschützer äußerst nervös. John Wilbanks vom US-Forschungsinstitut Sage Bionetworks kritisiert das Vorgehen der Polizei als "Ausbeutung" der Gemeinschaft. Denn Benutzer, die Daten etwa bei GEDMatch hochladen, müssen bestätigen, dass sie dazu autorisiert sind und im Zweifelsfall eine Genehmigung besitzen.

Allerdings werden die Benutzer darauf hingewiesen, dass keine Datenschutz-Garantie besteht und ihre Daten auch für andere Zwecke als die Genealogie verwendet werden können. Selbst ohne diese Klausel war das Vorgehen der Polizisten wohl legal. "Nach geltendem Verfassungsrecht hat die Regierung einen enormen Ermessensspielraum bei der Verwendung von Tatortbeweisen", sagt die Juristin Erin Murphy von der New York University. "DNA, die an einem Tatort hinterlassen wurde, genießt grundsätzlich keinen rechtlichen Schutz."

Mittlerweile unterhält der Bundesstaat Kalifornien zwar selbst eine DNA-Datenbank mit rund zwei Millionen registrierten, verurteilten Straftätern. Diese Bestände werden ebenfalls von den Beamten zur Suche verwendet. Die Erfolgsaussichten sind jedoch begrenzt. Denn forensische Labore verwenden vor allem bestimmte Sequenzen aus den nicht codierenden DNA-Abschnitten, den sogenannten genetischen Fingerabdruck. Damit lassen sich aber nur sehr nahe Verwandte wie die Eltern oder Geschwister genau identifizieren. Kommerzielle Genealogie-Datenbanken nutzen dagegen größere Genomabschnitte und stellen damit eine effektivere Suchmöglichkeit dar.

Letztlich war es nur eine Frage der Zeit, bis Polizeikräfte den Trend unter den US-Bürgern zur Erforschung ihrer Herkunft ausnutzten. Für nur 99 Dollar können Interessierte ihre DNA analysieren lassen, um etwas über ihre Herkunft oder Verwandte zu erfahren. Bis Anfang 2018 hatten bereits mehr als zwölf Millionen Menschen solche Tests machen lassen. Und die Zahl der Getesteten wächst weiterhin monatlich um etwa eine Million. Damit wird bald der Punkt erreicht sein, an dem von fast jedem US-Einwohner ein naher oder entfernterer Verwandter eine DNA-Probe abgegeben hat.

Für damit verbundene Gefahren scheint sich indes kaum jemand zu interessieren. GEDMatch hat aufgrund des aktuellen Anlasses seinen Nutzern freigestellt, ihr Profil zu löschen, sagt Curtis Rogers. Das hätten bisher allerdings nur „sehr wenige“ getan.

Mehr Texte über technologische Themen aus aller Welt lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von Technology Review (jetzt im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop erhältlich). (Antonio Regalado ) / (inwu)

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