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Polizisten werden fit gemacht im Kampf gegen Internet-Kriminalität

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Mehr als eine Milliarde Webseiten, an die 100.000 Newsgroups, mehrere 10 000 Chatkanäle – nur eine kleine Zwischenbilanz zur aktuellen Situation im World-Wide-Web. Fachleute gehen davon aus, dass rund ein bis zwei Prozent dieser Seiten kriminellen Inhalts sind. Bedarf ist also da für polizeiliche Ermittlungsarbeit, nur "wo sollen wir anfangen?, fragt Uwe Schundelmeier, Seminarleiter bei der Akademie der Polizei Baden-Württemberg in Freiburg. Dort werden Kriminalpolizisten fit gemacht im Kampf gegen diese neue Art des Verbrechens.

"Das Spektrum der Kriminalität im Internet ist unvorstellbar breit", sagt Schundelmeier. Kinderpornografie, Darstellungen von Gewalt oder Sodomie sind nur ein kleiner, allerdings Schlagzeilen trächtiger Teil davon. Andere Delikte wie Betrug, Geldwäsche, Beleidigungen oder Erpressungen sind immer häufiger zu finden. Die im Internet herrschende Anarchie macht es den Ermittlern schwer, die Übeltäter an ihrem Treiben zu hindern. "Dazu kommt, dass bei uns Dinge verboten sind, die in Nachbarländern erlaubt sind", sagt Schundelmeier – von entlegenen Südseefelsen wie die Coconut-Islands ganz zu schweigen.

Die Teilnehmer am Seminar werden nicht gleich zu Internetexperten ausgebildet. Es geht vielmehr darum, die Sensibilität für die vollkommen andere kriminelle Welt zu erhöhen. "Früher haben wir bei einer Wohnungsdurchsuchung den Papierkorb geleert oder auf einem Papierblock nach verräterischen Druckspuren gesucht" erzählt der Kriminaldirektor Manfred Holder. Heute finden die Polizisten einen Computer und müssen die Festplatte durchforsten.

Dabei hilft ihnen die Tatsache, dass jede Internetbewegung im PC zu Hause gespeichert ist. Auch sind die Daten jeder Bewegung im Netz bei den Internetbetreiber für mehrere Wochen vorhanden. Jeder Benutzer bekommt beim Zugang eine so genannte IP-Nummer, anhand derer er zu identifizieren ist. "Wenn es aber jemand schaffen sollte, auch daran zu manipulieren, sind wir mit unserem Latein am Ende", bedauert Schundelmeier. Dazu kommen noch Datenschutz rechtliche Hürden, die überwunden werden müssen.

Aber auch die Ermittlung nicht so schlauer Betrüger kostet Zeit und Nerven. So erzählt ein Dozent von einem Auktionsbetrug, bei dem rund 3000 Mark erschwindelt wurden. Wochenlang durchforsteten die Ermittler Daten, bis sie schließlich beim Betrüger landeten. Kein Einzelfall, weiß Schundelmeier. Die Arbeit der Kriminalisten wird immer diffiziler, je mehr die Welt des Verbrechens die Möglichkeiten in der Welt der Daten findet.

Die Anonymität, die auf den ersten Blick im Netz herrscht, ist dabei ein besonderer Anziehungspunkt. Da werden zum Beispiel Luxusuhren bestellt und bezogen, die Rechnung geht dann an eine unbekannte Adresse. Oder ein unliebsamer Konkurrent wird per "E-Mail-Bombing" mit mehreren hundert Mails pro Minute so eingedeckt, dass er Stunden bis Tage braucht, um wieder aufzuräumen – doch wertvolle Zeit ist vertan oder Kunden sind gar abgesprungen.

Ein besonderer Dorn im Auge der Ermittlern ist die Kommunikation im "Internet relay chat" (IRC) mit anonymen Newsgroups. Vom harmlosen Gespräch zwischen Kontinenten über den widerlichsten Schmuddelkram bis hin zur Verabredung von Verbrechen ist hier alles möglich. Und eine Kontrolle ist nur schwer möglich, gestehen die Polizisten ein. Die Arbeit der Ermittler wird noch durch weitere Umstände erschwert. Bereits die Zusammenarbeit innerhalb Deutschlands läuft selten reibungslos und die Ausstattung der Polizeireviere mit der Internetrealität angepassten Computern geht schleppend voran. Zu allem Übel gibt es nahezu kein höchstrichterliches deutsches Recht – von internationalem Recht ganz zu schweigen – an das sich die Internetpolizisten halten können. (Joachim Mangler, dpa) / (wst)