Popkomm: Musikwirtschaft erreicht die Talsohle

Mit gemischten Gefühlen haben Vertreter aus Industrie und Politik die Nabelschau der Musikszene eröffnet, die erstmals in Berlin stattfindet.

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  • Stefan Krempl

Mit gemischten Gefühlen haben Vertreter aus Industrie und Politik mit der Popkomm die deutsche Nabelschau der Musikszene eröffnet, die erstmals in Berlin stattfindet. "Die Musikwirtschaft erreicht die Talsohle", charakterisierte Gerd Gebhardt, Chef der deutschen Phonoverbände, den traurigen Ist-Zustand der darbenden Branche. "Wir haben noch nicht die Trendwende", klagte der Lobbyist, "aber wir können das Licht am Ende des Tunnels erkennen." Gebhard freute sich in diesem Zusammenhang vor allem über den Erfolg der "neuen deutschsprachigen Musik": Der Anteil deutscher Autoren stieg im vergangenen Jahr auf 55 Prozent.

Weitere Anzeichen für eine langsam einsetzende Besserung erkannte Gebhardt mit dem Aufblühen legaler Download-Dienste: "Der Musikmarkt im Internet hat die Kraft eines Wachstumsmarktes", erklärte der Verbandschef und verwies auf mehr als eine Million bezahlte Downloads im Monat. "Auch das Geschäft mit Klingeltönen steigt sprunghaft an"", freute sich Gebhardt. Nun gehe es darum, die neuen digitalen Möglichkeiten verstärkt zu nutzen. Gebhardt bedankte sich daher bei Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, dass sie "die Rechteinhaber vor dem Schlimmsten bewahrt" habe und diese die Musik "nicht verschenken müssten." Er spielte damit auf den Entwurf für die zweite Stufe der Urheberrechtsreform an, den das Justizministerium vor zwei Wochen in seinen Eckpunkten erläutert und passend zur Messeeröffnung am heutigen Mittwoch in voller Länge online gestellt hat. "Die Urheberrechtsnovelle wird ein dominierendes Thema" der Popkomm, schwor Gebhardt die Branche auf Geschlossenheit im Kampf gegen Raubkopierer ein. "Sie definiert, womit Künstler und Kreative Geld verdienen können und womit nicht." Die Musikindustrie kämpft hier vor allem gegen die Aufrechterhaltung der Privatkopie im Urheberrecht, obwohl das Justizministerium ihr bereits weitgehend den Zahn gezogen hat.

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement sieht ebenfalls Zeichen der Hoffnung. "Die Popmusik ist ein Wirtschaftsfaktor von großer Bedeutung", sagte er in seiner Eröffnungsrede und sprach von einer "Steigerung der Lebensqualität" durch die Kraft der aus den Lautsprechern strömenden Schallwellen. Beim Gejammere der Branche müsse man differenzieren. So verwies Clement auf den Boom beim Verkauf von Musik-DVDs, der hierzulande in diesem Jahr die 10-Millionen-Marke weit überschreiten soll. "Die Musikveranstaltungsbranche hat sich ebenfalls gut behauptet", wusste der Wirtschaftsminister zu berichten. Der Zuwachs liege dort bei zwei Prozent, der Umsatz mit 2,7 Milliarden Euro bei 150 Millionen verkaufter Tickets 2003 höher als bei der Tonträgerindustrie. Die von den Phonoverbänden immer wieder vorgetragene These, dass immer mehr Leute Musik hören, aber immer weniger dafür zahlen würden, stimme daher so nicht.

Auch am leidigen Thema Raubkopien kam Clement nicht vorbei. Der Wirtschaftsminister unterstützte in diesem Bereich voll den Kurs seiner Kabinettskollegin Zypries und las deren Sprechzettel zum "zweiten Korb" der Urheberrechtsform ab. Der Download aus Tauschbörsen solle illegal werden und eine Durchsetzungsmöglichkeit der Privatkopie gegen Kopierschutz werde es nicht geben, betonte der SPD--Politiker. Doch der Gesetzgeber könne der Branche auf Dauer nicht helfen, wenn sie ihre Umsätze immer erst vor dem Kadi erstreite und nicht an der Kasse. Die legalen Alternativen hätten mit dem Aus für Phonoline, der bisherigen offiziellen Online-Plattform der Musikindustrie, zwar "einen Dämpfer erhalten", führte Clement aus. "Aber ich bin sicher nicht der einzige, der daran glaubt, dass im Internet noch viel Musik drin ist."

Allgemein erwartet die Branche von dem Neustart der Popkomm in Berlin mit einem stärker auf Fachgespräche ausgerichtete Messe und ein fulminantes Begleitprogramm mit mehr als 400 Stunden Live-Musik von über 1200 Künstlern ein Aufbruchsignal. "Wir glauben, dass Berlin und die Popkomm zueinander passen", sagte der Wirtschaftssenator der Hauptstadt, Harald Wolf. Die neue Heimat der Messe habe alles, was auch die Musikindustrie brauche, nämlich Kreativität als Rohstoff, eine ausgesprochen experimentierfreudige Medienszene und die Verschmelzung der einzelnen Branchenfelder miteinander. Für den Erfolg der Popkomm spreche bereits, dass die Messe mit 630 Ausstellern und 900 vertretenen Firmen "ausgebucht" sei.

Zur Musikmesse Popkomm siehe auch:

(Stefan Krempl) / (jk)