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Precrime per Predictive Policing: Das Internet der Dinge im Zeugenstand

Den Vorträgen auf dem europäischen Polizeikongress 2015 zufolge ist Predictive Policing das nächste große Ding in der computerunterstützen Polizeiarbeit. Mit den Daten vom Internet der Dinge gekoppelt, werden virtuelle Zeugen die Kriminalistik umkrempeln.

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Software zur Einbrecher-Vorhersage

Vom Start bis zum Ende des zweitägigen 18. europäischen Polizeikongresses in Berlin spielte Predictive Policing eine herausragende Rolle. Die computerunterstützte Suche nach Tatmustern und anschließender, mit Geographie-Daten präzisierter Wahrscheinlichkeitsprognose katapultiert die Polizeiarbeit offenbar ins 21. jahrhundert. Kritische Töne zur neuen Technologie klangen allein beim obersten NRW-Polizisten Dieter Schürmann in seinem Vortrag an.

Der europäische Polizeikongress wurde vom Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) mit der Ankündigung eröffnet, dass man nun in Berlin wie in Bayern die Software Precobs einsetzen wolle. Die parallel zum Kongress veröffentlichte Kriminalstatistik sprach dafür: 12.159 Einbrüche in Wohnungen und Häusern im Jahre 2014 stehen 800 aufgeklärte Vorfälle gegenüber. Eine Software, die in der Masse dieser Taten nach Mustern sucht und herausfindet, wie und wo die "schnell abreisenden Banden" zuschlagen, könne die "Nähe des Ostblocks" aufheben, erklärte Henkel auf dem Polizeikongress.

"Notleidende Datenhalden"

Den zentralen Vortrag über Predictive Policing hielt Dieter Schürmann, Leiter des Landeskriminalamtes von Nordrhein-Westfalen. Seine Behörde hat vor kurzem eine Ausschreibung für eine Software gestartet, die neue Zusammenhänge im öffentlichen Raum in ihrer "kriminogenen Dynamik" erkunden soll. Zunächst soll nach Schürmann mit statischen Falldaten gearbeitet werden, dann sollen die "notleidenden Datenhalden" der Sonderdienste integriert werden.

Schließlich soll mit der Einspeisung von Echtdaten aus der Polizeiarbeit und von externen Quellen durch externe Dienstleister (Wetter, Energieverbrauch, Internet-Nutzung) das Predictive Policing so scharf geschaltet werden, das es "echte Zusammenhänge" erkennen könne. Schürmann räumte in seinem Vortrag ein, dass es noch ungelöste Probleme gebe, mit dem Einsatz dieser Analyse-Software "vor die Lage" zu kommen. Etwa im ländlichen Raum, für den keine Erfahrungen über Predictive Policing vorliegen würden, im Gegensatz zu Düsseldorf, wo die Software zunächst eingesetzt werden soll. Auf dem Polizeikongress wurde Thomas Lammert für seine Examensarbeit zu Predictive Policing mit einem Preis ausgezeichnet, weil er den Einsatz entsprechender (IBM)-Software in Memphis analysiert hatte, "Memphis und Düsseldorf sind doch sehr ähnliche Städte," meinte der Laudator.

Gang-Analyse mit Big Data

Im Workshop über Predictive Policing waren es vor allem die Software-Hersteller und Systemhäuser, die für Predictive Policing warben. Während Praktiker aus München und Düsseldorf betonten, dass keine personenbezogenen Daten verwendet werden, berichtete Mario Walther von Accenture von einem erfolgreichen Londoner Projekt. Bei diesem Projekt wurden die Falldaten von 3000 Gang-Mitgliedern in Accenture Analytics eingespeist, um durch zusätzliche Analyse von sozialen Netzwerken eine Liste derjenigen zu erstellen, die wahrscheinlich Straftaten begehen. Ziel der Überwachungsmaßnahme war es, neue Gang-Mitglieder daran zu hindern, gewalttätig zu werden.

Thomas Schweer vom Institut für musterbasierte Prognosetechnik schwärmte von seiner Software Precobs als rein deutsches Produkt, dessen Einsatz nach Ansicht von Datenschützern unbedenklich ist. Nach nur zwei Tagen Schulung könne ein Beamter mit dem System arbeiten. "Precobs ist von Polizisten für Polizisten entwickelt", daher gebe es keine Akzeptanzprobleme beim Einsatz der neuen Technik. Gegenüber n-tv betonte Schweer einen Aspekt, der Menschen außerhalb der Ermittlerszene beunruhigen dürfte: "Eine Prognose ist nicht falsch, wenn die Menschen festgenommen werden, bevor sie eine mögliche Tat begehen."

Zeugenaussagen von Sensoren der Smart City

In seinem Vortrag zum Internet der Dinge beschäftigte sich Bernd Baptist von CSC Deutschland mit dem Knall von Wedding. Er zeigte, wie aus öffentlich zugänglichen Daten von Mess-Sensoren ein ziemlich genaues Aufzeichnungsprofil des rätselhaften Knalls erstellt werden kann, bei dem man mittels der Multilateration den Verursacher errechnen kann.

Einziges Hindernis bei diesem Verfahren bilde eine künstliche Sperre des Sensor-Herstellers, die Daten zu aggregieren. "Wenn die Polizei da mal anklopft und sich die Daten holt, wäre das ein Leichtes", erklärte Baptist in seinem treffend betitelten Vortrag "Das Internet der Dinge als virtueller Zeuge". Er verwies auf die beim Fraunhofer FKIE geleistete Forschung zur Erkennung des Schusswaffentyps in Audio-Dateien, die in Zusammenspiel mit Sensoren in der Smart City der Polizei der Zukunft einen völlig neuen Ermittlungsansatz zur Verfügung stellen kann. Im Verbund von Predictive Policing und Sensoren entstehe ein "ungeheurer Hebel für Ermittlungszwecke". (axk)

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