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Prey angespielt: Mimikry im Schockzustand

Völlig unverfroren bedient sich der Science-Fiction-Shooter bei Klassikern wie Half-Life, System Shock und Deus Ex. Das ist spannend inszeniert, wenn es auch in einigen Details an der Balance hapert.

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Nach Dishonored setzen die französischen Arkane Studios ihr Erfolgsrezept in einem Science-Fiction-Survival-Shooter fort. Prey hat nichts mit dem Namensvetter von 2006 zu tun. Damals überraschte der First-Person-Shooter erstmals mit dem Einsatz von Portalen und Schwerkraftspielereien und vermengte das Ganze mit einer abstrusen Indianer-Story im Weltraum. Mit derlei Innovationen kann das neue Prey (ab 10 €) nicht aufwarten. Es blickt vielmehr in die Vergangenheit und fleddert nach Herzenslust bei Klassikern wie Half-Life, System Shock, Bioshock und Deus Ex.

Der Anfang ist verwirrend: Der Spieler wacht in einem Apartement auf und wird zu einem Rundflug über eine sonnendurchflutete Stadt gebeten. In einem Labor angekommen, muss er einige merkwürdige Tests bestehen. Natürlich geht etwas schief. Als der Spieler am nächsten Morgen erwacht, stellt er fest, dass alles nur Staffage war. Der Hubschrauberrundflug war nichts als eine Simulation. Tatsächlich ist er auf einer Raumstation gefangen, auf der schwarze Krabbelviecher herumirren. Diese spinnenartigen Aliens können sich in jeden Gegenstand verwandeln, egal ob Kaffeetasse oder Bürostuhl. Erst in nächster Nähe wachen sie auf und attackieren den Spieler, der zur Abwehr wild mit einer Rohrzange um sich schlägt.

Veteranen mögen das Labor und die Rohrzange als liebevolle Hommage an Half-Life ansehen – besonders originell ist die Idee aber nicht, zumal einem die Nahkämpfe mit den Krabbelviechern nach kurzer Zeit auf die Nerven gehen. Aufgrund der etwas schwammigen Steuerung mit dem Gamepad ist es eher Glücksache, die Viecher zu treffen.

Zwar findet der Spieler schon früh weitere Waffen wie eine Bauschaum-Kanone, Munition ist jedoch rar und die Knarren sind nicht besonders effektiv. Als die ersten aufrechtgehenden schwarzen Wächter der Aliens auftauchen, merkt man relativ schnell, dass man sich nicht auf einen offenen Kampf einlassen sollte. Fortan ist auch auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad Schleichen angesagt – in der Hoffnung, beim Herumstöbern nicht wieder auf ein Spinnennest zu stoßen. Da Medizinpacks äußerst rar sind, streunt man oft auf den letzten 20 Prozent Gesundheit herum. Das hält die Spannung zwar hoch, sorgt jedoch auch für manchen Frustmoment, wenn man den (jederzeit anlegbaren) letzten Speicherstand erneut laden muss.

Der Spieler darf seine Spielfigur mit zahlreichen Psychodrogen aufpumpen, die er sich – Bioshock lässt grüßen – mit einer großen Nadel in den Kopf injiziert. Die Aufrüstungen sind vergleichsweise langweilig: es gibt mehr Gesundheit, größere Kraft, um schwere Objekte zu heben, Reparatur- und Hacking-Skills. Zudem darf man seinen Raumanzug und sein Gehirn mit Psychotronik-Chipsätzen pimpen. Hier wird es dann endlich interessant, denn man kann die Mimikry-Fähigkeiten der Aliens stehlen und sich selbst als Klopapierrolle an ihnen vorbeistehlen.

Meist ist allerdings mühsame Routine angesagt: Auf der Raumstation durchsucht der Spieler die Leichen der verstorbenen Crew, studiert Logbücher und hackt Sicherheitscomputer, ähnlich wie man es aus System Shock und Deus Ex her kennt. So wird man quer durch die Raumstation geschickt, um eine Zugangskarte für die Werkstatt zu finden -- immer auf der Hut, um nicht von den Aliens ertappt zu werden. Die Hacking-Spiele wirken etwas ungelenk: Unter Zeitdruck muss man einen Puck durch ein Labyrinth zum Ziel bringen. Klappt das nicht, sinkt die Gesundheit um 5 Prozent. Spaß macht das nicht.

Prey angespielt (6 Bilder)

Der Start von Prey: In einem Labor durchläuft man einige Tests, die als Tutorial funktionieren.

Auch neue Gegenstände und Waffen im "Recycler" zu basteln ist nicht besonders originell. Der Spieler sammelt einfach jede Menge kaputte Platinen und Kabel ein, kippt sie in den Recycler und bekommt dafür Werkstoffe, aus denen er nach Plan neue (und alte) Waffen bauen kann.

Preys Schleich- und Kampf-Mechanik ist nicht so elegant wie in Dishonored, vor allem nerven die plötzlichen Begegnungen mit den Mimikry-Viechern und die darauf folgenden Nahkämpfe. Grafisch ist das in der Cry-Engine entwickelte Spiel auf der PS4 Pro etwas altbacken, Texturen geizen mit Details und die Beleuchtung wirkt meist statisch.

Vor allem hat man jedoch das Gefühl, dass den Entwicklern nicht genügend Zeit für die Balance blieb. Trotz Patch pünktlich zur Veröffentlichung wirkt das Spiel noch zu unausgeglichen. Selbst auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad hat man permanent Probleme, zu überleben, die nächste Begegnung mit einem Krabbelviech kann jederzeit den Bildschirmtod bedeuten.

Zwar ist die Story von Prey mysteriös, aber auf den Raumstationen passiert auf Dauer zu wenig Neues. Fesselnd ist die Handlung nicht, dazu haben auch die schwarzen Aliens zu wenig Charisma. Hier werden nur harte Fans der alten System-Shock-Teile über 20 bis 30 Spielstunden bis zum Ende durchhalten.

Prey ist für PC, Xbox One und Playstation 4 erhältlich. Wir haben die Version mit Patch 1.01 für ein paar Stunden angespielt. (dahe)