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Programmatic Advertising: Neue Beschwerde gegen personalisierte Werbung

In Echtzeit-Werbeauktionen sollen unnötig persönliche Daten offenbart werden. Auch sensible Informationen wie z.B. zum Thema Kindesmissbrauch würden gehandelt.

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Neue Beschwerde gegen Programmatic Advertising

Die Datenschutz-Organisation Panoptykon Foundation hat Beschwerde gegen Google und die Werbeorganisation IAB bei der polnischen Datenschutzbehörde eingereicht. Die Nichtregierungsorganisation schließt sich damit den vorherigen Beschwerden des Browserherstellers Brave und der Open Rights Group an.

Die Beschwerdeführer wenden sich gegen die Ausspielung personalisierter Werbung über das sogenannte Programmatic Advertising. Hierbei werden Werbeplätze auf Echtzeitmarktplätzen gehandelt, noch während eine Webseite im Browser geladen wird. Die Panoptykon Foundation hatte in den vergangenen Monaten versucht, in die Daten Einblick zu bekommen, die über Internetnutzer erhoben und auf diese Weise weitergegeben werden. Die meisten Firmen hätten jedoch Auskünfte mit der Begründung abgelehnt, dass sie die Nutzer gar nicht identifizieren könnten.

Mit neuen Details versuchen unterdessen Brave und die Open Rights Foundation ihre im vergangenen Jahr eingereichten Beschwerden bei den Datenschutzbehörden in Großbritannien und Irland zu untermauern. In neuen Dokumenten greifen sie insbesondere Google und die IAB an, weil diese in ihren Kriterienkatalogen sensible Daten routinemäßig verarbeiteten. In den technischen Unterlagen zur Durchführung der Echtzeitauktionen sind Kategorien wie beispielsweise "IAB7-28 Incest/Abuse Support" aufgeführt.

Wie Johnny Ryan von Brave gegenüber heise online einräumt, dient diese Kategorie jedoch nicht dazu, die Opfer sexuellen Missbrauchs oder von Inzest direkt zu adressieren. Vielmehr sollen mit Hilfe dieser Schlagwörter die Inhalte beschrieben werden, an deren Seite die Werbung platziert werden können. Nach einigen Skandalen in den vergangenen Jahren tendieren Werbeanbieter dazu, kontroverse, imageschädliche oder unpassende Inhalte zu umgehen. Ein Hersteller von Babywindeln kann zum Beispiel explizit verlangen, dass seine Werbung nicht neben einem Artikel zu Kindesmissbrauch auftaucht.

Gegenüber dem US-Magazin Wired versicherte ein Google-Sprecher, dass Nutzer anhand sensibler Informationen wie dem Schwangerschaftsverlauf oder einer Krankheit nicht adressiert werden dürfen. Brave hält dennoch an der Kritik fest: "Zwar kategorisieren diese Tags den Inhalt – aber wenn eine Person die Seite aufruft, haftet diese Kategorie ihrem Profil an und wird damit zum persönlichen Datum", kritisiert Ryan die Praxis des Datenhandels. Zudem würden bei den Echtzeitauktionen viele Daten wie die IP-Adresse oder die Tracking-ID eines Nutzers an jeden Bieter übertragen. Dies ermögliche die nachträgliche Identifizierung oder die Anreicherung von Nutzerprofilen.

In den vergangenen Monaten gibt es verschärft Kritik an dem Geschäft mit personalisierter Werbung. Für Schlagzeilen sorgte der Fall einer Angestellten der Washington Post, die nach einer Totgeburt mit Werbung für Babybedarf überflutet wurde und sich öffentlich an die Tech-Branche wandte.

Auch wird die Effektivität des hochkomplexen Geschäfts der Personalisierung immer mehr bezweifelt. Die New York Times baut inzwischen einen Markt für nicht-personalisierte Werbung auf, die bisher aber nur bei Nutzern in der Europäischen Union ausgeliefert wird.

Update: Die Werbeorganisation IAB Europe weist die Anschuldigungen zurück. "Die Beschwerden erscheinen wie der Versuch, Straßenbauer für Vergehen einzelner Autofahrer wie zu schnelles Fahren oder unzulässiges Parken verantwortlich zu machen", erklärte eine Sprecherin gegenüber heise online. Nur aus den technischen Richtlinien lasse sich kein Verstoß gegen die Vorschriften der Datenschutz-Grundverordnung konstruieren. Der Sinn des "Transparency & Consent Framework" sei, Firmen die datenschutzkonforme Werbeausspielung zu ermöglichen. Die Verantwortung für die Einhaltung der Vorschriften liege jedoch bei den Firmen, die das Framework anwendeten. (anw)