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Programmierer kritisieren Apples App Store

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Alles begann mit dem Verbot eines virtuellen Furzkissens. Die iPhone-Anwendung namens "Pull My Finger" wurde vom Team des Apple App Store Anfang September offiziell zurückgewiesen, weil sie "nur über einen eingeschränkten Nutzwert" verfüge und unklar sei, ob sie "die breite Masse der iPhone und iPod-touch-Nutzer" auch anspreche. Der Programmierer der (seiner Meinung nach) durchaus kreativen Software, die unter anderem "16 verschiedene "Zieh an meinem Finger"-Illustrationen" sowie diverse Darmgeräusche enthielt, ging mit dem Vorfall an die Öffentlichkeit und trat damit eine Debatte über die Mobilfunk-Plattform los – und über Apples Politik der Zulassung von Software.

Bei iPhone und iPod touch bestimmt allein Apple, welche Anwendungen über den einzigen offiziellen Vertriebsweg, den App Store, auf die Plattform gelangen. Die Regeln dazu sind allerdings sehr vage. So wurden in den vergangenen Wochen gleich mehrere Apps nicht zugelassen, die deutlich weniger kontrovers waren als "Pull My Finger". So lehnte Apple das durchaus sinnvolle Programm "Big Five" ab, mit dem es Web-Programmierern möglich wird, auf iPhone-Eigenheiten wie Kamera, Ortsdaten oder Beschleunigungssensor mit Hilfe von JavaScript zuzugreifen. Die Anwendung sei "von eingeschränktem Nutzwert", lautete die Begründung.

Programmierer Dirk Holtwick, der mit "Big Five" das Open-Source-Projekt "PhoneGap" als iPhone-Anwendung anbieten wollte, versteht das nicht. "Es gibt keinerlei verlässlicher Kriterien, nach denen Programme eine Chance haben, von Apple aufgenommen zu werden", sagte er gegenüber heise online. Holtwick steht mit seiner Meinung nicht alleine da. In den vergangenen Tagen deutet sich eine Protestwelle unter bekannten Mac- und iPhone-Programmierern an. Gus Mueller, Entwickler von "VoodooPad", findet, Apple gebe damit die Botschaft an die Entwickler, bloß nicht innovativ zu sein. "Dafür ist Apple zuständig". RSS-Guru Dave Winer nennt das iPhone eine "unzuverlässige Plattform". Michael Tsai, Macher der populären Mac-Anti-Spam-Lösung "SpamSieve", meint, es falle zunehmend schwerer, Apple zu trauen. Fraser Speirs, Entwickler der Flickr-Anwendung "Exposure" will schließlich ganz aus dem App Store aussteigen: "Unter den jetzigen Bedingungen werde ich nicht mehr mitmachen." Holtwick wiederum sieht schlicht keine Investitionssicherheit.

Doch das Aussieben im App Store geht weiter. Zuletzt blockierte Apple die Multimedia-Anwendung "Podcaster", weil diese "eine Funktion des Podcast-Bereichs von iTunes" dupliziere. Die Vermutung, dass Apple sich mit seiner aktuellen Politik Konkurrenz für eigene Produkte von den Geräten halten möchte, scheint kritischen Beobachtern damit bestätigt. Eine Aussage zu den Vorgängen gibt es von dem Computerhersteller jedoch nicht, auf Nachfrage von heise online lehnte er ein Statement ab. Dass Apple durchaus auf seine eigenen Interessen achtet, hatte zuvor das Verbot der Anwendung "Netshare" von Nullriver gezeigt: Sie ermöglicht die Nutzung des iPhone als Modem für PC und Mac. Doch genau dieses so genannte "Tethering" ist laut Apples amerikanischem Mobilfunkpartner AT&T offiziell verboten.

Zunächst hatte es nicht danach ausgesehen, dass Apple die verfügbare App-Store-Software restriktiv behandeln würde. Bei der Vorstellung des iPhone-Entwicklerkits im März 2008 erklärte Firmenchef Steve Jobs allein solche Anwendungen für nicht zulassungswürdig, die Pornografie, Malware, Illegales, Eingriffe in die Privatsphäre, Bandbreiten-Fresser oder "Unvorhergesehenes" enthielten. Eine Konkurrenzausschlussklausel war hingegen nicht dabei. "Es ist auch in unserem Interesse, so viele Apps wie möglich aufs iPhone zu bringen", betonte Jobs damals.

Tatsächlich findet sich in den inzwischen über 1000 Anwendungen im App Store einiges an Software, deren Qualität als zweifelhaft bezeichnet werden kann. Selbst Apps, die nur aus SDK-Demonstrationscode bestanden, wurden Programmierern zufolge schon zugelassen. Für Apple besonders peinlich war eine 1000 Dollar teure "künstlerische Anwendung" namens "I Am Rich" von einem deutschen Programmierer, mit der der Nutzer seinen Freunden lediglich zeigen sollte, dass er "über genügend finanzielle Mittel" verfüge, sie sich zu leisten. Das Programm ohne jegliche nennenswerte Funktionen wurde erst aus dem App Store entfernt, nachdem sich einige Kunden beschwert und jemand den Bestellknopf "aus Versehen" gedrückt hatte. (bsc)

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