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Prozess um Darkweb-Forum: Verantwortung des Betreibers für die Waffengeschäfte

"Kommen und Gehen" im Forum

Inhaltsverzeichnis

Themenwechsel. Der Richter fragt, ob Alexander U. auf der Plattform Freunde hatte, mit denen er sich intensiver ausgetauscht habe. "Ja, über die Themen, die mich interessiert haben. Technische Abläufe, Sicherheit, Politik, auch Drogen". Hier sagt er dann doch einmal "Drogen". Ob er sich an jemanden konkret erinnere? Der Angeklagte erinnert sich und nennt einen Usernamen: "Zombieholocaust, der fällt mir im Speziellen ein". Mit dem habe er sich ausgetauscht und mit ihm gemeinsam Anleitungen für Foristen geschrieben.

Gab’s weitere solcher engeren Kontakte? "Nein, nichts bleibendes. Kommen und Gehen."

Keine Fragen stellt Richter Radke über die Inhalte der Kommunikation mit "Zombieholocaust". Was mag Alexander U. wohl über Politik mit ihm ausgetauscht haben? Mit einem Mann, der sich ausgerechnet "Zombieholocaust" nannte? Und nachdem er ausdrücklich dazu sagte, er habe sich neben anderem auch über Politik mit ihm ausgetauscht?

Ob er einen User namens "blab" kenne, fragt der Richter. "blab" ist der, der wenige Tage nach dem Münchner Anschlag einen verdeckten Ermittler anschrieb und Informationen über die Planung des Münchner Anschlags bot, allerdings nur gegen Geld

Alexander U. beantwortet die Frage des Richters so: "Ich glaube, dass ich diese Nachricht an Sectorplantone mal gelesen habe". Diese Antwort versteht im Grunde nur, wer sich in der Thematik vertieft auskennt: Den Namen "Sectorplantone" nennt der Angeklagte ohne Vorhalt aus dem Gedächtnis. Dem Richter fällt das nicht auf, er stellt keine Nachfrage dazu. Dabei gehören "blab" und "Sectorplantone" zu den heikelsten Figuren dieses Verfahrens.

Die Identität von "blab" ist bis heute ungeklärt. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt dazu. Im Prozess gegen den Waffenhändler des OEZ-Attentäters war immer wieder der Verdacht aufgekommen, ein bei Köln lebender Waffennarr und User von DiDW (Username: Mike-bravo) könne sich hinter "blab" verbergen. Andere Prozessbeteiligte vermuten den Angeklagten hinter diesem Pseudonym. Die Frage ist relevant, weil "blab" offenbar Insinderkenntnisse besaß. In der Nachricht, die der Angeklagte meint, behauptet er, er habe schon vorab von von den Münchener Anschlagsplänen gewusst. An "blab" entzündet sich auch die Frage, die die Angehörigen und Opfer am meisten beschäftigt – ob sich die Anschläge nämlich hätten verhindern lassen, wenn die Behörden ihre Informationen untereinander ausgetauscht hätten.

Die Identität von "Sectorplantone" ist dagegen bekannt. Es handelt sich um einen Ermittler des Zollfahndungsamtes, dessen Klarname in der Akte zu finden ist. Ursprünglich steckte hinter "Sectorplantone" ein Waffenkäufer, der sich bei DiDW registriert hatte. Die Fahnder hatten ihn bei einem fingierten Deal überführt und festgenommen. Sie übernahmen seinen Account und führten seine Geschäft hinter seiner Online-Identität fort.

Wenige Wochen nach dem Münchner Anschlag nahm "Sectorplantone" Kontakt zu "Rico" auf. So nannte sich der Waffenlieferant des Münchner Attentäters. "Sectorplantone" schrieb, er wolle eine Maschinenpistole von ihm kaufen. "Rico" sagte zunächst ab. Nach dem Münchner Anschlag wolle er vorerst abtauchen. Am Ende sagte er aber doch zu, nicht nur die Maschinenpistole, sondern dazu noch eine Pistole für zusammen 8000 Euro zu liefern. "Rico" und "Sectorplantone" verabredeten sich in Marburg zur Übergabe von Geld und Waffen. Erst da entpuppte sich "Sectorplantone" als verdeckter Ermittler. Bei diesem Treffen wurde der Waffenhändler festgenommen.

Von all dem will der Angeklagte in Karlsruhe nichts gewusst haben. Ob er irgendwann die User "Rico" und "Maurächer" in seinem Forum wahrgenommen habe? "Maurächer" war der Username des Münchner Attentäters. "Später dann schon", antwortet Alexander U. "War Ihnen die Kommunikation zwischen Rico und Maurächer in irgendeiner Weise bekannt?" Kurze Antwort: "Nein".

Nach dem Anschlag sei dann allerorten spekuliert worden, dass die Waffe des Münchner Attentäters über sein Forum gehandelt worden sei. "Ich habe das für eine Erfindung der Presse gehalten", sagt U. "Ich habe das nicht für voll genommen". Der Richter fragt: "Wann haben Sie es für voll genommen?" U. antwortet: "Spätestens, als die Polizei vor meiner Haustür stand". Also am 8. Juni 2017, dem Tag, an dem die GSG 9 seine Wohnungstür auframmte und ihn ein Greiftrupp des BKA vom laufenden Computer wegzog und später in der Nacht einer der Beamten den Stecker zog. (mho)