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Putins Trolle schwemmen die Online-Foren

Redaktionen von Funk und Zeitungen sehen sich mit einer Flut prorussischer Kommentare konfrontiert. Die "SZ" hat nach eigenen Angaben Belege dafür, dass auch außerhalb Russlands Nachrichtenportale und soziale Netzwerke manipuliert werden sollen.

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Der Verdacht besteht schon seit einiger Zeit, dass russische PR-Spezialisten im Web groß angelegte Kampagnen gegen Wladimir Putins Kritiker organisieren. Zum Beispiel hatte der Guardian kürzlich eine pro-russische Troll-Kampagne vermutet. Nun gibt es laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung Belege dafür, dass es die Manipulatoren auch gezielt auf das Publikum von Nachrichtenportalen und sozialen Netzwerken außerhalb des russischen Sprachraums abgesehen haben. Dabei gehe es darum, die Meinung in den Foren großer Nachrichtenportale zu dominieren, Debatten in sozialen Netzwerken nach Troll-Art zu stören und Communitys der Gegenseite zu zersetzen.

Im Zuge der Ukraine-Krise sahen sich Redaktionen von Zeitungen und Fernsehsendern mit einer Flut von Kommentaren konfrontiert, die die Maidan-Proteste als Werk von US-Geheimdiensten und die ukrainische Regierung als Nazi-Junta verunglimpften. Um solcherlei und andere Manipulationsversuche kümmere sich eine "Agentur zur Analyse des Internets" in Sankt Petersburg mit ihren 600 Mitarbeitern. Interne Dokumente und E-Mails leitender Mitarbeiter der Agentur belegten, dass sie dafür monatlich rund eine Million US-Dollar einstreicht, heißt es in dem Bericht. Als ein Auftraggeber für solche Kampagnen sei der Petersburger Unternehmer Jewgenij Prigoschin auszumachen, der Putin seit den 90er Jahren kenne.

Die Strategiepapiere der Petersburger Agentur enthalten laut Süddeutscher Zeitung Analysen der sozialen Netzwerke Facebook, Twitter, LinkedIn und Youtube zu deren Nutzer-Altersverteilung, zu der Tageszeit mit der größten Aktivität sowie der politischen Einstellung des Publikums. Die Analysten zählten Unterstützergruppen für Barack Obama auf Facebook und Twitter auf und zeigten, welche Regeln für Kommentare auf den Nachrichten-Portalen Politico, Huffington Post oder Fox News gelten.

Michail Burtschik, ein Geschäftsführer der "Agentur zur Analyse des Internets" hat laut Süddeutscher Zeitung die Authentizität des Materials bestätigt. Dieser nenne sich in seinem Blog "geschäftsführender Troll". Weiter schreibe er, "lieber Troll sein und seine Heimat lieben, als anonym auf die Regierung schimpfen". Allerdings treten die von seiner Agentur bezahlten Kommentatoren in den Foren unter einem Deckmantel auf.

Besorgt über die aktuelle Tendenz zeigte sich diese Woche Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen. Er hat darauf hingewiesen, dass russische Spione ihre Tätigkeiten ausgeweitet hätten. Darüber hinaus bemühten sich russische Geheimdienste auch, das Meinungsbild in Deutschland zu beeinflussen. Besonderes Interesse gelte der Bewertung der russischen Ukraine-Politik durch Deutschland, die EU und die Nato, mögliche Gegenmaßnahmen sowie die deutsche und europäische Energiepolitik.

Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen in Deutschland, sagte kürzlich der Welt, es sei ein "wachsendes Ausmaß verdeckter Propaganda von diktatorisch oder autoritär geführten Staaten auf deutschsprachigen Seiten von sozialen Netzwerken" zu beobachten. Das sei vor allem von offenbar russischen Quellen, aber auch im Zusammenhang mit Bürgerrechtskonflikten in der Türkei zu beobachten.

Ausschnitt aus den Kommentaren zu einem Kulturzeit-Beitrag über die neuen Montagsdemos

(Bild: Facebook)

Der Militärwissenschaftler Jarno Limnéll meint, Ziel der russischen Infowar-Kampagnen sei, jedermann zu manipulieren, zum Beispiel auch Misstrauen zwischen Nato-Staaten zu säen, sagte er laut Welt. Dabei fielen immer wieder Argumentationsmuster auf, wie sie auch bei Links- und Rechtsextremisten in westlichen Ländern zu finden sind.

Im 3sat-Magazin Kulturzeit wurde das "Reiz-Reaktions-Schema" der anscheinend gelenkten Foristen anlässlich von Zuschauerreaktionen auf der Facebook-Seite der Sendung auf einen Bericht über die "neuen Montagsdemonstrationen" thematisiert. Diese Bewegung haben prorussische Aktivisten unterwandert, wird vermutet. Kulturzeit-Redakteur Markus Dillmann sagte, die Reaktion auf diesen Beitrag sei nach einem ähnlichen Schema abgelaufen wie ein Aufruf im Internet vom April, Fernsehsender und Zeitungen mit Spam und vorgefertigter Forenbeiträgen zu fluten. Hintergrund sei Kritik an einseitiger Berichterstattung vor allem öffentlich-rechtlicher Sender über die Ukraine-Krise und über die "neuen Montagsdemonstrationen". (anw)

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