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RIPE 73: Von IPv4-Brokern, Hitlervergleichen und Adressprotektionismus

Solch einen rauhen Ton kannte man beim RIPE bisher nicht. Eine Heerschar Neulinge agiert als Gegenspieler des eingeschworenen Gründertrupps und meint, die Knapserei mit den letzten IPv4-Adressen geht zu Lasten ihres Geschäftsmodells.

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RIPE 73: Von IPv4-Brokern, Hitlervergleichen und Adressprotektionismus

Es wird keine strikten Transferbeschränkungen für IPv4-Adressen aus 185/8 geben, dem letzten IPv4-Adressblock beim RIPE (Réseaux IP Européens). Beim 73. Treffen in Madrid zog das RIPE-NCC-Vorstandsmitglied Remco van Mook entnervt seinen Vorschlag zurück, Mehrfachzuteilungen und Transfers von /22-Letztzuteilungen (Blöcke aus 1024 IPv4-Adressen) konsequent zu unterbinden.

RIPE NCC und RIPE haben schon versucht, den Handel mit den inzwischen wirklich knappen IPv4-Adressen weniger attraktiv zu machen. Erst untersagte der RIPE-Vorstand mehrfache Mitgliedschaften, mit denen Interessenten mehrere der begehrten /22-Blöcke zu ergattern versuchen. Auf das Verbot reagierten die Broker mit Firmenneugründungen, manchmal gleich im 50er-Pack, was die Anzahl der RIPE-Mitglieder auf inzwischen 14.500 anschwellen ließ. Also hob das RIPE sein Verbot wieder auf und van Mook präsentierte seinen Vorschlag. Nach dem in Madrid zurückgezogenen Text hätten sogar bei Firmenzusammenlegungen oder -käufen Adressen abgegeben werden müssen, ganz nach dem Motto: Jeder nur ein Kreuz.

Er habe sich so viele Unverschämtheiten und Drohungen anhören müssen, begründete van Mook seine Entscheidung und spielte dabei auf vorangegangene Nazi- und Hitlervergleiche an. Die galten nicht zuletzt einem der beiden langjährigen Vorsitzenden, Gert Döring von der Münchner SpaceNet AG. Neben den Hitlervergleichen musste sich Döring auch vorwerfen lassen, das Unternehmen habe selbst schon von einer Firmenübernahme profitiert, bei der ein /8-Block miteingekauft worden war. Die Schärfe der Auseinandersetzung hat viele langjährige RIPE-Teilnehmer entsetzt und auch Debatten zum Selbstverständnis der Community angestoßen.

Wie scharf kalkuliert wird, wenn es um die letzten IPv4-Reserven geht, zeigt auch eine Debatte um Transfers zwischen den Regionen. Die Arbeitsgruppe Adresspolitik überlegt, wie man damit umgehen will, dass die afrikanische Schwesterorganisation Afrinic gerade berät, ob man dem IPv4-Abfluss aus der eigenen Region einen Riegel vorschieben will.

Die Region hat derzeit noch die größten Reserven an Adressen: Als einzige der fünf RIRs ist Afrinic noch nicht beim letzten /8-Block angekommen. Aber der Kontinent hat Nachholbedarf und der langsam florierende Adressmarkt in anderen Regionen jagt den afrikanischen ISPs wohl einen Schrecken ein. Würden sie Transfers zulassen, könnten Adressresourcen in nach IPv4 gierende Länder abfließen. Immerhin 180 Adresstransfers pro Monat werden in der RIPE-Region abgewickelt. Das RIPE gewinnt dabei mehr Adressen als es verliert.

"Verständlich" nannten einige RIPE-Teilnehmer die Bedenken der afrikanischen Kollegen. Andere wollen nicht von der Gepflogenheit abrücken, dass Regeln der RIRs – auch die für Transfers – auf Gegenseitigkeit basieren. Will Afrinic Adressen aus der RIPE-Region, darf sie den eigenen Adressmarkt nicht abschließen, so die Denke.

Von der Dachorganisation IANA kommen derzeit übrigens immer kleinere Blocks zurückgegebener Adressen. 2019 wird der IANA-Nachfolger PTI wohl die letzte Zuteilung machen. Auf jede RIR entfällt dann ein sehr bescheidenes /23. (ea)