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RIPE an ICANN: Selbstverwaltung ist machbar

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Selbstverwaltung im Netz ist kein gescheitertes Experiment, sondern etablierte und stabile Praxis: So reagierte in ungewöhnlich scharfer Form die europäische Vergabestelle für IP-Nummern, das RIPE in Amsterdam, auf die vom Präsidenten der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) vorgeschlagene Strukturreform. Der geschäftsführende RIPE-Direktor Axel Pawlik sprach in seinem offenen Brief sogar von einer möglichen Neubewertung des Verhältnisses zwischen beiden Organisationen. Auch Sabine Dolderer, Chefin der .de-Registry DeNIC, zeigte sich auf Anfrage von heise online "not amused".

ICANNS Präsident Stuart Lynn hatte -- für viele Beobachter und selbst manchen ICANN-Direktor völlig überraschend -- eine Beteiligung der Regierungen am DNS-Management gefordert, da das Experiment einer reinen privaten und demokratischen Selbstverwaltung gescheitert sei. "Für den Bereich der Internet-Adressen ist das offenkundig falsch", schrieb Pawlik nun an Lynn. ICANNs Präsident müsse mit den Selbstregulierungsmodellen der regionalen Internet-Registries (RIR) schließlich vertraut sein, "die seit mehr als einem Jahrzehnt für RIPE NCC und seit mehreren Jahren auch für andere RIR funktionieren". Alle wichtigen Interessenvertreter, deren mangelnde Beteiligung am ICANN-Prozess Lynn beklagt hatte, arbeiteten übrigens innerhalb der RIR an Fragen der Adressvergabepolitik sehr wohl mit. "Wir glauben, dass ICANN kein Gremium für die Entwicklung neuer Regulierungen sein sollte, sondern sich allein auf die technische Koordination beschränken sollte."

Ähnlich argumentiert auch Dolderer: "ICANNs Hauptamtliche scheinen einen Hang zum Zentralismus zu haben." Die Länderregistries streiten seit Monaten mit ICANN um "Service-Verträge" und die jeweiligen Kompetenzen beider Seiten. Die DeNIC-Chefin hält etwa nichts von einem zu großen Einfluss der ICANN auf die lokale Registrierpolitik.

Auch die von Lynn dringend angestrebte einheitliche, vertragliche Bindung der Betreiber der 13 DNS-Root-Zone-Server schaffe lediglich einen "single point of failure", warnt das RIPE. Das derzeitige Modell arbeite sehr gut und verhindere durch die organisatorische Vielfalt auch eine mögliche Kontrolle des Systems durch eine Einzelfraktion. Mit der Übernahme der Finanzierung, die bislang von den Unternehmen und Organisationen der Betreiber geleistet wird, bürde sich die ICANN auch finanziell mehr auf als nötig. Lynn hatte allein für den Betrieb der Root-Server 10 Millionen US-Dollar jährlich gefordert. "Wenn ich alles machen wollte, was ICANN nach dem Reformplan machen will, dann bräuchte ich auch so viel Geld," kommentierte Dolderer.

Völlig bedeckt zur Frage der Beteiligung nationaler Regierungen hielten sich bislang Vertreter des ICANN-Regierungsbeirates (GAC). Kein Kommentar, hieß es unisono im Bundeswirtschaftsministerium und bei der Europäischen Kommission, bei der der Chef der Generaldirektion Informationsgesellschaft gar erst einmal einen Informationsstopp verhängt hat. Auch im US-Department of Commerce bittet man um Geduld: "Ich kann sagen, dass wir nicht an der Abfassung der Entwurfs beteiligt waren", so ein Sprecher der zuständigen National Telecommunications and Information Administration (NTIA) gegenüber heise online. Ohne Zustimmung der US-Behörde aber, der ICANN noch immer unterstellt ist, ist eine Satzungsänderung von dieser Tragweite kaum möglich.

Lynn selbst sei "sehr zufrieden" mit den Reaktionen auf seinen Reformvorschlag, heißt es in einer aktuellen ICANN-Mitteilung. Er habe sein Ziel erreicht, eine Debatte über ICANNs Strukturen zu eröffnen, in der durchaus alternative Modelle diskutiert werden könnten. Bei der bevorstehenden Sitzung werde noch keine Entscheidung fallen, versichert Lynn, vielmehr soll die Debatte erst dann richtig losgehen. Eigens für das Thema habe man ein neues Forum auf der ICANN-Webseite eröffnet. Die Befürworter einer Beteiligung der Endnutzer an ICANN, des so genannten At-Large-Konzepts, geben jedenfalls noch nicht auf. Seit wenigen Tagen sammeln sie die Truppen auf icannatlarge.com. Sie können nicht nur auf die Unterstützung von ICANN-Kritikern wie Karl Auerbach verweisen, sondern auch die der ICANN-Exvorsitzenden Esther Dyson. (Monika Ermert) / (jk)