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Radikale Energiewende in Ontario: E-Autos, keine fossilen Brennstoffe - und Atomenergie

Emissionsrechtehandel, Wohnraum nur noch elektrisch oder geothermal geheizt, Subventionen für E-Autos und Haushaltsstrom, Stromproduktion ohne Erdgas. So will Ontarios Regierung den Treibhausgasausstoß zusammenstutzen. Ohne Kernkraft geht das nicht.

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Luftbild des Atomkraftwerks Bruce

Bruce ist das größte aktive Atomkraftwerk der Welt. Es wird aufgerüstet. Denn ein Ausstieg aus der Kernenergie ist nicht beabsichtigt.

(Bild: Bruce Power)

Diese Woche wird das Parlament der kanadischen Provinz Ontario die Einführung eines Emissionshandelssystems beschließen. Politisch erklärtes Ziel ist eine Reduktion des Treibhausgasausstoßes gegenüber dem Niveau von 1990 um 15 Prozent bis 2020, um 37 Prozent bis 2030 und gar um 80 Prozent bis 2050. Um diese Ziele zu erreichen, soll es zusätzlich zum Emissionshandel einschneidende Änderungen für Privathaushalte geben. Diese Pläne sind eigentlich noch geheim.

Glenn R. Murray, Ontarios Minister für Umwelt und Klimawandel (Ontario Liberal Party)

(Bild: Queen’s Printer for Ontario)

Doch am Montag hat die Tageszeitung The Globe and Mail Eckpunkte des "Climate Change Action Plan" der liberalen Provinzregierung veröffentlicht. Er umfasst laut dem Bericht rund 80 Maßnahmen und erhebliche öffentliche Förderungen. Dafür sind in den ersten vier Jahren, von 2017 bis 2020, umgerechnet 4,8 Milliarden Euro vorgesehen.

Ab 2030 sollen in Ontario kleinere Neubauten, darunter Einfamilienhäuser, keine Heizungen mit fossilen Brennstoffen mehr haben dürfen. Ab 2050 soll das für alle Neubauten gelten. Dazu kommen weitere Änderungen an der Bauordnung, um Gebäude grundsätzlich energieeffizienter zu machen.

Gegenwärtig stellt Erdgas mehr als drei Viertel der Heizenergie in Privathaushalten. In Zukunft soll elektrischer Strom diese Rolle übernehmen. Dazu kommen Geothermie und Solarenergie. Um diese Umstellung zu beschleunigen, will die Regierung bis 2020 2,6 Milliarden Euro an Subventionen ausschütten.

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Einen "Zeitenwechsel" sieht The Globe and Mail. Die Zeitung prophezeit, dass "jeder Lebensaspekt in der Provinz betroffen" sein wird.

Erhebliche Subventionen sind für E-Autos vorgesehen. Bis 10.000 Euro Zuschuss je E-Fahrzeug, Reduktion der Zulassungssteuer um acht Prozentpunkte des Fahrzeugwerts, allnächtlicher Gratisstrom zum Aufladen der Akkus, ein Zuschuss für die Errichtung privater Ladestationen, und Umstiegsprämien für Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen.

2020 sollen fünf Prozent aller Neufahrzeuge elektrisch fahren, fünf Jahre später schon zwölf Prozent. Im Jahr 2025 würden dem Plan zufolge 86.000 E-Fahrzeuge verkauft. "20 mal so viel wie seit Beginn diesen Jahrhunderts", merkte die Zeitung an. Schon ein Jahr vorher soll in jedem Haushalt mit mehreren KFZ mindestens ein E-Fahrzeug vorhanden sein.

Bei Flüssigtreibstoffen wird ein höherer Anteil an Biodiesel und Ethanol angestrebt, wofür Tankstellen bezuschusst werden sollen. Auch dem Erdgas sollen Kohlenwasserstoffe aus Agrarproduktion sowie der Abfallwirtschaft beigemischt werden.

820 Millionen Euro Förderungen sollen Fabriken und anderen Industriebetrieben dabei helfen, Emissionen zu reduzieren. Innerhalb des Emissionshandels gibt es außerdem Mechanismen, die das Abwandern von Produktionsbetrieben bremsen sollen, indem sie zusätzliche Gratiszertifikate bekommen. Förderungen sollen zudem für elektrische Schulbusse, für Flüssiggas-LKW und -Tankstellen, für Radwege, für Forschung und Entwicklung, sowie für die Regionalbahn im Großraum Toronto fließen.

Schnee und Eis lässt regelmäßig Äste bersten, die dann Stromleitungen mitreißen.

(Bild:  Ryan Hodnett CC-BY-SA 4.0 )

Bezahlt werden soll der Climate Change Action Plan mit den Einnahmen aus dem Emissionshandel, der jährlich rund 1,3 Milliarden Euro einbringen soll. Die Wirtschaft wird diese Kosten natürlich durch höhere Preise auf die Verbraucher abwälzen. Offiziell soll die Belastung zirka neun Euro pro Durchschnittshaushalt und Monat ausmachen. Dabei sollen der Emissionshandel die Stromkosten für Privathaushalte nicht steigen lassen, verspricht die Regierung. Das geht wohl auch nur mit Subventionen in Aussicht.

In der Stromproduktion soll bald überhaupt kein Erdgas mehr eingesetzt werden. Derzeit stellen Gaskraftwerke zehn Prozent der Jahresstromproduktion. 60 Prozent des Stroms kommt aus Kernkraft, knapp ein Viertel aus Wasserkraft. Die restlichen sechs Prozent entfallen vor allem auf Windräder. Kohle wird in Ontario seit zwei Jahren nicht mehr verstromt.

Eine Umstellung auf elektrische Heizungen sowie E-Fahrzeuge würde den Strombedarf enorm ansteigen lassen. Der Treibstoffverbrauch im Straßenverkehr plus die nicht-elektrische Energienutzung der Privathaushalte entspricht zusammengenommen einem Energieumsatz, der mehr als dreimal so groß ist wie die derzeitige gesamte Stromproduktion. Von Umstellungen bei Wirtschaft und öffentlicher Hand ganz zu schweigen.

Wie der zusätzlich benötigte Strom erzeugt werden soll, ist offen. Die bestehenden Gaskraftwerke Ontarios haben zwar erhebliche Kapazitätssreserven, aber genau diese Kraftwerke sollen ja vom Netz gehen. Also müssen wohl – entgegen geltender Beschlusslage – die Kapazitätsreserven in der Kernkraft gehoben werden.

Kontrollzentrum des Bruce Power Plant

(Bild: Bruce Power)

Ein Ausstieg aus der Nuklearenergie spielt in den Plänen der Regierung Ontarios auch keine Rolle. Im Gegenteil: Mehr als acht Milliarden Euro sind für die Erneuerung von sechs Reaktoren des Bruce Power Plant vorgesehen. Es ist das größte aktive Atomkraftwerk der Welt. Daneben hat Ontario noch die Anlagen Pickering und Darlington.

Der Umstieg auf Stromheizungen ist aber auch im kleineren Maßstab riskant. Die harten kanadischen Winter führen regelmäßig zur Zerstörung von Stromleitungen. Außerhalb der Großstädte dauern die Stromausfälle gerne mehrere Tage. Und teuer könnte der Umstieg auch kommen: Die Oppositionspartei Ontario Progressive Conservative erwartet, dass strombeheizte Haushalte pro Jahr 2.000 Euro mehr werden zahlen müssen, als derzeit mit Erdgas.

Die Konservativen wetterten auch schon gegen den Emissionshandel. Sie sehen darin einen "Angriff auf die Industrie und unsere Lebensweise." Mit Endlosreden im Provinzparlament ("Filibuster") möchten sie ein Zeichen der Ablehnung setzen. Die Energiebranche ist selbstredend auch dagegen. Und ebenfalls keine Fans sind die KFZ-Hersteller, die in Ontario der größte Arbeitgeber in der güterproduzierenden Industrie sind.

Ontarios Premierministerin Kathleen Wynne (Ontario Liberal Party)

(Bild:  www.dfat.gov.au CC-BY 3.0 )

Die nun durchgesickerten Maßnahmen treffen diese Branchen deutlich härter und werden sie "mächtig durcheinanderbringen", wie es The Globe and Mail formuliert. Da überrascht es nicht, dass es auch innerhalb der von der Ontario Liberal Party gestellten Regierung Widerstand gibt. Doch der federführende Provinzminister für Umwelt und Klimawandel, Glen Murray, hat die Unterstützung seiner Premierministerin Kathleen Wynne. In der Präambel des eigentlich noch geheimen Plans kündigt sie "eine Transformation, die für immer verändern wird, wie wir leben, arbeiten, spielen und uns fortbewegen" an.

Ontario ist gut zweieinhalbmal so groß wie Deutschland und hat nicht ganz 14 Millionen Einwohner. Damit ist die bevölkerungsreichste der zehn Provinzen Kanadas. Im Großraum der Provinzhauptstadt Toronto leben mehr als fünf Millionen Menschen. (ds)

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