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Radikalisierung auf Steam, Waffenhandel im Dark-Web: Der Weg zum OEZ-Attentat

Attentäter als Vorbild

Inhaltsverzeichnis

Am 10. März 2015 eröffnet der spätere Münchener Attentäter seinen dritten Steam-Account – unter dem Accountnamen "timk***", zusammengesetzt aus Vor- und Nachnamen des Attentäters von Winnenden. Der war 17 Jahre alt, als er in der Albertville-Realschule 15 Menschen ermordet und sich dann selbst das Leben genommen hatte. Als Profilbeschreibung für diesen Steam-Account trägt er ein: "I am the ghost of Tim K*** I will come back alive and kill again".

Am 25. Mai 2015 steigt er um 7 Uhr früh in einen Flixbus, fährt nach Frankfurt und von dort weiter nach Bad Soden. Er besucht und fotografiert das Grab von Tuğçe Albayrak. Ihr Tod hatte Schlagzeilen gemacht. Auf einem Parkplatz vor einem Restaurant war sie nachts zwei Mädchen zu Hilfe gekommen, die von jungen Männern belästigt wurden. Einer der Männer schlug sie nieder. Sie knallte mit dem Kopf auf den Steinboden, fiel ins Koma und wachte nicht mehr auf. Ali Sonboly lästerte gegenüber Freunden über die Studentin und diffamierte sie als Schlampe.

Im Tornetz findet er die Plattform DiDW und registriert sich dort am 29. Mai 2015, vier Tage nach seiner Fahrt zu Tuğçes Grab. Username: "Maurächer". Am selben Tag eröffnet er einen neuen Thread in der Rubrik "Spackentreff", Unterrubrik "Waffen", versehen mit der Überschrift "Interessiert an Pistolen (Kaliber 9mm)" und schreibt (aus rechtlichen Gründen nur sinngemäß wiedergegeben, wie alle Aktenzitate):

"Hallo, ich bin neu und habe eine wichtige Frage. Ich suche eine Pistole egal welche (M9 Beretta viele Auswahlmöglichkeiten bis hin zur Glock). Preis zwischen 600 und 1000 Euro, da die Waffe sich im gebrauchten Zustand befinden soll (oder auch nicht)".

Die ersten Antworten klingen nicht ermutigend. Für diesen Preis werde er wohl nichts Passendes finden, schreiben andere User. Am 30. Mai legt er nach:

"Ich kann auch maximal 2000 Euro zahlen."

Am 2. Juni 2015 reist er mit einem Fernbus nach Stuttgart-Zuffenhausen und von dort weiter nach Winnenden. Er fotografiert die Gedenkstätte, die dort nach dem Attentat seines Idols aufgebaut worden war. Am nächsten Tag ist er wieder zu Hause. Im DiDW-Forum hat ihm ein Mitglied ein Gewehr angeboten. Er lehnt dankend ab.

Am 5. Juni 2015 bietet der User "mike-bravo" eine Pistole vom Typ Glock 30, Kaliber .45, als Auktion an den Meistbietenden. Dazu schreibt er: "Das Kaliber .45 gibt es hier nicht so oft. Aber in den USA ist es sehr beliebt, wohl auch deshalb, weil es größere Löcher macht als 9 mm". Ein Nutzer bietet sofort 1500 Euro. "Maurächer" reagiert: "Ich biete 1650".

Er tauscht fast 2500 Euro in Bitcoin. Das Geld hat er als Zeitungsausträger und Aushilfe in einem Computershop verdient und gespart.

Mit seinem Vater spricht Ali über seinen Namen. Er habe ihn nicht gemocht, sagt der Vater später in einer Polizeivernehmung aus. Wer Ali heiße, der könne nichts aus seinem Leben machen. Mit dem Islam wolle er nichts zu tun haben. Sein Fest sei Weihnachten. Freunde sagen später, Ali habe Muslime gehasst. Juden auch.

Am 24. Juli 2015 legt Ali eine Word-Datei an und gibt ihr den Namen "Mein-Manifest.doc". Das Datum rekonstruieren die Ermittler später aus seinem beschlagnahmten Computer. Ali tippt eine Überschrift:

"Die Rache an denen, die mich auf dem Gewissen haben".

Sich selber bezeichnet er in seinem Text als Erlöser. Leute vom Balkan oder aus der Türkei schmäht er als "Kakerlaken und Untermenschen". Die würden sein Wohnviertel wie ein Virus infizieren. Er werde sie "exekutieren".

Am selben Tag startet "Maurücher" wieder einen Versuch, im DiDW an eine Waffe zu kommen. Er wendet sich an den User "Erichhartmann". Was Sonboly nicht geahnt haben dürfte: Diesen Account hatten ein Vierteljahr vorher Ermittler des Zollfahndungsamtes gekapert. Sie nahmen den "echten" "Erichhartmann" fest und übernahmen seine User-ID. Zum Schein führen sie seine Aktivitäten fort, mit dem Ziel, weitere Waffenkäufer und -verkäufer dingfest zu machen. Die Anfrage des späteren Münchener Attentäters an "Erichhartmann" bleibt unbeantwortet. Nichts passiert. Keine Reaktion.

Es sei nur eine Anfrage von vielen an "Erichhartmann" im öffentlich mitlesbaren Forum gewesen, teilt ein Sprecher des Zollfahndungsamtes auf Anfrage mit. Niemand habe wissen können, was dieser "Maurächer" insgeheim plane. Die Behörde bestätigt den Kontakt erst nach mehreren Anfragen und als sie Belege dafür vorgehalten bekommt. Weitergehende Details will sie nicht preisgeben.

Im August und September 2015 lässt sich Ali im Klinikum München-Harlaching wegen psychosomatischer Probleme stationär behandeln. Ein Zimmergenosse erinnert sich später, Ali habe seine Wohngegend ein Ghetto genannt. Eine Mitpatientin nennt ihn "ruhig und still". Manchmal sei er nett gewesen, manchmal komisch.

Wenn er komisch drauf war, habe er beispielsweise Papier mit Hakenkreuzen vollgemalt. Einmal habe er gesagt, er sei kein Nazi. Aber er finde einige Sachen gut, die Hitler gemacht habe. Er wolle seinen Namen ändern und nicht mehr Ali heißen. Man möge ihn den "Amokläufer Z" nennen. Er wolle "alle umbringen". Einige Mitpatienten sagen, sie hätten Angst vor ihm gehabt.

Mit einem freundet er sich an, einem jungen Afghanen. Dem teilt er in einem Whatsapp-Chat mit, für den Attentäter hinter den Anschlägen in Osla und Utøya von 2011, Anders Breivik müsse man Verständnis haben. Dafür, dass die ganze Situation ihn zur Explosion gebracht habe. Als Profilbild für seinen Whatsapp-Account verwendet er ein Bild Breiviks.

Die Waffenauktion, die "mike-bravo" bei DiDW eingestellt hat, läuft derweil weiter. Das Gebot steht bei 2500 Euro. Sonboly ist überboten. Zwischendurch eskaliert die Kommunikation in wilden Beschimpfungen. Gebote werden zurückgezogen und erneuert. Einmal mischt sich Foren-Administrator "Luckyspax" ein. Ein User bietet an, statt eines Geldgebotes die Waffe gegen eine Goldkette zu tauschen. "Mike-bravo" signalisiert Interesse. "Ist nicht euer Ernst?", fragt "Luckyspax". Der User "Hyena7" nennt die Auktion einen Fake.

Im Oktober 2015 beginnt Ali mit Fahrstunden. Und er schafft die Prüfung zur Mittleren Reife, Notendurchschnitt 2,9. In der allgemeinen Beurteilung beschreiben ihn seine Lehrer als pflichtbewusst und interessiert. Er sei ein motivierter Schüler gewesen.

Am 24. Oktober 2015 eröffnet "Maurächer" einen neuen Thread in der Waffenrubrik auf DiDW. "Ich suche nach einer Glock 17 oder Glock 21, Generation 3 oder 4. Außerdem Magazine zum Wechseln und Munition. Ich stelle mir einen Preis zwischen 2100 und 2500 Euro vor.

Am 17. November 2015 geht endlich etwas für ihn los, aber das dürfte er da noch nicht verstanden haben. Ein "Rico" fragt "Hyena7", offen und im Forum mitlesbar: "Können wir uns im Dezember treffen?" "Hyena7" will nicht so ohne weiteres antworten. Er verlangt Kontaktaufnahme per Bitmessage. "Rico" antwortet, das funktioniere bei ihm nicht. Die beiden schreiben sich tagelang hin und her, bis sie endlich wieder einen vertraulichen Kanal finden. Was die beiden besprechen, wird wohl später dazu führen, dass "Maurächer" tatsächlich seine Waffe bekommt.

Im Dezember 2015 geht die Glock aus der Auktion von "mike-bravo" für 2800 Euro weg. Jedenfalls lässt "mike-bravo" das so aussehen. Ob die Waffe wirklich existierte und einen Käufer fand kann niemand überprüfen. "Maurächer" hat sein erstes Gebot nie erhöht und geht leer aus.

Am 22. Dezember 2015 legt Sonboly auf Steam noch einen Account an – Accountname "timrage16". Wieder eine Anspielung auf den Attentäter von Winnenden. Als Spielernamen registriert er: "ExecuterGER" und "Turkey = Isis Ataturk Gay". Feind- und Vorbilder, auf plakative Nenner gebracht.

Am 23. Dezember 2015 fasst "Maurächer" seine bis dahin erfolglosen Kaufbemühungen in einem Posting zusammen:

"Von Mai bis Dezember gab es insgesamt vier Händler, die entweder eine Glock verkauft haben oder meinten, dass sie eine beschaffen können. Aber das scheint immer falsch gewesen zu sein. Das waren alles Scamversuche oder Sams. Wie lange muss man eigentlich warten, bis man mal jemanden findet, der einem wirklich eine Glock verkauft?"

Am 11. März 2016 reist er ein zweites Mal mit dem Fernbus nach Winnenden. Erneut besichtigt er die Gedenkstätte.

Am 13. März meldet sich endlich der User "Rico". Endlich! "Maurächer" hatte ihn fast ein halbes Jahr vorher kontaktiert. Bis dahin antwortete er nicht. Jetzt schon – und zwar mit einer PGP-verschlüsselten Nachricht.

Vermutlich April 2016: "Rico" alias Philipp K. fährt nach Tschechien und trifft sich dort mit "Hyena7" – dem Mann, bei dem er sich selber mit Ware eindeckt. Später, nachdem er festgenommen wurde, sagt er aus: "Ich habe die Glock in bar für 1600 Euro mit 100 Schuss Munition gekauft. Außerdem noch weitere 500 Schuss Munition für 200 Euro". Bis zum Weiterverkauf an "Maurächer" habe er Waffe und Patronen in seiner Wohnung aufbewahrt. Er habe die Pistole ein paar Mal auseinander gebaut und wieder zusammengesetzt. Die Seriennummer sei schon herausgeschliffen gewesen. "Es handelte sich um eine scharfe Waffe".

5. Mai 2016: Sonboly legt bei Facebook einen Fake-Account auf den Namen "Selina Akin" an. Für die Registrierung verwendet er eine E-Mail-Adresse, die er sich unter falschem Namen kurz vorher bei web.de eingerichtet hat. Damit geht die Planung seines Anschlags in die konkrete Umsetzungsphase. Diesen Account wird er benutzen, um Jugendliche zum McDonalds-Restaurant am Münchner OEZ zu locken.

Deutschwerdung des Ali Sonboly, letzter Schritt, gut zwei Wochen nach seinem 18. Geburtstag und und zweieinhalb Monate vor seinem Ende. Am 6. Mai 2016 erklärt er beim Standesamt förmlich:

"Ich nehme einen neuen Vornamen an. Sonboly, David".

Seitdem heißt er nicht mehr Ali, ganz offiziell.