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Radikalisierung auf Steam, Waffenhandel im Dark-Web: Der Weg zum OEZ-Attentat

Der Kauf der Waffe

Inhaltsverzeichnis

Sonboly tauscht seine Bitcoin zurück in Euro, ein gutes Geschäft. Ursprünglich hatte er 2500 Euro in der Kryptowährung angelegt, jetzt bekommt er 3300 Euro zurück. Er legt aus seinem Ersparten noch ein paar Hunderter dazu und fährt am 20. Mai 2016 – wieder mit einem Fernbus – nach Marburg. An der Bushaltestelle trifft er "Rico". Die beiden spazieren in einen Park. "Rico" erinnert sich in seiner Vernehmung:

"Er war nervös. Die Pistole hatte ich zerlegt, damit er sehen konnte, dass es eine scharfe ist. Wir hatten 4000 Euro vereinbart. Die hatte er auch dabei. Ich habe ihm die Waffe dann zusammengebaut und gegeben. Ich glaube, er war noch ein Anfänger. 100 Schuss Munition oder so waren mit dabei. Er hat sie in seinen Rucksack gesteckt. Wir haben noch ein bisschen geredet. Er meinte, sein Auto sei von Türken oder irgendwelchen Kanacken zerkratzt worden. Er sei auch bedroht worden. Vor kurzem sei er in eine Assi-Gegend gezogen, da brauche er eine Waffe."

Ab Ende Mai übt er mit seiner Waffe – und zwar im Keller des Wohnhauses. Das Gebäude ist ein moderner Bau aus dem 1980er Jahren. Es hat zwei Kellergeschosse. Er baut sich in einem Kellerraum eine Art Schießstand auf und feuert gegen Zeitungsstapel. Niemand im Haus hört etwas. Tatsächlich sagen sämtliche befragten Nachbarn, sie hätten nicht das Geringste davon mitbekommen. Die Polizei überprüft es, lässt selber im Keller schießen, und tatsächlich: Die Mauern sind verblüffend schalldicht. Mindestens elf Mal trainiert der spätere Attentäter hier. Das konnte die Polizei anhand von Videos nachvollziehen, die er dabei drehte. Man hört ihn während der Schießübungen auch reden:

"Ich ficke euch, ihr verdammten Deutsch-Türken. Ihr Hunde, Ihr Nichtsnutze, Ihr seid ein Stück Scheiße. Ihr habt mein Leben zerstört und diese Glock wird Euer Leben auch zerstören, nämlich mit einem Kopfschuss".

Anfang Juni 2016 fliegt Familie Sonboly in den Iran. Dort gehen Vater und Sohn auf einen Schießstand und schießen auf Tontauben. Die Ermittler finden Fotos davon. Sie tragen das Datum 3. Juni.

Am 10. Juni 2016, zurück in München, besteht der junge Mann seine Führerscheinprüfung, im zweiten Anlauf. Das erste Mal war er durchgefallen. Der Fahrlehrer erinnerte sich, wie er da reagiert hatte: Er habe gesagt, hätte er eine Waffe dabei, dann würde er den jetzt erschießen – gemeint gewesen sei wohl der Prüfer.

Am 12. Juni 2016 muss Sonboly zur Aufnahmeprüfung einer Fachoberschule. Er fällt durch.

Am 18. Juli fährt er erneut nach Marburg. Montag. Der Tag, an dem in Würzburg der afghanische Flüchtling mit seiner Axt Fahrgäste in einer Regionalbahn angreift. Sonboly trifft wieder seinen Waffenlieferanten Philipp K. Er kauft 350 Schuss Munition nach, für 350 Euro. Er habe wieder auf Kanacken geschimpft. K. meint, er habe ihn ermahnt, er solle "bloß keinen Mist bauen".

19. Juli 2016: Sonboly ruft auf seinem Computer Google Maps auf und schaut sich die Gegend um das Olympia-Einkaufszentrum in München an.

21. Juli: Sonboly hat einen Termin bei der Arbeitsagentur. Es geht um einen Ausbildungsplatz beim Integrationszentrum für Menschen mit Autismus. Die Chancen sollen für ihn gut gestanden haben.

22. Juli 2016: Es ist Jahrestag des Anschlags von Anders Breivik. Kein Zufall, befinden die Kriminalisten und Psychologen der Operativen Fallanalyse beim Bayerischen Landeskriminalamt. Diesen Tag habe Sonboly bewusst als Zeichen gewählt, ebenso wie die Waffe vom Typ Glock. Auch Breivik habe eine Glock in seinem Arsenal gehabt.

Auf dem von ihm angelegten Facebook-Account unter dem Fake-Namen "Selina Akin" postet er: "Kommt heute um 16 Uhr Meggi am OEZ ich spendiere euch was wenn ihr wollt aber nicht zu teuer". Niemand folgt dieser Einladung. Aber im "Meggi" – McDonalds – sitzen auch so zahlreiche Jugendliche.

Dann der Anschlag. Neun Todesopfer, fünf teils schwer Verletzte. Im "Anti Refugee Club" auf der Spieleplattform Steam wird gejubelt und Sonboly bekommt einen Eintrag in einer Art Amoktäter-Wiki.

Nach dem Anschlag ermittelt die bayerische Polizei mit Hochdruck. Beim Landeskriminalamt wird eine Sonderkommission gebildet. Mitschüler, Mitpatienten, Lehrer, die Eltern und alle Kontaktpersonen werden vernommen. Die Beamten beschlagnahmen auch seinen Computer. Schnell kommen sie dahinter, dass Sonboly seine Waffe aus dem Forum DiDW hatte, dass sein Pseudonym "Maurächer" lautete und dass sein Dealer wohl "Rico" gewesen sein muss. Mit "Rico" unterhielt er sich am Ende mehrfach verschlüsselt, nachdem er vorher über ein Jahr vergeblich nach einer Waffe suchte.

Nur: Wer ist dieser "Rico"? Und wer dieser "Luckyspax", der Administrator des Forums?

Der Münchener Anschlag schlägt auch in Wiesbaden Wellen, beim Bundeskriminalamt. Dort, so sagt ein Führungsbeamter aus der Abteilung für verdeckte Ermittlungen im Prozess gegen Alexander U. aus, hätten die Schüsse die bis dahin wohl eher lustlos dahinplätschernden Ermittlungen schlagartig hochfahren lassen. Ihre Zielperson sei "Luckyspax" gewesen.

Offenbar hat das BKA da aber noch keine verdeckten Ermittler im Forum. Ganz klar wird das nicht aus der Aussage des Beamten. Jedenfalls werden jetzt mehrere Undercover-Beamte aktiv. Einer von ihnen tut so, als biete er eine Pistole vom Typ Makarov zum Kauf an. Ein anderer tut so, als sei er interessiert. Zum Schein verschickt der Scheinverkäufer sogar ein leeres Paket an den Scheinkäufer. Auch echte Ware verkaufen die BKA-Leute, nämlich unregistrierte Telefonkarten. Geschäfte, um die Legende aufzubauen.

Ihre Kollegen vom Zollfahndungsamt sind da schon längst im Forum präsent. Ausgetauscht haben sich die beiden Bundesbehörden kaum. Überliefert ist nur ein einziges Telefonat des BKA-Mannes mit einem Zoll-Ermittler, das der BKA-Mann im Zeugenstand in Karlsruhe erwähnte. Dass sein Gesprächspartner derselbe war, der als "Erichhartmann" verdeckt ermittelte und eine ausgesprochen zentrale Rolle spielt, habe er nicht gewusst, sagt der BKA-Ermittler.

Der Zoll geht ganz anders vor. Die Zollermittler haben echte Waffenkäufer und -verkäufer festgenommen und deren Accounts übernommen. Somit verfügen sie über eingeführte und als vertrauenswürdig angesehene Identitäten. Legenden müssen nicht erst mühsam aufgebaut werden. Außerdem haben sie einen Überblick über die Diskussionen und Angebote in der Waffenkategorie. Ihren ersten Account haben sie spätestens im April 2015 übernommen. User-ID: "Erichhartmann". Also der Account, an den sich "Maurächer" im Juli 2015 mit der Frage nach einer Pistole wandte.

Dass der Münchner Attentäter bei DiDW als "Maurächer" unterwegs war, spricht sich schnell herum. Das bayerische LKA stößt bei der Auswertung seines Computers auf den Nutzernamen. Am 24. Juli 2016, also zwei Tage nach dem Anschlag, schreibt ein Forenmitglied auf DiDW, er sehe gerade im Fernsehen eine Pressekonferenz. Da werde gesagt, dass die Waffe aus dem Darknet stamme. Soweit den Medien zu trauen sei, könne sich der Verkäufer "sogar hier im Forum aufhalten".

Ein User namens "Holoklaus" hat dann als wohl erster den richtigen Riecher und meint, der Münchner Attentäter könne der "Maurächer" gewesen sein. "Der suchte hier eine Glock und der Name würde auch passen". Man kann sich vorstellen, wie die aufgeregten Foristen sich sodann durch die Waffen-Threads geklickt haben mögen, um herauszufinden, wer wohl als Lieferant in Frage komme.

Auch bei den Ermittlern geht es plötzlich sehr schnell. Am 28. Juli 2016 – nur sechs Tage nach dem Anschlag – leitet ein Zollfahnder ein Strafverfahren "gegen eine bislang unbekannte Person mit dem Darknet-Pseudonym Rico" ein, und zwar wegen Verstößen gegen das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz. Es ist derselbe Zollfahnder, der sich hinter dem Pseudonym "Erichhartmann" verbirgt.

"Rico" habe Waffen an zwei andere Foristen verkauft, heißt es in seinem Vermerk. Diese beiden, sie nennen sich "Tzu" und "Sectorplantone", verwickelt "Erichhartmann" in Scheingeschäfte. Beide gehen ins Netz, einer am 27. Juli, der andere am 2. August 2016. Der Zoll übernimmt beide Accounts für die weitere Ermittlung.

Am 4. August 2016 verwickelt der gekaperte "Tzu" den Waffenhänder "Rico" in einen Chat. Darin gibt "Rico" preis:

"Vielleicht bist Du eh schon drauf gekommen, aber ich war es, der dem Maurächer die Glock verkauft hat."

Als nächstes setzen die Fahnder den gekaperten "Sectorplantone" auf "Rico" an. Sie vereinbaren den Kauf einer Waffe. "Rico" geht darauf ein. Die bayerischen Ermittler wissen da offenbar noch immer nichts über die Herkunft der Terrorwaffe.

Am 5. August 2016 fordert das Bayerische LKA bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität der Staatsanwaltschaft Frankfurt die Akte der Zollfahnder an. Erst fünf Tage später antwortet die Staatsanwaltschaft und reicht die Akte nach München durch.

Am 16. August schnappen die Zollfahnder Philipp K., der glaubt, den Sohn von "Sectorplantone" vor sich zu haben. Tatsächlich steht da beim Treffen in Marburg derselbe Beamte vor ihm, der sonst als "Erichhartmann" auftritt und die meisten Vermerke der Zollfahnder verfasste.

Im März 2017 klagt die Münchner Staatsanwaltschaft Philipp K. an. Während das Gerichtsverfahren gegen ihn läuft, ermittelt das BKA parallel weiter gegen DiDW-Administrator "Luckyspax". Den verrät am Ende die Spur des Geldes. Er tauschte Bitcoin bei der Börse bitcoin.de in Euro. Über seine dort registrierten Daten erfahren die BKA-Ermittler seinen Klarnamen, Alexander U., und seine Adresse in Karlsruhe.

Mittels einer simulierten SQL-Injection bringen sie ihn dazu, zu einem vorbereiteten Zeitpunkt vor laufendem Computer zu sitzen. Ein Stoßtrupp der GSG 9 rammt seine Wohnungstür ein, uniformierte Beamte ziehen ihn vom eingeschalteten Computer weg. Die Verschlüsselungen seiner Daten sind entriegelt. Die Ermittler machten sich daran, alles zu sichern. Das gelingt zunächst auch mit dem Forum und der dazugehörigen Datenbank. Dann zieht ein Beamter versehentlich den Stecker des Servers. Der Rest der Daten ist seitdem wieder verschlüsselt und bis heute nicht gesichtet. Das wird sich wohl auch nicht ändern. Alexander U. lehnt es im Prozess ab, seine Passwörter rauszugeben.

Sehr viel mehr als das "juristische Neuland" mit den Urteilen gegen K. und U. dürfte die Justiz nach dem Münchner Amoklauf kaum hinbekommen. Allerdings sind einige Ermittlungen noch nicht abgeschlossen.

In Saarbrücken ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den User "Zombieholocaust" alias Patrick K. Dabei geht es um mehrere Hundert Einzeldelikte – Verstöße gegen das Arzneimittel-, Betäubungsmittel- und Waffengesetz. Außerdem untersuchen die Ermittler seine Rolle als vorübergehender Moderator bei DiDW. Der Name "Zombieholocaust" hat nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft übrigens keinen politischen Hintergrund, sondern soll vielmehr eine Anspielung auf eine italienische Filmklamotte gleichen Titels aus dem Jahr 1980 sein.

In Köln ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den DiDW-User "blab" – eine der mysteriöseren Gestalten im Forum. Er bot "Erichhartmann" nach dem Münchner Anschlag Insider-Infos gegen Bitcoin. "Erichhartmann" und das Zollfahndungsamt verlangten vorab ein "Bauernopfer" als Beweis für die Echtheit seines Angebots. "blab" ließ nicht mehr von sich hören. Der Richter im Karlsruher Prozess berichtete in der Verhandlung, er habe mit der ermittelnden Kölner Staatsanwältin telefoniert. Sie habe gesagt, sie wisse bisher nicht, wer sich hinter "blab" verbirgt. Den DiDW-Administrator Alexander U. habe sie aber nicht unter Verdacht. Wen dann? Habe sie nicht verraten wollen. Einblick in eine Profiler-Analyse habe sie verweigert. Vermutlich richtet sich ihr Augenmerk auf den Mann, der sonst als "Mike-bravo" agierte. Hinter ihm steckt im bürgerlichen Leben ein Rechtsanwalt, der bei Köln wohnt.

Auch die Rolle des Zollermittlers "Erichhartmann" bleibt nebulös. Nebenkläger und einer der Verteidiger von Alexander U., Marvin Schroth, haben im Karlsruher Prozess ein Ermittlungsverfahren gegen ihn angeregt. "Die Frage, was verdeckte Ermittler wann wussten, wird uns weiter beschäftigen", sagt Rechtsanwältin Claudia Neher, die mehrere Opfer-Familien vertritt.

Die Staatsanwaltschaft widerspricht der Vermutung vehement, Ermittler hätten vorab von den Attentatsplänen gewusst und dieses Wissen für sich behalten. "Welches Motiv hätten sie dafür gehabt?", fragt eine Sprecherin zurück. Dem Zollermittler sei nichts vorzuwerfen. "Das ist Ermittlungsarbeit".

7. Dezember 2017: Ein Amerikaner aus der Chatgruppe "Anti Refugee Club", erschießt in einer Schule in der Stadt Aztek, New Mexico, zwei Schüler und dann sich selbst. Das Datum war wieder so ein Symbol. Am 7. Dezember 1941 hatten die Japaner die USA in Pearl Harbor angegriffen. In der Steam-Chatgruppe der beiden Attentäter fliegt ein Schüler aus dem Raum Stuttgart auf. Er äußerte Mord- und Terrorphantasien. Ein privat im Netz stöbernder IT-Fachmann aus Berlin stößt darauf und meldet seinen Fund der Internetwache des Baden-Württembergischen LKA. Beamte stürmen das Wohnhaus seiner Eltern. Dort finden sich Chemikalien für Sprengstoff. Die Staatsanwaltschaft München eröffnet ein neues Ermittlungsverfahren – mit dem Ziel, Verbindungen zu weiteren potentiellen Attentätern offenzulegen.

Es dauert Monate, bis deutsche Behörden von dem Mann in den USA erfahren und umgekehrt. Es dauert wiederum Monate, bis das Bundeskriminalamt seine Erkenntnisse über den Terrorristenkult von Breivik bis Sonboly mit anderen Behörden teilt. Hinzu kommt Streit um die Frage, ob die Münchner Tat ein im Grunde unpolitischer Amoklauf gewesen sei oder ein politisch – nämlich rechtsextrem – motivierter Terroranschlag. Der Staat bezahlt drei Gutachter, die auf Terror tippen, als nachgelagertes oder hauptsächliches Motiv. Dann kaufte der Staat ein viertes Gutachten, in dem nur noch von Amok die Rede ist, ohne Terrorkomponente.

Die Angehörigen möchten jetzt den Namen des Mahnmals ändern, das die Stadt München gegenüber dem Eingang des OEZ hat errichten lassen. "Das Amok darin soll weg", sagt Anwältin Neher, zu deren Mandanten auch das Ehepaar Hassan und Sibel S. gehört. "Das Amok darin" findet sich in der Inschrift, die die Stadt am Mahnmal anbringen ließ: "In Erinnerung an alle Opfer des Amoklaufs vom 22. Juli 2016".

Es ist eigentlich ein Streit um Symbolik. Aber dahinter geht es um Substanz. Nämlich um die Frage, ob der Staat dieses Verbrechen hätte verhindern können. Und es ist der Staat, der mit seiner ausufernden Gutachter-Debatte die Symbolik vor die Substanz schob. Es sieht ein bisschen aus wie der Versuch, Dienstwege und Ämterzuständigkeit zum Maßstab für alle zu machen. So funktioniert das heute aber nicht mehr. Das Schreckliche ist nun mal das, was real passiert. So, wie Hassan L. es vor Gericht gesagt hat. Und nicht, was staatliche Symbolik daraus macht. (mho)