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Radikalisierung auf Steam, Waffenhandel im Dark-Web: Der Weg zum OEZ-Attentat

Radikalisierung auf Steam, Waffenhandel im Dark-Web: Der Weg zum OEZ-Attentat

(Bild: sdecoret / shutterstock.com)

Juristisch ist der Anschlag am Münchner Olympia-Einkaufszentrum fürs erste abgearbeitet. Wichtige Fragen bleiben offen.

Am vorletzten Tag des Prozesses blitzt noch einmal die Tragik des Verbrechens auf. Angeklagt ist Alexander U., der Mann, der das Forum "Deutschland im Deep Web" (DiDW) im Tornetz administrierte. Das Wort hat Hassan L., der Vater eines 14-Jährigen, der am 22. Juli 2016 am Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) erschossen wurde. "Wissen Sie, was schrecklich ist?", fragt er mit lauter Stimme, fast schreiend. Und antwortet: "Von Polizeibeamten zu hören, dass mein Sohn ermordet wurde. Erschossen wurde!" Dann steht L. auf und verlässt ohne ein weiteres Wort den Saal. Seine Frau ist an der Reihe, Sibel. Sie spricht ruhiger, aber nicht weniger bitter. Den Behörden traue sie nicht mehr, sagt sie.

Zu dem Prozess um das Darkweb-Forum auch bei heise online

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Zur Urteilsverkündung reisen Hassan L. und seine Frau dann nicht mehr an. Sieben Jahre Gefängnis verhängt das Landgericht Karlsruhe in der Woche vor Weihnachten gegen U. Der Anschlag am Münchner OEZ macht den größten Teil an der Strafe aus. Der Vorsitzende Richter Holger Radke hält U. vor, in seinem Forum bewusst Bereiche für Verbotenes zugelassen zu haben. Für illegalen Drogenhandel habe er Werbung betrieben. Illegalen Waffenhandel habe er toleriert und unterstützt. Er habe zwar in München nicht selber geschossen, er habe auch nicht gewusst, dass da jemand einen Anschlag plane oder dass der Todesschütze auf seiner Plattform seinen Waffenlieferanten fand. Aber Alexander U. habe die Voraussetzungen für all das geschaffen. Hätte er es bleiben lassen, dann würde der 14jährige Sohn von Hassan L. vielleicht noch leben, ebenso die anderen der insgesamt neun Todesopfer.

Alexander U. ist der zweite Mann, den die Justiz für den Münchner Anschlag bestraft. Der erste war Philipp K. (33), der Waffenhändler. K. wurde im Januar 2018 vom Landgericht München I zu ebenfalls sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Das Hauptdelikt war bei K. wie bei U. fahrlässige Tötung. In beiden Verfahren – in München wie in Karlsruhe – stellen Gericht und Staatsanwaltschaft heraus, sie hätten "juristisches Neuland" betreten. In beiden Fällen sei "erstmals" ein Täter für ein Tötungsdelikt bestraft worden, das ein "Dritter" begangen habe. Auch Philipp K. habe von den Plänen des Todesschützen nichts gewusst. Aber auch er musste sich nachsagen lassen: Ohne ihn hätte es die Toten am OEZ wohl nicht gegeben.

In beiden Fällen sind die Urteile noch nicht rechtskräftig. Gegen das Münchner Urteil sind mehrere Revisionen anhängig. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat darüber aber noch nicht entschieden. Auch die Karlsruher Entscheidung wird wohl beim BGH landen, wie die Verteidiger von U. ankündigten.

Der eigentliche Täter kann dagegen nicht bestraft werden. Er ist tot. Wenige Stunden nach seiner mörderischen Tour entdecken ihn Polizisten vor einem Wohnhaus. Dorthin war er geflohen, nachdem er um sich schießend zuerst in einem McDonalds, dann auf der Straße und schließlich im Einkaufszentrum Menschen erschossen und verletzt hatte. Mit dem Eintreffen der ersten Einsatzkräfte hatte er sich zurückgezogen. Als Beamte ihn entdecken, richtet er vor ihren Augen die Waffe gegen sich und drückt ab. Als sich die Nachricht von seinem Tod verbreitet, löst sich die Metropole München nach und nach aus dem Panikmodus, in den sie nach den ersten Berichten über Schüsse am OEZ gefallen war, und zwar über Stunden.

Überall in der Stadt wollen Menschen plötzlich Schüsse gehört haben, wo gar keine fallen. Alarm aus der U-Bahn: Ein Mann schieße um sich. Prompt wird der Betrieb eingestellt. Ähnliche Phantom-Meldungen überall aus dem Stadtgebiet. Der sonst viel belebte Stachus ist an diesem Sommerabend menschenleer. Die Polizei riegelt sogar den Hauptbahnhof ab. Der gesamte Verkehr steht still. Man kommt nicht nach München rein, man kommt nicht aus München raus, und ist man drin, kommt man nicht weiter.

Dass München so panisch reagiert, ist erklärlich. Denn in den Wochen davor gab es eine außergewöhnliche Terrorserie:

Würzburg am 18. Juli 2016: Das war ein Montag. An diesem Tag passiert, ohne, dass die Öffentlichkeit es mitbekommt, noch etwas anderes: Der spätere Münchener Attentäter trifft sich im hessischen Marburg mit Waffendealer Philipp K. Es ist das zweite Treffen der beiden, bei dem er nur noch 350 Schuss Munition nachkauft. Seine Waffe hat er da schon. In der Rückschau wird klar, dass der Mordplan längst fertig geschmiedet ist. Und auch seine Motive liegen offen, schaut man sich die relevanten Stationen seiner Lebensgeschichte an. Er verstand sich als arischer Übermensch, der sich das Recht nahm, Untermenschen zu töten. Er hasste Zuwanderer und mochte Hitler. Das erscheint kurios und widersprüchlich, war der Täter doch selbst ein Zuwandererkind. Aber der Widerspruch löst sich auf, schaut man sich die Chronologie an.

Bei seiner Geburt hieß er noch nicht David, sondern Ali. Seine Eltern stammen beide aus der iranischen Hauptstadt Teheran. 1997 fliehen sie vor dem Ayatollah-Regime und kommen nach Deutschland. Am 12. Januar 1998 beantragen sie in Deutschland politisches Asyl. Ali kommt wenig später zur Welt, am 20. April 1998. Der vollständige Name des Jungen lautet: Ali Sonboly Hamedani.

Die Eltern ziehen in den Ortsteil Hasenbergl im Münchner Norden. Ein sozialer Brennpunkt. Im Kindergarten findet der Junge nur schwer Freunde. Dasselbe schreiben seine Lehrer in sein erstes Schulzeugnis.

Der Vater betreibt über die Jahre Schritt für Schritt die Deutschwerdung der Familie, was der Sohn später für sich fortsetzt. Einen dieser Schritte zur Deutschwerdung geht der Vater, als sein Sohn 8 Jahre alt ist. Er beantragt erfolgreich die deutsche Staatsangehörigkeit und erhält die Einbürgerungsurkunde.

Zu dieser Zeit bekommt Ali zum ersten Mal Zugang zur Spieleplattform Steam. Am 29. Januar 2007 registriert er oder sein Vater den User "arief11235". Den Ermittlungsakten ist zu entnehmen, dass zu diesem Account ein Paypal-Konto des Vaters hinterlegt war. Der Account existiert bis kurz nach dem Anschlag in München Tod, also gut neun Jahre. Er wird zeitweise exzessiv zu Counter-Strike-Spielen verwendet. Am Ende stehen allein für diesen Account 1844 Spiel-Stunden auf dem Zähler. Im Laufe der Zeit kommen weitere sechs Steam-Accounts dazu – mit zusammen 2504 Stunden Counter Strike. Macht in Summe 4348 Stunden Counter Strike in neun Jahren. Das ist ein monatlicher Schnitt von rund 40 Stunden.

Mit 10 wechselt der Junge an eine Realschule. Er bekommt einen Verweis, weil er einem Mitschüler die Faust in den Bauch geschlagen habe. Er störe häufig den Unterricht, steht in seinen Beurteilungen. Er tritt in einen Kampfsportverein ein. Drei Jahre bleibt er dort und trainiert regelmäßig. Am 4. Mai 2010 wird auch der Junge deutscher Staatsbürger und erhält seine eigene Einbürgerungsurkunde.

In der Schule, so zeichnet es die Akte nach, entwickelt sich ein Dauerkonflikt vor allem zu drei anderen Jungen. Die würden ihn immer wieder abpassen und verprügeln, beschwert er sich beim Direktor. Die Eltern zeigen die Jungen an. Es gibt einen Termin beim Schulleiter. Die Jungen entschuldigen sich. Die Eltern ziehen die Anzeige zurück.

Der Konflikt ist damit aber wohl nicht gelöst. Der Junge soll wegen seines Geburtstages gehänselt worden sein – 20. April, an diesem Tag hatte auch Adolf Hitler Geburtstag. Mädchen sollen ihn verspottet haben. Eine Mitschülerin habe ihm eine Federboa umgehängt und ihn mit Lippenstift geschminkt. Ob das Mobbing war oder ein Spiel, an dem er sich beteiligte, bleibt unklar. Die späteren Aussagen der Schüler dazu sind widersprüchlich. Die meisten Lehrer bestreiten, dass er gemobbt wurde.

Die Familie zieht um und wechselt das Stadtviertel. Die neue Wohnung liegt in der Münchner Innenstadt. Zu Hause hat er ein eigenes Zimmer. Er hält es allein in Ordnung. Seine Mutter lässt er nur ungern ein.

Deutschwerdung der Familie, nächster Schritt: Am 6. Februar 2012 lässt der Vater den zweiten Teil seines Familiennamens streichen – der persisch klingende Schlussname fällt weg.

Ali wechselt auf eine neue Realschule. Er beginnt, sich für Computer zu interessieren. Die neunte Klasse muss er wiederholen, aber er habe hart gearbeitet, bescheinigen ihm seine Lehrer. Er schafft den qualifizierenden Abschluss. In der 10. Klasse wählen ihn seine Mitschüler zum Klassensprecher. Kein Außenseiter mehr? Alles gut jetzt?

Am 16. Februar 2015 eröffnet er – inzwischen 16 Jahren alt – seinen zweiten Steam-Account. Der Account-Name laute "i7hunterz". Als einen der Spielernamen wählt er: "†NΞO† GeR†". Unter diesem Spielernamen tritt er später einer Gruppe namens "Anti Refugee Club" bei. Dieser Gruppe gehören rund 250 Mitglieder an. Unter ihnen befindet sich ein weiterer ein künftiger Attentäter, der am 7. Dezember 2017 in einer High School in New Mexico zwei Menschen erschießen und sich dann selber das Leben nehmen würde.

Am 10. März 2015 eröffnet der spätere Münchener Attentäter seinen dritten Steam-Account – unter dem Accountnamen "timk***", zusammengesetzt aus Vor- und Nachnamen des Attentäters von Winnenden. Der war 17 Jahre alt, als er in der Albertville-Realschule 15 Menschen ermordet und sich dann selbst das Leben genommen hatte. Als Profilbeschreibung für diesen Steam-Account trägt er ein: "I am the ghost of Tim K*** I will come back alive and kill again".

Am 25. Mai 2015 steigt er um 7 Uhr früh in einen Flixbus, fährt nach Frankfurt und von dort weiter nach Bad Soden. Er besucht und fotografiert das Grab von Tuğçe Albayrak. Ihr Tod hatte Schlagzeilen gemacht. Auf einem Parkplatz vor einem Restaurant war sie nachts zwei Mädchen zu Hilfe gekommen, die von jungen Männern belästigt wurden. Einer der Männer schlug sie nieder. Sie knallte mit dem Kopf auf den Steinboden, fiel ins Koma und wachte nicht mehr auf. Ali Sonboly lästerte gegenüber Freunden über die Studentin und diffamierte sie als Schlampe.

Im Tornetz findet er die Plattform DiDW und registriert sich dort am 29. Mai 2015, vier Tage nach seiner Fahrt zu Tuğçes Grab. Username: "Maurächer". Am selben Tag eröffnet er einen neuen Thread in der Rubrik "Spackentreff", Unterrubrik "Waffen", versehen mit der Überschrift "Interessiert an Pistolen (Kaliber 9mm)" und schreibt (aus rechtlichen Gründen nur sinngemäß wiedergegeben, wie alle Aktenzitate):

"Hallo, ich bin neu und habe eine wichtige Frage. Ich suche eine Pistole egal welche (M9 Beretta viele Auswahlmöglichkeiten bis hin zur Glock). Preis zwischen 600 und 1000 Euro, da die Waffe sich im gebrauchten Zustand befinden soll (oder auch nicht)".

Die ersten Antworten klingen nicht ermutigend. Für diesen Preis werde er wohl nichts Passendes finden, schreiben andere User. Am 30. Mai legt er nach:

"Ich kann auch maximal 2000 Euro zahlen."

Am 2. Juni 2015 reist er mit einem Fernbus nach Stuttgart-Zuffenhausen und von dort weiter nach Winnenden. Er fotografiert die Gedenkstätte, die dort nach dem Attentat seines Idols aufgebaut worden war. Am nächsten Tag ist er wieder zu Hause. Im DiDW-Forum hat ihm ein Mitglied ein Gewehr angeboten. Er lehnt dankend ab.

Am 5. Juni 2015 bietet der User "mike-bravo" eine Pistole vom Typ Glock 30, Kaliber .45, als Auktion an den Meistbietenden. Dazu schreibt er: "Das Kaliber .45 gibt es hier nicht so oft. Aber in den USA ist es sehr beliebt, wohl auch deshalb, weil es größere Löcher macht als 9 mm". Ein Nutzer bietet sofort 1500 Euro. "Maurächer" reagiert: "Ich biete 1650".

Er tauscht fast 2500 Euro in Bitcoin. Das Geld hat er als Zeitungsausträger und Aushilfe in einem Computershop verdient und gespart.

Mit seinem Vater spricht Ali über seinen Namen. Er habe ihn nicht gemocht, sagt der Vater später in einer Polizeivernehmung aus. Wer Ali heiße, der könne nichts aus seinem Leben machen. Mit dem Islam wolle er nichts zu tun haben. Sein Fest sei Weihnachten. Freunde sagen später, Ali habe Muslime gehasst. Juden auch.

Am 24. Juli 2015 legt Ali eine Word-Datei an und gibt ihr den Namen "Mein-Manifest.doc". Das Datum rekonstruieren die Ermittler später aus seinem beschlagnahmten Computer. Ali tippt eine Überschrift:

"Die Rache an denen, die mich auf dem Gewissen haben".

Sich selber bezeichnet er in seinem Text als Erlöser. Leute vom Balkan oder aus der Türkei schmäht er als "Kakerlaken und Untermenschen". Die würden sein Wohnviertel wie ein Virus infizieren. Er werde sie "exekutieren".

Am selben Tag startet "Maurücher" wieder einen Versuch, im DiDW an eine Waffe zu kommen. Er wendet sich an den User "Erichhartmann". Was Sonboly nicht geahnt haben dürfte: Diesen Account hatten ein Vierteljahr vorher Ermittler des Zollfahndungsamtes gekapert. Sie nahmen den "echten" "Erichhartmann" fest und übernahmen seine User-ID. Zum Schein führen sie seine Aktivitäten fort, mit dem Ziel, weitere Waffenkäufer und -verkäufer dingfest zu machen. Die Anfrage des späteren Münchener Attentäters an "Erichhartmann" bleibt unbeantwortet. Nichts passiert. Keine Reaktion.

Es sei nur eine Anfrage von vielen an "Erichhartmann" im öffentlich mitlesbaren Forum gewesen, teilt ein Sprecher des Zollfahndungsamtes auf Anfrage mit. Niemand habe wissen können, was dieser "Maurächer" insgeheim plane. Die Behörde bestätigt den Kontakt erst nach mehreren Anfragen und als sie Belege dafür vorgehalten bekommt. Weitergehende Details will sie nicht preisgeben.

Im August und September 2015 lässt sich Ali im Klinikum München-Harlaching wegen psychosomatischer Probleme stationär behandeln. Ein Zimmergenosse erinnert sich später, Ali habe seine Wohngegend ein Ghetto genannt. Eine Mitpatientin nennt ihn "ruhig und still". Manchmal sei er nett gewesen, manchmal komisch.

Wenn er komisch drauf war, habe er beispielsweise Papier mit Hakenkreuzen vollgemalt. Einmal habe er gesagt, er sei kein Nazi. Aber er finde einige Sachen gut, die Hitler gemacht habe. Er wolle seinen Namen ändern und nicht mehr Ali heißen. Man möge ihn den "Amokläufer Z" nennen. Er wolle "alle umbringen". Einige Mitpatienten sagen, sie hätten Angst vor ihm gehabt.

Mit einem freundet er sich an, einem jungen Afghanen. Dem teilt er in einem Whatsapp-Chat mit, für den Attentäter hinter den Anschlägen in Osla und Utøya von 2011, Anders Breivik müsse man Verständnis haben. Dafür, dass die ganze Situation ihn zur Explosion gebracht habe. Als Profilbild für seinen Whatsapp-Account verwendet er ein Bild Breiviks.

Die Waffenauktion, die "mike-bravo" bei DiDW eingestellt hat, läuft derweil weiter. Das Gebot steht bei 2500 Euro. Sonboly ist überboten. Zwischendurch eskaliert die Kommunikation in wilden Beschimpfungen. Gebote werden zurückgezogen und erneuert. Einmal mischt sich Foren-Administrator "Luckyspax" ein. Ein User bietet an, statt eines Geldgebotes die Waffe gegen eine Goldkette zu tauschen. "Mike-bravo" signalisiert Interesse. "Ist nicht euer Ernst?", fragt "Luckyspax". Der User "Hyena7" nennt die Auktion einen Fake.

Im Oktober 2015 beginnt Ali mit Fahrstunden. Und er schafft die Prüfung zur Mittleren Reife, Notendurchschnitt 2,9. In der allgemeinen Beurteilung beschreiben ihn seine Lehrer als pflichtbewusst und interessiert. Er sei ein motivierter Schüler gewesen.

Am 24. Oktober 2015 eröffnet "Maurächer" einen neuen Thread in der Waffenrubrik auf DiDW. "Ich suche nach einer Glock 17 oder Glock 21, Generation 3 oder 4. Außerdem Magazine zum Wechseln und Munition. Ich stelle mir einen Preis zwischen 2100 und 2500 Euro vor.

Am 17. November 2015 geht endlich etwas für ihn los, aber das dürfte er da noch nicht verstanden haben. Ein "Rico" fragt "Hyena7", offen und im Forum mitlesbar: "Können wir uns im Dezember treffen?" "Hyena7" will nicht so ohne weiteres antworten. Er verlangt Kontaktaufnahme per Bitmessage. "Rico" antwortet, das funktioniere bei ihm nicht. Die beiden schreiben sich tagelang hin und her, bis sie endlich wieder einen vertraulichen Kanal finden. Was die beiden besprechen, wird wohl später dazu führen, dass "Maurächer" tatsächlich seine Waffe bekommt.

Im Dezember 2015 geht die Glock aus der Auktion von "mike-bravo" für 2800 Euro weg. Jedenfalls lässt "mike-bravo" das so aussehen. Ob die Waffe wirklich existierte und einen Käufer fand kann niemand überprüfen. "Maurächer" hat sein erstes Gebot nie erhöht und geht leer aus.

Am 22. Dezember 2015 legt Sonboly auf Steam noch einen Account an – Accountname "timrage16". Wieder eine Anspielung auf den Attentäter von Winnenden. Als Spielernamen registriert er: "ExecuterGER" und "Turkey = Isis Ataturk Gay". Feind- und Vorbilder, auf plakative Nenner gebracht.

Am 23. Dezember 2015 fasst "Maurächer" seine bis dahin erfolglosen Kaufbemühungen in einem Posting zusammen:

"Von Mai bis Dezember gab es insgesamt vier Händler, die entweder eine Glock verkauft haben oder meinten, dass sie eine beschaffen können. Aber das scheint immer falsch gewesen zu sein. Das waren alles Scamversuche oder Sams. Wie lange muss man eigentlich warten, bis man mal jemanden findet, der einem wirklich eine Glock verkauft?"

Am 11. März 2016 reist er ein zweites Mal mit dem Fernbus nach Winnenden. Erneut besichtigt er die Gedenkstätte.

Am 13. März meldet sich endlich der User "Rico". Endlich! "Maurächer" hatte ihn fast ein halbes Jahr vorher kontaktiert. Bis dahin antwortete er nicht. Jetzt schon – und zwar mit einer PGP-verschlüsselten Nachricht.

Vermutlich April 2016: "Rico" alias Philipp K. fährt nach Tschechien und trifft sich dort mit "Hyena7" – dem Mann, bei dem er sich selber mit Ware eindeckt. Später, nachdem er festgenommen wurde, sagt er aus: "Ich habe die Glock in bar für 1600 Euro mit 100 Schuss Munition gekauft. Außerdem noch weitere 500 Schuss Munition für 200 Euro". Bis zum Weiterverkauf an "Maurächer" habe er Waffe und Patronen in seiner Wohnung aufbewahrt. Er habe die Pistole ein paar Mal auseinander gebaut und wieder zusammengesetzt. Die Seriennummer sei schon herausgeschliffen gewesen. "Es handelte sich um eine scharfe Waffe".

5. Mai 2016: Sonboly legt bei Facebook einen Fake-Account auf den Namen "Selina Akin" an. Für die Registrierung verwendet er eine E-Mail-Adresse, die er sich unter falschem Namen kurz vorher bei web.de eingerichtet hat. Damit geht die Planung seines Anschlags in die konkrete Umsetzungsphase. Diesen Account wird er benutzen, um Jugendliche zum McDonalds-Restaurant am Münchner OEZ zu locken.

Deutschwerdung des Ali Sonboly, letzter Schritt, gut zwei Wochen nach seinem 18. Geburtstag und und zweieinhalb Monate vor seinem Ende. Am 6. Mai 2016 erklärt er beim Standesamt förmlich:

"Ich nehme einen neuen Vornamen an. Sonboly, David".

Seitdem heißt er nicht mehr Ali, ganz offiziell.

Sonboly tauscht seine Bitcoin zurück in Euro, ein gutes Geschäft. Ursprünglich hatte er 2500 Euro in der Kryptowährung angelegt, jetzt bekommt er 3300 Euro zurück. Er legt aus seinem Ersparten noch ein paar Hunderter dazu und fährt am 20. Mai 2016 – wieder mit einem Fernbus – nach Marburg. An der Bushaltestelle trifft er "Rico". Die beiden spazieren in einen Park. "Rico" erinnert sich in seiner Vernehmung:

"Er war nervös. Die Pistole hatte ich zerlegt, damit er sehen konnte, dass es eine scharfe ist. Wir hatten 4000 Euro vereinbart. Die hatte er auch dabei. Ich habe ihm die Waffe dann zusammengebaut und gegeben. Ich glaube, er war noch ein Anfänger. 100 Schuss Munition oder so waren mit dabei. Er hat sie in seinen Rucksack gesteckt. Wir haben noch ein bisschen geredet. Er meinte, sein Auto sei von Türken oder irgendwelchen Kanacken zerkratzt worden. Er sei auch bedroht worden. Vor kurzem sei er in eine Assi-Gegend gezogen, da brauche er eine Waffe."

Ab Ende Mai übt er mit seiner Waffe – und zwar im Keller des Wohnhauses. Das Gebäude ist ein moderner Bau aus dem 1980er Jahren. Es hat zwei Kellergeschosse. Er baut sich in einem Kellerraum eine Art Schießstand auf und feuert gegen Zeitungsstapel. Niemand im Haus hört etwas. Tatsächlich sagen sämtliche befragten Nachbarn, sie hätten nicht das Geringste davon mitbekommen. Die Polizei überprüft es, lässt selber im Keller schießen, und tatsächlich: Die Mauern sind verblüffend schalldicht. Mindestens elf Mal trainiert der spätere Attentäter hier. Das konnte die Polizei anhand von Videos nachvollziehen, die er dabei drehte. Man hört ihn während der Schießübungen auch reden:

"Ich ficke euch, ihr verdammten Deutsch-Türken. Ihr Hunde, Ihr Nichtsnutze, Ihr seid ein Stück Scheiße. Ihr habt mein Leben zerstört und diese Glock wird Euer Leben auch zerstören, nämlich mit einem Kopfschuss".

Anfang Juni 2016 fliegt Familie Sonboly in den Iran. Dort gehen Vater und Sohn auf einen Schießstand und schießen auf Tontauben. Die Ermittler finden Fotos davon. Sie tragen das Datum 3. Juni.

Am 10. Juni 2016, zurück in München, besteht der junge Mann seine Führerscheinprüfung, im zweiten Anlauf. Das erste Mal war er durchgefallen. Der Fahrlehrer erinnerte sich, wie er da reagiert hatte: Er habe gesagt, hätte er eine Waffe dabei, dann würde er den jetzt erschießen – gemeint gewesen sei wohl der Prüfer.

Am 12. Juni 2016 muss Sonboly zur Aufnahmeprüfung einer Fachoberschule. Er fällt durch.

Am 18. Juli fährt er erneut nach Marburg. Montag. Der Tag, an dem in Würzburg der afghanische Flüchtling mit seiner Axt Fahrgäste in einer Regionalbahn angreift. Sonboly trifft wieder seinen Waffenlieferanten Philipp K. Er kauft 350 Schuss Munition nach, für 350 Euro. Er habe wieder auf Kanacken geschimpft. K. meint, er habe ihn ermahnt, er solle "bloß keinen Mist bauen".

19. Juli 2016: Sonboly ruft auf seinem Computer Google Maps auf und schaut sich die Gegend um das Olympia-Einkaufszentrum in München an.

21. Juli: Sonboly hat einen Termin bei der Arbeitsagentur. Es geht um einen Ausbildungsplatz beim Integrationszentrum für Menschen mit Autismus. Die Chancen sollen für ihn gut gestanden haben.

22. Juli 2016: Es ist Jahrestag des Anschlags von Anders Breivik. Kein Zufall, befinden die Kriminalisten und Psychologen der Operativen Fallanalyse beim Bayerischen Landeskriminalamt. Diesen Tag habe Sonboly bewusst als Zeichen gewählt, ebenso wie die Waffe vom Typ Glock. Auch Breivik habe eine Glock in seinem Arsenal gehabt.

Auf dem von ihm angelegten Facebook-Account unter dem Fake-Namen "Selina Akin" postet er: "Kommt heute um 16 Uhr Meggi am OEZ ich spendiere euch was wenn ihr wollt aber nicht zu teuer". Niemand folgt dieser Einladung. Aber im "Meggi" – McDonalds – sitzen auch so zahlreiche Jugendliche.

Dann der Anschlag. Neun Todesopfer, fünf teils schwer Verletzte. Im "Anti Refugee Club" auf der Spieleplattform Steam wird gejubelt und Sonboly bekommt einen Eintrag in einer Art Amoktäter-Wiki.

Nach dem Anschlag ermittelt die bayerische Polizei mit Hochdruck. Beim Landeskriminalamt wird eine Sonderkommission gebildet. Mitschüler, Mitpatienten, Lehrer, die Eltern und alle Kontaktpersonen werden vernommen. Die Beamten beschlagnahmen auch seinen Computer. Schnell kommen sie dahinter, dass Sonboly seine Waffe aus dem Forum DiDW hatte, dass sein Pseudonym "Maurächer" lautete und dass sein Dealer wohl "Rico" gewesen sein muss. Mit "Rico" unterhielt er sich am Ende mehrfach verschlüsselt, nachdem er vorher über ein Jahr vergeblich nach einer Waffe suchte.

Nur: Wer ist dieser "Rico"? Und wer dieser "Luckyspax", der Administrator des Forums?

Der Münchener Anschlag schlägt auch in Wiesbaden Wellen, beim Bundeskriminalamt. Dort, so sagt ein Führungsbeamter aus der Abteilung für verdeckte Ermittlungen im Prozess gegen Alexander U. aus, hätten die Schüsse die bis dahin wohl eher lustlos dahinplätschernden Ermittlungen schlagartig hochfahren lassen. Ihre Zielperson sei "Luckyspax" gewesen.

Offenbar hat das BKA da aber noch keine verdeckten Ermittler im Forum. Ganz klar wird das nicht aus der Aussage des Beamten. Jedenfalls werden jetzt mehrere Undercover-Beamte aktiv. Einer von ihnen tut so, als biete er eine Pistole vom Typ Makarov zum Kauf an. Ein anderer tut so, als sei er interessiert. Zum Schein verschickt der Scheinverkäufer sogar ein leeres Paket an den Scheinkäufer. Auch echte Ware verkaufen die BKA-Leute, nämlich unregistrierte Telefonkarten. Geschäfte, um die Legende aufzubauen.

Ihre Kollegen vom Zollfahndungsamt sind da schon längst im Forum präsent. Ausgetauscht haben sich die beiden Bundesbehörden kaum. Überliefert ist nur ein einziges Telefonat des BKA-Mannes mit einem Zoll-Ermittler, das der BKA-Mann im Zeugenstand in Karlsruhe erwähnte. Dass sein Gesprächspartner derselbe war, der als "Erichhartmann" verdeckt ermittelte und eine ausgesprochen zentrale Rolle spielt, habe er nicht gewusst, sagt der BKA-Ermittler.

Der Zoll geht ganz anders vor. Die Zollermittler haben echte Waffenkäufer und -verkäufer festgenommen und deren Accounts übernommen. Somit verfügen sie über eingeführte und als vertrauenswürdig angesehene Identitäten. Legenden müssen nicht erst mühsam aufgebaut werden. Außerdem haben sie einen Überblick über die Diskussionen und Angebote in der Waffenkategorie. Ihren ersten Account haben sie spätestens im April 2015 übernommen. User-ID: "Erichhartmann". Also der Account, an den sich "Maurächer" im Juli 2015 mit der Frage nach einer Pistole wandte.

Dass der Münchner Attentäter bei DiDW als "Maurächer" unterwegs war, spricht sich schnell herum. Das bayerische LKA stößt bei der Auswertung seines Computers auf den Nutzernamen. Am 24. Juli 2016, also zwei Tage nach dem Anschlag, schreibt ein Forenmitglied auf DiDW, er sehe gerade im Fernsehen eine Pressekonferenz. Da werde gesagt, dass die Waffe aus dem Darknet stamme. Soweit den Medien zu trauen sei, könne sich der Verkäufer "sogar hier im Forum aufhalten".

Ein User namens "Holoklaus" hat dann als wohl erster den richtigen Riecher und meint, der Münchner Attentäter könne der "Maurächer" gewesen sein. "Der suchte hier eine Glock und der Name würde auch passen". Man kann sich vorstellen, wie die aufgeregten Foristen sich sodann durch die Waffen-Threads geklickt haben mögen, um herauszufinden, wer wohl als Lieferant in Frage komme.

Auch bei den Ermittlern geht es plötzlich sehr schnell. Am 28. Juli 2016 – nur sechs Tage nach dem Anschlag – leitet ein Zollfahnder ein Strafverfahren "gegen eine bislang unbekannte Person mit dem Darknet-Pseudonym Rico" ein, und zwar wegen Verstößen gegen das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz. Es ist derselbe Zollfahnder, der sich hinter dem Pseudonym "Erichhartmann" verbirgt.

"Rico" habe Waffen an zwei andere Foristen verkauft, heißt es in seinem Vermerk. Diese beiden, sie nennen sich "Tzu" und "Sectorplantone", verwickelt "Erichhartmann" in Scheingeschäfte. Beide gehen ins Netz, einer am 27. Juli, der andere am 2. August 2016. Der Zoll übernimmt beide Accounts für die weitere Ermittlung.

Am 4. August 2016 verwickelt der gekaperte "Tzu" den Waffenhänder "Rico" in einen Chat. Darin gibt "Rico" preis:

"Vielleicht bist Du eh schon drauf gekommen, aber ich war es, der dem Maurächer die Glock verkauft hat."

Als nächstes setzen die Fahnder den gekaperten "Sectorplantone" auf "Rico" an. Sie vereinbaren den Kauf einer Waffe. "Rico" geht darauf ein. Die bayerischen Ermittler wissen da offenbar noch immer nichts über die Herkunft der Terrorwaffe.

Am 5. August 2016 fordert das Bayerische LKA bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität der Staatsanwaltschaft Frankfurt die Akte der Zollfahnder an. Erst fünf Tage später antwortet die Staatsanwaltschaft und reicht die Akte nach München durch.

Am 16. August schnappen die Zollfahnder Philipp K., der glaubt, den Sohn von "Sectorplantone" vor sich zu haben. Tatsächlich steht da beim Treffen in Marburg derselbe Beamte vor ihm, der sonst als "Erichhartmann" auftritt und die meisten Vermerke der Zollfahnder verfasste.

Im März 2017 klagt die Münchner Staatsanwaltschaft Philipp K. an. Während das Gerichtsverfahren gegen ihn läuft, ermittelt das BKA parallel weiter gegen DiDW-Administrator "Luckyspax". Den verrät am Ende die Spur des Geldes. Er tauschte Bitcoin bei der Börse bitcoin.de in Euro. Über seine dort registrierten Daten erfahren die BKA-Ermittler seinen Klarnamen, Alexander U., und seine Adresse in Karlsruhe.

Mittels einer simulierten SQL-Injection bringen sie ihn dazu, zu einem vorbereiteten Zeitpunkt vor laufendem Computer zu sitzen. Ein Stoßtrupp der GSG 9 rammt seine Wohnungstür ein, uniformierte Beamte ziehen ihn vom eingeschalteten Computer weg. Die Verschlüsselungen seiner Daten sind entriegelt. Die Ermittler machten sich daran, alles zu sichern. Das gelingt zunächst auch mit dem Forum und der dazugehörigen Datenbank. Dann zieht ein Beamter versehentlich den Stecker des Servers. Der Rest der Daten ist seitdem wieder verschlüsselt und bis heute nicht gesichtet. Das wird sich wohl auch nicht ändern. Alexander U. lehnt es im Prozess ab, seine Passwörter rauszugeben.

Sehr viel mehr als das "juristische Neuland" mit den Urteilen gegen K. und U. dürfte die Justiz nach dem Münchner Amoklauf kaum hinbekommen. Allerdings sind einige Ermittlungen noch nicht abgeschlossen.

In Saarbrücken ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den User "Zombieholocaust" alias Patrick K. Dabei geht es um mehrere Hundert Einzeldelikte – Verstöße gegen das Arzneimittel-, Betäubungsmittel- und Waffengesetz. Außerdem untersuchen die Ermittler seine Rolle als vorübergehender Moderator bei DiDW. Der Name "Zombieholocaust" hat nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft übrigens keinen politischen Hintergrund, sondern soll vielmehr eine Anspielung auf eine italienische Filmklamotte gleichen Titels aus dem Jahr 1980 sein.

In Köln ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den DiDW-User "blab" – eine der mysteriöseren Gestalten im Forum. Er bot "Erichhartmann" nach dem Münchner Anschlag Insider-Infos gegen Bitcoin. "Erichhartmann" und das Zollfahndungsamt verlangten vorab ein "Bauernopfer" als Beweis für die Echtheit seines Angebots. "blab" ließ nicht mehr von sich hören. Der Richter im Karlsruher Prozess berichtete in der Verhandlung, er habe mit der ermittelnden Kölner Staatsanwältin telefoniert. Sie habe gesagt, sie wisse bisher nicht, wer sich hinter "blab" verbirgt. Den DiDW-Administrator Alexander U. habe sie aber nicht unter Verdacht. Wen dann? Habe sie nicht verraten wollen. Einblick in eine Profiler-Analyse habe sie verweigert. Vermutlich richtet sich ihr Augenmerk auf den Mann, der sonst als "Mike-bravo" agierte. Hinter ihm steckt im bürgerlichen Leben ein Rechtsanwalt, der bei Köln wohnt.

Auch die Rolle des Zollermittlers "Erichhartmann" bleibt nebulös. Nebenkläger und einer der Verteidiger von Alexander U., Marvin Schroth, haben im Karlsruher Prozess ein Ermittlungsverfahren gegen ihn angeregt. "Die Frage, was verdeckte Ermittler wann wussten, wird uns weiter beschäftigen", sagt Rechtsanwältin Claudia Neher, die mehrere Opfer-Familien vertritt.

Die Staatsanwaltschaft widerspricht der Vermutung vehement, Ermittler hätten vorab von den Attentatsplänen gewusst und dieses Wissen für sich behalten. "Welches Motiv hätten sie dafür gehabt?", fragt eine Sprecherin zurück. Dem Zollermittler sei nichts vorzuwerfen. "Das ist Ermittlungsarbeit".

7. Dezember 2017: Ein Amerikaner aus der Chatgruppe "Anti Refugee Club", erschießt in einer Schule in der Stadt Aztek, New Mexico, zwei Schüler und dann sich selbst. Das Datum war wieder so ein Symbol. Am 7. Dezember 1941 hatten die Japaner die USA in Pearl Harbor angegriffen. In der Steam-Chatgruppe der beiden Attentäter fliegt ein Schüler aus dem Raum Stuttgart auf. Er äußerte Mord- und Terrorphantasien. Ein privat im Netz stöbernder IT-Fachmann aus Berlin stößt darauf und meldet seinen Fund der Internetwache des Baden-Württembergischen LKA. Beamte stürmen das Wohnhaus seiner Eltern. Dort finden sich Chemikalien für Sprengstoff. Die Staatsanwaltschaft München eröffnet ein neues Ermittlungsverfahren – mit dem Ziel, Verbindungen zu weiteren potentiellen Attentätern offenzulegen.

Es dauert Monate, bis deutsche Behörden von dem Mann in den USA erfahren und umgekehrt. Es dauert wiederum Monate, bis das Bundeskriminalamt seine Erkenntnisse über den Terrorristenkult von Breivik bis Sonboly mit anderen Behörden teilt. Hinzu kommt Streit um die Frage, ob die Münchner Tat ein im Grunde unpolitischer Amoklauf gewesen sei oder ein politisch – nämlich rechtsextrem – motivierter Terroranschlag. Der Staat bezahlt drei Gutachter, die auf Terror tippen, als nachgelagertes oder hauptsächliches Motiv. Dann kaufte der Staat ein viertes Gutachten, in dem nur noch von Amok die Rede ist, ohne Terrorkomponente.

Die Angehörigen möchten jetzt den Namen des Mahnmals ändern, das die Stadt München gegenüber dem Eingang des OEZ hat errichten lassen. "Das Amok darin soll weg", sagt Anwältin Neher, zu deren Mandanten auch das Ehepaar Hassan und Sibel S. gehört. "Das Amok darin" findet sich in der Inschrift, die die Stadt am Mahnmal anbringen ließ: "In Erinnerung an alle Opfer des Amoklaufs vom 22. Juli 2016".

Es ist eigentlich ein Streit um Symbolik. Aber dahinter geht es um Substanz. Nämlich um die Frage, ob der Staat dieses Verbrechen hätte verhindern können. Und es ist der Staat, der mit seiner ausufernden Gutachter-Debatte die Symbolik vor die Substanz schob. Es sieht ein bisschen aus wie der Versuch, Dienstwege und Ämterzuständigkeit zum Maßstab für alle zu machen. So funktioniert das heute aber nicht mehr. Das Schreckliche ist nun mal das, was real passiert. So, wie Hassan L. es vor Gericht gesagt hat. Und nicht, was staatliche Symbolik daraus macht. (mho [6])


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