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Radikalisierung bei YouTube: Kontakt wiegt schwerer als Algorithmen

Wenn rechte Kanäle in den USA bei YouTube dominant sind, liegt das laut einer Studie aber nicht, wie oft angenommen, am Algorithmus.

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(Bild: MariaX/Shutterstock.com)

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Wenn Menschen sich via YouTube radikalisieren, ist daran möglicherweise nicht, wie so oft angenommen wird, der Algorithmus schuld, der die Nutzer in einen Kaninchenbau mit immer extremeren Videos zieht. Forscher der Penn State University sagen stattdessen, es sind dieselben Mechanismen, die auch offline dazu führen, dass Menschen radikaler werden: Informationen und Kommunikation. Ihre Analyse bezieht sich dabei auf die USA.

Angebot und Nachfrage sind für die Vielzahl an Videos mit rechten Inhalten auf der Plattform verantwortlich, sagen die Autoren. Es sei ein Leichtes für Menschen aus dem rechten Spektrum, Videos zu erstellen, damit Geld zu verdienen und so mehr Menschen zu erreichen als mit geschriebenen Artikeln. Zudem gäbe es keine klassischen Einstiegs-Barrieren wie bei anderen Medien. Politische Kommentatoren können mit ausreichend Videos suggerieren, wichtige Meinungsmacher zu sein. Die Nachfrage in den USA bestand den Forschern zufolge bereits, sie ist nicht erst mit dem Angebot gewachsen, sie wurde vor YouTube nur nicht bedient.

Hinzukommt, dass die Ersteller sich mit ihren Inhalten an Menschen wenden, die sich von Mainstream-Medien entfremdet haben und über die Plattform parasoziale Beziehungen aufbauen, die das Fehlen von Beziehungen in der Gesellschaft ausgleichen. Unter Videos mit rechten Inhalten kommentierten Nutzer mehr als auf Seiten von anderen Medien. Sie bildeten eine Online-Community.

Anders als zu erwarten, erklären die Autoren auch, sei seit 2017 die Anzahl der rechtsextremen Zuschauer in den USA zurückgegangen, obwohl das Angebot gestiegen ist. Dafür sind mehr konservative und "liberale" Mainstream-Kanäle aufgetaucht, wie die eher linken in den USA genannt werden.

Die Wissenschaftler haben verschiedene Methoden benutzt, um zu ihren Ergebnissen zu kommen. Via YouTubes API konnten sie Trends in Suchanfragen analysieren, zudem sind die Metadaten für fast eine Million Videos eingeflossen, die sie in politische Kategorien einsortierten.

Eine ähnliche Kategorisierung nahmen auch Forscher aus Brasilien vor. Ihre Studie deckt sich mit den Ergebnissen, dass unter rechten Videos mehr kommentiert wird. Über einen Zeitraum von teilweise mehr als zehn Jahren beobachteten die Wissenschaftler Nutzer. Sie werteten dabei als Radikalisierung, wenn jemand zunächst unter einem weniger rechten Video kommentierte und später unter extremeren Inhalten. Dieser Schritt lässt allerdings keine Rückschlüsse auf die Gründe zu.

Die Autoren haben auch versucht, die YouTube-Empfehlungen mit in die Ergebnisse einfließen zu lassen. Sie konnten nicht feststellen, dass der Algorithmus Menschen zu extremeren Videos führte. Die Daten sind ohne Personalisierungsvorschläge entstanden, die Tester waren also nicht mit einem Konto angemeldet. (emw)