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Rainald Grebe - Das Anadigiding: "Das war das 20. Jahrhundert. Ich hab das alles erlebt. Hat es mir geschadet?"

Der digitale Wandel "verändert alles. Wert und Wertigkeit von Menschen und Dingen, Beziehungen, Ideologien, Religionen. Das Denken" – so der Kabarettist und Autor Rainald Grebe. Er hat dem Thema ein Bühnenstück am Schauspiel Hannover gewidmet.

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Rainald Grebe räsoniert über die digitale Revolution.

(Bild: Schauspiel Hannover)

Rainald Grebe, Jahrgang '71, ist ein Anadigi, er hat den Wandel von der analogen in die digitale Welt erlebt. Er kennt noch die analoge Welt mit Schreibmaschinen und Super-8-Filmen. Zum ersten Mal ist er erst 2001 ins Internet gekommen. Und für ihn gibt es kein größeres Thema als den digitalen Wandel: "Das bestimmende Lebensthema ist nicht die Wiedervereinigung, ist nicht der Krieg gegen den Terror, es ist das Anadigi Ding. Es verändert viel, alles. Wert und Wertigkeit von Menschen und Dingen, Beziehungen, Ideologien, Religionen. Das Denken. Das Handeln. Fuck. Das Leben. Das Sein."

Hier die alten Anas, die alles Digitale ablehnen, da die Digis, für die die Technik Pflicht ist. Für Grebe liegt es an seiner Zwischengeneration, diesen Spalt zu beschreiben und vielleicht auch ein Stück weit zu füllen. Gemeinsam mit dem Schauspiel Hannover hat er das Stück "Das Anadigiding" auf die Bühne gebracht, das am gestrigen Samstag Premiere feierte.

Das Anadigiding (10 Bilder)

Rainald Grebe (hier mit Hagen Oechel, Sarah Franke, Henning Hartmann) im Schauspiel Hannover: Erzählungen aus der vordigitalen Zeit neben Gegenwartskritik und Ausblicken in eine digitale Zukunft
(Bild: Schauspiel Hannover, Karl-Bernd Karwasz)

Wie inszeniert man den digitalen Wandel? Zunächst einmal mit einem Kuriositätenkabarett analoger Gerätschaften, die diesem Wandel zum Opfer gefallen sind. Im Vorfeld waren die Hannoveraner aufgerufen ihre alten Geräte zu spenden, darunter ein Weltempfänger, ein Faxgerät, ein Toaster – ganz ohne Zeitautomatik – und ein altmodischer Bauch-Beine-Po-Trainer.

Kurze Spielsequenzen rufen Episoden aus der analogen Zeit in Erinnerung, über die man heute nur noch schmunzelnd den Kopf schüttelt: Die zunehmend genervten Wartenden vor der Telefonzelle, während drinnen ein Gespräch nach dem anderen geführt wird. Der Jugendliche, der das ohnehin schon schrecklich verrauschte Konzert im Fernseher auf seinen Kassettenrekorder aufnehmen will. Oder Pseudo-Roboter wie der Schachtürke: Undenkbar, dass man heute die Massen mit so einem Gerät über viele Jahre lang zum Narren hält.

Aber ist heute alles besser? Grebe hat da so seine Zweifel, denn wir haben auch viel verloren, was im Nachhinein vielleicht gar nicht so schlecht war. Geduld zum Beispiel: "Was habe ich eigentlich früher gemacht, als ich auf jemanden wartete?", fragt sich Sarah Franke in einer Spielsequenz. "Wenn ich früher was mit meinem Kumpel machen wollte, bin ich einfach hingegangen", so Hagen Oechel. "Und wenn er nicht da war, bin ich halt wieder zurückgegangen". Heute hätte er per WhatsApp gecheckt, ob der Freund Zeit hat.

Alles muss schneller, alles gleichzeitig. Grebe hat dem Multitasker einen Song gewidmet: "ich fahr mit dem rolls royce mit 200 sachen // les dabei james joyce und kann onlinebanking machen". Henning Hartmann führt die Selbstoptimierung mit Gesundheitstrackern ins Absurde. Und der Weg zur Arbeit wird mit Google Glass ein mit Werbung überladener Horrortrip.

Last not least der Schmu mit den Daten. Die Zuschauer waren vor der Aufführung gebeten worden, ihre Handy-Nummern anzugeben. Während des Stücks erschienen dann Meldungen wie "0163/6315XXX hat FDP gewählt (lol)" auf einem Display auf der Bühne. Damit das Ganze auch glaubwürdig wirkt, hatte sich Grebe vier Mitglieder der hannoverschen Sektion des Chaos Computer Club auf die Bühne geholt.

Das Anadigiding läuft noch bis Ende Juli im Schauspiel Hannover, es gibt noch Tickets. Das Stück ist aber erst der Anfang, eine erste Bestandsaufnahme. Grebe hat sich drei Jahre Zeit genommen, den Medienwandel theatralisch aufzubereiten. Er will in den drei Jahren "eine Vielzahl an Formaten" zu dem Thema entwickeln und ein Archiv aufbauen – analog und digital.

[Update 29.06.2014 13:05]:

Der Text eines der anwesenden c't-Redakteure kam nach dem anstrengenden
Theaterabend etwas später – er ersetzt jetzt die ursprüngliche Beschreibung
der dpa-Kollegen.

[Update 29.06.2014 13:32]:

Bilderstrecke ergänzt. (Jo Bager) / (ps)

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