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Rechte für Roboter?

Roboter könnten zukünftig als eigenständige Persönlichkeiten mit Rechten und Pflichten eingestuft werden. Das könnte auch Haftungsfragen klären. Ob Roboter sentimental oder nüchtern betrachtet werden, ist eine Frage der menschlichen Haltung.

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Roboter "Pepper"

(Bild: Softbank Robotics)

Am dritten Tag des wissenschaftlichen Workshops Robotics in the 21st Century standen die Fragen im Vordergrund, auf die niemand eine abschließende Antwort hat, die aber gleichwohl die Gemüter erregen: Können Roboter ein eigenes Bewusstsein entwickeln? Sollte ihnen der Status von Persönlichkeiten mit eigenen Rechten eingeräumt werden? Werden sie die Menschen früher oder später intellektuell überflügeln?

Tom Ziemke (Linköping University) bezog sich in seinem Vortrag auf eine Empfehlung des Europaparlaments an die EU-Kommission vom vergangenen Juni, in der unter anderem angeregt wurde, Robotern einen Status als elektronische Persönlichkeiten einzuräumen. Als Ziemke seine Zuhörer fragte, wer diesen Vorschlag für sinnvoll halte, hoben nur wenige die Hände, andere protestierten, dass die Frage so nicht gestellt werden könne. Die Szene unterstrich vor allem eins: Wann immer die Grenze zwischen Mensch und Maschine berührt wird, gehen die Emotionen hoch. Dies umso mehr, als eine klare Grenzlinie, wie Ziemke betonte, nicht gezogen werden kann.

Ist Nao bald eine elektronische Persönlichkeit?

(Bild: Softbank Robotics)

Menschen neigten dazu, leblosen Dingen und sogar abstrakten geometrischen Formen Intentionen zuzuschreiben, wüssten aber in der Regel zugleich, dass dies eben nur eine Projektion ihrerseits ist, etwa bei Cartoons. Bei Robotern, die sich bewegen, mit ihrer Umwelt interagieren und teilweise sogar soziales Verhalten zeigen, sei die Unterscheidung von realen und zugeschriebenen Intentionen dagegen nicht mehr so einfach. Bei autonomen Fahrzeugen seien erkennbare Intentionen geradezu essentiell, etwa für einen Fußgänger, der abschätzen muss, ob er vor einem sich nähernden Fahrzeug sicher die Straße überqueren kann.

In Diskussionen über Robotik fehlt selten die Klage über die Medien, die häufig Ängste schürten und die tatsächliche Robotik verzerrt darstellten. Die Berichte über das EU-Dokument sind ein gutes Beispiel: Die umfangreichen Überlegungen zur zivilrechtlichen Regelung der Robotik, insbesondere bei Haftungsfragen, spielten kaum eine Rolle.

In der ausführlichen Fassung lesen sich die Vorschläge schon deutlich nüchterner: Nach Überlegungen zur Einrichtung und Finanzierung von Versicherungsfonds empfiehlt der Rechtsausschuss des Europaparlaments demnach, „einen speziellen rechtlichen Status für Roboter zu schaffen, damit zumindest für die ausgeklügeltsten autonomen Roboter ein Status als elektronische Personen mit speziellen Rechten und Verpflichtungen festgelegt werden könnte, dazu gehört auch die Wiedergutmachung sämtlicher Schäden, die sie verursachen, und die Anwendung einer elektronischen Persönlichkeit auf Fälle, bei denen Roboter intelligente eigenständige Entscheidungen treffen oder anderweitig auf unabhängige Weise mit Dritten interagieren“.

Aus dem „rechtlichen Status“ wurden in der Wahrnehmung rasch „Rechte für Roboter“, was eine Gleichrangigkeit mit Menschen nahelegt. Dagegen wehrte sich insbesondere Joanna J. Bryson (University of Bath). An menschlichen Eigenschaften wie Bewusstsein oder Ehrgeiz sei grundsätzlich nichts Magisches, betonte sie. Natürlich ließe sich so etwas auch technisch erzeugen, es gebe aber keine Notwendigkeit, es zu tun.

Wenn es um Roboter für eng begrenzte Anwendungen geht, mag es sinnvoll sein, auch deren kognitive Fähigkeiten entsprechend zu begrenzen. Sobald die Robotikforschung aber, wie mehrere Referenten erklärten, dazu dient, den Menschen besser zu verstehen, indem man ihn nachbaut, lassen sich einzelne Aspekte nicht mehr ohne weiteres ausklammern. Und schließlich mögen sich manche Fähigkeiten von Robotern auch entwickeln, ohne dass ein einzelner Forscher das beabsichtigt hat. „Beim Baby wissen wir, dass es eine Persönlichkeit entwickeln wird“, erklärte Bryson, um die besondere Sorgfalt beim Umgang mit Menschenkindern im Unterschied zu Robotern zu rechtfertigen. Beim Roboter wissen wir es nicht und das sorgt für Verunsicherung.

Die Haltung zu Robotern stützt sich letztlich auf den Glauben. Den Glauben daran, dass Roboter sich früher oder später zu einer eigenständigen, leidensfähigen technischen Lebensform entwickeln werden. Oder daran, dass es Maschinen sind, nichts als Maschinen, für immer und ewig. Nun haben sich insbesondere westliche Gesellschaften jahrhundertelang darum bemüht, Glaubensfragen aus dem öffentlichen Diskurs herauszudrängen und politische Entscheidungen wissenschaftlich zu begründen. Bringen Roboter diese Tradition kollektiver Willensbildung jetzt ins Wanken?

Auf jeden Fall bringen sie die Menschen dazu, intensiver über moralische Fragen nachzudenken. Das allein sei doch eine großartige Sache, sagte Mark Coeckelbergh von der Universität Wien, der auch eine Lanze für die Science-Fiction brach: Szenarien vom Weltuntergang und der Machtübernahme durch Roboter zeichneten zwar ein verzerrtes Bild, aber die darin ausgedrückten Ängste müssten ernst genommen werden.

Die Sorge, ob bei der zunehmenden Automatisierung des sozialen Lebens genug Raum für Improvisation und Interpretation bleibe, sei ja vollkommen berechtigt. Fast nebenbei erwähnte er die Notwendigkeit, eine faire Verteilung der Automatisierungsgewinne zu gewährleisten, etwa durch ein bedingungsloses Grundeinkommen. Ausdrücklich begrüßte er die öffentliche Debatte, die die Chance biete, die soziale Entwicklung proaktiv zu beeinflussen, statt nachträglich die Fehlentwicklungen zu beklagen.

Über Roboter zu reden bedeute, über die Gesellschaft zu reden, unterstrich auch Selma Sabanovic von der Indiana University in Bloomington. Es sei notwendig, die zukünftigen Nutzer von Robotern von Anfang an in den Entwicklungsprozess einzubeziehen. Weil das bislang noch nicht geschehen sei, sei das Design heutiger Roboter noch zu stark technozentriert. Die Technologie müsse im gesellschaftlichen Kontext gesehen werden, forderte sie und zitierte die Anthropologin Lucy Suchman, die bemerkt hat, dass die Robotik sich noch zu sehr an den Konzepten von Trennung und Autonomie orientiere statt an den Beziehungen zueinander.

Die Roboterrobbe Paro im Einsatz bei Demenzerkrankten

(Bild: Paro Robotics)

Coeckelbergh, der sich in seinem Vortrag besonders auf den Einsatz von Robotern in der Alten- und Krankenpflege konzentrierte, stellte die Frage in den Raum, ob es ein Betrug an dementen Menschen sei, ihnen einen Roboter wie Paro in die Hand zu geben, um sie zu beruhigen: Sie glauben, sie streichelten ein Lebewesen, dabei ist es nur eine Maschine.

Aber auch dies ist letztlich eine Frage der Perspektive – und des Glaubens: Vielleicht glauben nur wir, dass es sich um eine Maschine handelt, während die Dementen aus ihrem veränderten Geisteszustand heraus schon ganz deutlich das Lebewesen erkennen, das in seinem frühen, zarten Entwicklungsstadium besondere Liebe und Zuwendung braucht?

(Hans-Arthur Marsiske ) / (kbe)

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