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Rechtsextremistisches Attentat in Halle: Mord als Videospiel mit internationalem Publikum

Stephan B., der mutmaßliche Täter von Halle, suchte ein großes Publikum. Das sah er nicht in der Neonazi-Kameradschaft um die Ecke - sondern der gesamten Welt.

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(Bild: Ilkin Zeferli / shutterstock.com)

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Judenfeindlichkeit, Ablehnung von Migranten, Front gegen Feminismus: Stephan B. hat vieles gemein mit Rechtsextremisten, wie sie in Deutschland bekannt sind. Zugleich greift er manche ihrer Kernmotive gar nicht auf. Ausländer kommen bei ihm nur am Rande vor. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), eine Lieblingsgegnerin vieler Unzufriedener im Lande, erwähnt er im Video und dem bislang bekannten Manifest kein einziges Mal. Stephan B., der selbst erklärte "Loser" (Versager), ist eine neue Art Rechtsterrorist in Deutschland: seltsam selbstironisch, flapsig menschenverachtend – und offenbar weltweit gut vernetzt mit Gleichgesinnten.

Dass von rechts Gefahr droht, ist den deutschen Sicherheitsbehörden bewusst – nicht zuletzt der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke in diesem Sommer hat das deutlich gemacht. Mehrere hundert neue Stellen sollen bei Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz für die Bekämpfung des Rechtsextremismus geschaffen, ein neues Risikobewertungssystem ähnlich wie beim Islamismus soll eingeführt werden. Rund 40 Menschen im rechten Spektrum stufen die Behörden als Gefährder ein, trauen ihnen also schwerste Straftaten bis hin zum Anschlag zu. Insgesamt 12 700 Rechtsextremisten hält der Verfassungsschutz für gewaltorientiert.

Doch nicht immer funktioniert das Frühwarnsystem. Der mutmaßliche Mörder Lübckes war vom Radar der Behörden verschwunden. Und längst tummeln sich auf Gaming-Plattformen im Internet nicht mehr nur passionierte Videospieler, die sich über PC- und Konsolen-Spiele austauschen wollen, sondern auch Rechtsextremisten, Islamisten, Holocaust-Leugner und Verschwörungstheoretiker, die sich hier vernetzen. Da der Austausch oft ohne Moderation erfolgt, bieten sich einige dieser Foren für Kommunikation unterhalb des Radars der Behörden an.

Neben dem Zugang zu verschlüsselten Messenger-Diensten wie Telegram oder Signal hat das Bundesinnenministerium bei seinen umstrittenen Überlegungen für eine Reform des Verfassungsschutzrechts auch diese Foren im Blick. Der Entwurf für die Gesetzesnovelle ist aktuell noch Gegenstand von Diskussionen zwischen dem Innenressort und dem Justizministerium, das eine Ausweitung der Befugnisse mit einem Mehr an parlamentarischer Kontrolle verbinden will. Die bislang bekannt gewordenen Entwürfe stehen aber sehr in der Kritik, da sie nach Ansicht vieler Bürgerrechtler weit über das Ziel hinausschießen und elementare Freiheitsrechte einschränken.

Auch der mutmaßliche Täter von Halle scheint sichtbar fasziniert von Videospielen. Für den Live-Stream seiner Tat suchte er sich die Web-Plattform Twitch aus, die zu Amazon gehört. Hier streamen vor allem Gamer ihre Computerspiele. Mick Prinz, der sich bei der Amadeu-Antonio-Stiftung mit rechter Propaganda auf Gaming-Plattformen beschäftigt, sieht im Manifest von B. viele Parallelen zu Videospielen: Er setze sich dort Ziele ("Achievements") und beschreibe seine Mission. Dass er am Ende zwei Menschen tötet statt wie beabsichtigt Dutzende, steht dem nicht entgegen. "Auch für erste Schritte gibt es in einigen Videospielen "Achievements" - beispielsweise für das Kreieren eines eigenen Gaming-Charakters", sagt Prinz. "Stephan B. greift diese Thematik auf. Schon das Hochladen seines Dokuments wertet er als Erfolg. In anderen Achievements formuliert er konkrete Gewaltakte und Tötungsfantasien." Damit schafft er auch Vergleichbarkeit für mögliche Nachahmer.

Auch die Selbstbeschimpfungen B.s, die zur Schau gestellte Improvisation, passen in dieses Bild. Seine selbstgebauten Waffen, teilweise offensichtlich mit Bauteilen aus dem 3D-Drucker, beschreibt er als "billig", die Ausrüstung als "unzuverlässig", und wie es im Gebäude aussieht, das er angreifen will, weiß er auch nicht. "Was könnte schon schief gehen?", fragte der mutmaßliche Attentäter von Halle sarkastisch in seinem online veröffentlichten Ablaufplan.

Das sei ein gängiges Motiv in antifeministischen Internet-Strömungen, sagt Terrorismusforscher Peter Neumann vom Londoner King's College. Männer bezeichneten sich dort als Loser, weil sie keine Frau abbekommen haben. "Es gibt sogar Hitlisten mit berühmten Losern dort", sagt Neumann. "Je bescheidener und ironischer man in seinem eigenen Manifest ist, desto mehr wird man dort gefeiert. Das ist sein Publikum." Ob er in solchen Gruppen aktiv war, ist derzeit aber noch nicht klar.

"Sein Publikum für diesen Anschlag waren nicht irgendwelche Neonazis in Thüringen, sondern ein internationales Publikum", sagt Neumann. "Ich glaube, für jemanden wie ihn sind Anders Breivik oder die Attentäter von Christchurch und El Paso viel wichtigere Inspirationsquellen als die Neonazi-Kameradschaft um die Ecke." Was nicht heißen muss, dass es hier keinerlei Berührungspunkte gibt - am Tag nach der Tat war vieles über Stephan B. noch unbekannt.

Stephan B.s Weltbild scheint eine Art Extremismus von der Stange zu sein. Neumann spricht von einem "Baukastenprinzip", das rechte Online-Kulturen lieferten. "Da gibt es alle möglichen Feindbilder - Juden, Frauen, Mexikaner in den USA, und alles ist innerhalb dieser Kultur ein legitimes Ziel."

Die Extremismus-Forscherin Julia Ebner von der Londoner Denkfabrik Institute for Strategic Dialogue spricht von "inspirativem Terrorismus in losen Online-Netzwerken". In ihrem gerade veröffentlichten Buch "Radikalisierungsmaschinen: Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren" beleuchtet sie radikale Online-Netzwerke unterschiedlicher Couleur. B. hält sie am Tag nach der Tat für einen Einzeltäter, der sich aber online hat inspirieren lassen. "Das folgt einem Muster, das wir in der Vergangenheit auch bei IS-Einzeltätern beobachten konnten: Den Copycat-Terrorismus, der im Dschihadismus Anschlagswellen bewirkt hat, könnte es jetzt auch zunehmend auf rechtsextremer Seite geben." (jk)