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Retrocomputing: Stanzen und Kopieren

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Zum fünften Mal heißt es in München neckisch "Lasst uns zurückkehren in die Guten Alten Tage, als Hacker noch keine Sicherheitsberater, Bytes noch keine Megabytes und Kleine Grüne Männchen noch Kleine Gruene Maennchen waren": Am Samstag, den 1. Mai, steigt das Vintage Computer Festival Europe.

Doch im Unterschied zu früheren Jahren sind die Retro-Hacker gefordert, ihr Wissen aus den guten alten Tagen zu Papier zu bringen. Die ehrgeizigen Organisatoren des Festivals haben sich vorgenommen, die obligate Exkursion quer durch München zu einer Lagerhalle voller Mainframes und Minis interaktiv zu gestalten. Die Besucher des Festivals bekommen auf Wunsch beim Eintritt Programmierformulare und Lochkarten sowie einen Einweisung im Umgang mit dem Lochkartenstanzer und können ein Programm schreiben, das später bei der Exkursion auf den Mainframes abgearbeitet wird.

"Wir wollen einen Eindruck davon vermitteln, wie das Proggen in der guten alten Zeit gelaufen ist: Erst nachdenken, dann schön sauber und spaltenrichtig das Programm auf die Lochungsvorlagen übertragen. Diese wurden dann bei der Typistin abgegeben. Am nächsten Tag gab es dann einen Lochkartenstapel, den hat man ins RZ getragen, dort abgegeben und wieder einen Tag gewartet, bis das Listing mit den Fehlern kam. Dann konnte man sich ans Korrigieren machen", erinnert sich VCFE-Organisator Hans Franke an die Frühzeit der Datenverarbeitung.

Nicht nur Freunde des Großeisens, auch die Bastler und Fans der "Hobby-Computer" kommen auf dem VCFE auf ihre Kosten. So soll einer der insgesamt 666 Apple 1 zur Ausstellung kommen, mit denen Steve Jobs seine Karriere begann. Auch werden mehrere DEC-PDP gezeigt, an denen Bill Gates programmieren lernte. Seltene Hardware wie Be-Boxen und der Tablet-PC von Be, aus dem dann Microsoft seinen Tablet-PC entwickelte, und das NeXT Cube Videosystem, zeigen die Irrwege, Sackgassen und die Auswege, die zu den heutigen Computern führten. Mit der SBC 6120 stellt die Firma Spare Time Gizmos eine PDP-8 als Steckkarte vor, die hauptsächlich noch darum produziert wird, weil in den USA Blinde mit dem Sprachmodul "DEC Talk" die PDP-Systeme heute noch für E-Mail und Web-Surfen einsetzen.

Softwareseitig nehmen Programmier-Veteranen das VCFE zum Anlass, das Open Source-Projekt "Data Engine Multiuser" (DEM) zu starten, eine Fortführung des DEM-Emulators der einst sehr populären Nixdorf 8850, die noch in älteren KFZ-Werkstätten gesichtet werden kann. Die Software wurde bis vor kurzem von der Firma Daum Datentechnik vertrieben. Außerdem gibt es Vorträge und eine Anleitung, wie man kopiergeschützte Software für den C64 mit Hilfe normaler PCs doch kopieren kann, auch wenn die Hersteller raffinierte Schutzmechanismen entwickelt hatten. Im Gegensatz zum Knacken des Kopierschutzes aktueller Software ist das Vorgehen legal. Dies nicht deshalb, weil die Rechteinhaber, so sie denn noch existieren, keine Einwände haben: Rechtlich gesehen werden vielmehr keine Raubkopien angefertigt, sondern es wird Software gerettet, die die Lauffähigkeit eines Systems absichert. Bleibt zu hoffen, dass nicht nur Tanja Nolte-Berndel das VCFE im Münchener Osten besucht. (Detlef Borchers) / (jk)

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