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Richard Stallman fordert umfassende Urheberrechtsreform

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Richard Stallman, Gründer der Free Software Foundation (FSF), hat sich dafür ausgesprochen, Urheberrechte nach fünf Jahren auslaufen zu lassen. Er wollte ursprünglich den Vorschlag machen, das Copyright auf zehn Jahre nach der Publikation eines Werks zu begrenzen, erklärte er in einem Vortrag am Mittwoch in Berlin. Seiner Erfahrung nach seien aber nach drei Jahren ohnehin fast alle Bücher vergriffen, sodass ausreichend Zeit zum Abverkauf bliebe. Ein Romanautor habe ihm aber einmal verdeutlicht, dass ein Frist von zehn Jahren "nicht tragbar" sei. Diesem habe einmal ein Verlag bereits nach kurzer Zeit weisgemacht, sein Buch sei trotz überschaubarer Verkäufe nicht mehr lieferbar. Ein Nachdruck in Eigenregie sei ihm unter Verweis auf die überlassenen Verwertungsrechte untersagt worden.

Richard Stallman in Berlin.

(Bild: Stefan Krempl)

Im 17. Jahrhundert habe das Urheberrecht als rein industrielle Regulierung für Verleger Fuß gefasst. Damals habe es zunächst für 14 Jahre gegolten, handschriftliche Kopien seien nicht verboten gewesen. Das Copyright sei damals letztlich nicht nur für den Autor, sondern auch für die Allgemeinheit nützlich gewesen, da es Anreize geboten habe, weitere Werke zu schaffen, Ideen zu verbreiten und den Fortschritt zu beflügeln, erläuterte Stallman. Die Einführung neuer Reproduktionstechniken nach der Druckerpresse sei von den Verlagen aber immer wieder als Argument für die Notwendigkeit breiterer und längerer Schutzrechte ins Feld geführt worden.

(Bild: Stefan Krempl)

Die Regierungen, die die Interessen der Konzerne und nicht die der Bürger verträten, hätten mit dem Verweis auf die nötige "Harmonisierung" der "kranken" Copyright-Systeme Verwerterrechte immer weiter ausgedehnt. Im Zeitalter der Bits und Bytes habe die Industrie schließlich mit Systemen zum digitalen Rechtekontrollmanagement (DRM) Inhalten "Fesseln" angelegt, um die "totale Kontrolle" über die Mediennutzung zu erlangen. Wie üblich sparte Stallman nicht mit beißender Kritik an Branchengrößen wie Amazon, Apple, Microsoft oder Sony, die ein "Pay-per-View-Universum" anstrebten und mit ihren proprietären, mit Hintertüren versehenen Programmen und Geräten "Malware" verbreiteten.

Vor zwei Jahren sah Stallman die 5-Jahres-Frist wegen einer möglichen Aufweichung des Copyleft-Prinzips noch skeptisch, nun macht er sich für abgestufte Nutzungsfreiheiten für unterschiedliche Werksgattungen stark. Funktionale Arbeiten, die für die praktische Verwendung bestimmt seien, "müssen frei sein" im Sinne freier Software. Einer kommerziellen Verwertung will er in dieser Kategorie, zu der er unter anderem Computerprogramme, Rezepte, Lehrbücher oder Referenzartikel wie in der Wikipedia zählt, nicht prinzipiell widersprechen. Es müsse aber möglich sein, solche Werke abzuändern und für den privaten Gebrauch etwa über Filesharing-Netze auszutauschen. Diese Netze sollten vollständig legalisiert werden.

Das Auditorium musste wegen Überfüllung geschlossen werden.

(Bild: Stefan Krempl)

Die Freiheit des Teilens von Inhalten hält Stallman für alle Gattungen für unerlässlich, zumal ihr nur mit "grausamen und ungerechten Maßnahmen" Einhalt geboten werden können, zum Beispiel indem Internetanschlüssen gekappt werden. Es müsse etwa auch bei Essays, Autobiographien oder wissenschaftlichen Arbeiten, die allesamt die Denkweise eine Autors wiedergäben, möglich sein, für unkommerzielle Zwecke Kopien übers Internet zu vertreiben. Es sollten aber keine modifizierte Versionen vertrieben werden dürfen, da sie die Absicht des Autors fälschlich darstellen könnten. Für die dritte Klasse der Kunst- und Unterhaltungsinhalte hält es Stallman für angemessen, Modifikationen erst nach zehn Jahren zuzulassen. Remixe müssten aber auch bereits während dieser Zeit erlaubt sein, da damit Werke geschaffen würden, die mit den ursprünglichen nicht mehr viel gemein hätten.

Dass die Unterhaltungsindustrie von dieser Initiative wenig halten dürfte, nimmt Stallman in Kauf. Den Vorwurf, damit etwa den Plattenfirmen ihr "geistiges Eigentum" zu stehlen, hält der Pionier für lächerlich, denn diese hätten schließlich bereits die Künstler mit ausbeuterischen Verträgen beraubt. Da die Musikindustrie auch Teenager zuhauf wegen Filesharing vor Gericht bringe, spricht Stallman ihr jegliche Daseinsberechtigung ab. Es sei an der Zeit, sie "auszulöschen". Da auch Hollywood "systematisch Müll erzeugt", würde Stallman der Filmindustrie ebenfalls keine Träne nachweinen. Er ist sich aber sicher, dass die Medienwirtschaft größtenteils auch mit seinem Konzept überlebe und noch ausreichend Einnahmequellen habe. Für die Bezahlung von Künstlern hat Stallman bereits in seiner jüngsten Kritik an E-Book-Readern wie Amazons "Schwindel-Kindle" zwei Wege beleuchtet: Einmal schwebt ihm hier eine Abgabe auf Leer-CDs oder Internetzugänge im Stil einer Kulturflatrate vor. Darüber hinaus plädiert er dafür, Systeme zum freiwilligen Spenden für Online-Inhalte zu vereinfachen. (Stefan Krempl) / (anw)

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