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Robo-Recruiting: Künstlich intelligente Personalentscheidungen

Nur 15 Minuten am Telefon oder 300 Worte im Anschreiben braucht Software, um eine Bewerber-Persönlichkeit zu analysieren. Wir haben es ausprobiert.

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Robo-Recruiting: Künstlich intelligente Personalentscheidungen

Erst die Programm-Analyse, dann folgt das Bewerbungsgespräch.

(Bild: dpa)

Der Auftrag hörte sich interessant an und der Text schien leicht zu schreiben. Zwei gute Gründe, um anzunehmen. Zusammengefasst ergaben meine Vorabrecherchen: Software erstellt aufgrund von Sprache oder Texten ein detailliertes Persönlichkeitsprofil, sodass es Unternehmen Informationen darüber liefert, ob ein Bewerber zur Firma passt oder worin eine Führungskraft persönliche Defizite hat. Was gesagt oder geschrieben wird, spielt keine Rolle. Es kommt allein darauf an, wie gesprochen und wie geschrieben wird, etwa in welchem Verhältnis positive oder negative Worte verwendet? Künstlich intelligent sollen die Programme zudem sein und es soll alles ziemlich schnell gehen. Das sind viele Versprechungen für wenig Aufwand. Ich wurde skeptisch.

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Dann überraschte mich, wie viele und bekannte Firmen das Programm zur Sprachanalyse nutzen, darunter die AOK. Ein weiterer Anwender ist der drittgrößte deutsche Versicherungskonzern Talanx aus Hannover. Dessen Personalchef Thomas Belker war bereit, mir Auskunft darüber zu geben, für welchen Zweck die Software genutzt wird und ob sie Personalentscheidungen sicherer macht. Seit einem Jahr setzt Talanx das Programm zur Personalauswahl und Personalentwicklung auf der oberen Führungsebene ein, etwa um neue Vorstandsposten zu besetzten oder das Führungsverhalten von leitenden Angestellten zu verbessern.

Programm-Analyse als Grundlage für Gespräch

"Die Kandidaten können von überall aus und jederzeit das Interview führen. Es dauert nicht lang, die Ergebnisse liegen schnell vor und das Verfahren ist deutlich kostengünstiger", sagt Belker. Die früher durchgeführten, oft Tage dauernden Assessmentcenter wurden ersatzlos gestrichen.

Die Informationen, die das Programm über den Kandidaten liefert, sind Grundlage für das folgende persönliche Gespräch. Das Programm zeigt Ausprägungen in vordefinierten Merkmalen, etwa den Charakterzügen, ob jemand leistungsbereit ist, vielleicht dominant. Die Ergebnisse werden in einer Skala von 1 bis 9 dargestellt im Vergleich zu einer repräsentativen Grundlage an Probanden, die im Programm hinterlegt ist.

Innovators Summit AI

Precire stellt seine Lösungen auf dem Innovators Summit AI vor, der am 20. und 21. November in München stattfindet. Der Kongress zu den brennenden Fragen beim Thema Künstliche Intelligenz behandelt unter anderem AI und Hirnforschung, Quantencomputer und Maschinelles Lernen, in die Irre geführte AI - und jede Menge Use Cases. Bei der Anmeldung profitieren Sie bis zum 22.10. von 15 Prozent Frühbucherrabatt.

"Alle haben bislang gerne mitgemacht, weil sie das Verfahren spannend finden und sie neugierig sind auf die Erkenntnisse über sich selbst", sagt Belker. Zwei bis drei Tage nach dem Test findet ein Feedbackgespräch beim Anbieter der Software mit einem Psychologen statt. Zuletzt wird der Teilnehmer gefragt, ob die Ergebnisse an Talanx geschickt werden dürfen. Erst dann erhält sie Belker.

Sprache wirkt

Nach bisher einem Jahr hat die Versicherung noch keine statistisch belastbaren Werte, ob die Personalentscheidungen mithilfe der Software erfolgreicher sind als ohne. "Vom Gefühl her schon", sagt Belker. Das Telefonat mit ihm ist keines wie die meisten anderen in den vielen Jahren journalistischer Tätigkeit. Der Mann wirkt offen, scheint ehrlich und interessiert. Genau das habe ich ihm als mein Feedback am Ende des Telefonats gesagt. Das hat ihn wenig überrascht: "Ich habe den Test selbst gemacht und daraufhin an meiner Sprache gearbeitet." Seitdem formuliert er positiver und adressatengenau.

Er spricht flüssig, aber nicht zu schnell, er hebt und senkt die Stimme, seine Worte sind passend. Das wirkt, stelle ich fest. Zurück bleibt die Erinnerung an einen sympathischen Mann, ohne ihn wirklich kennengelernt zu haben. Woher das kommt, erfahre ich im nächsten Gespräch mit einer Mitarbeiterin der Softwarefirma Precire aus Aachen. Von dort stammt die Software. "Sprache ist eine unserer stabilsten Gewohnheiten. Damit drücken wir aus, wer wir sind und spiegeln unsere Wahrnehmung der Welt und deren Umstände", erklärt Anja Linnenbürger, gelernte Psychologin und nun Leiterin der psychologischen Entwicklung. Eine Sprachanalyse verrät so viel über einen Menschen wie ein EKG über das Herz. Dass das ordentlich pumpt kann genauso trainiert werden wie ein sympathisches Sprachbild.

Ein Bewerbungsprozess hat immer unterschiedliche Perspektiven. Eine ist die fachliche Eignung, bei Precire geht es um die Persönlichkeit. Software der Firma identifiziert und entschlüsselt menschliche Sprachmuster, so dass psychologische Rückschlüsse auf kommunikative und persönliche Kompetenzen sowie die erzeugte Wirkung von Sprache möglich sind. Diagnostik fürs Recruiting ist ein Geschäftsbereich, der größere jedoch ist die Personalentwicklung. "Unser Ansatz ist immer, Stärken zu fördern", erläutert Linnenbürger. Das gelingt mit den Erkenntnissen der Softwareanalyse individueller als nach dem Gießkannenprinzip, wenn beispielsweise alle Manager Durchsetzungsfähigkeit trainieren sollen. Precire will helfen, Personalentwicklung zu individualisieren.

Auf einer einen Seite Sprache rein, auf der anderen Psychologie raus

Die Firma digitalisiert Psychologie. Auf der einen Seite kommt Sprache rein, auf der anderen Psychologie heraus. Machine Learning macht das möglich. Ein anderer Ausdruck dafür ist Künstliche Intelligenz. "Ein Computerprogramm ist künstlich intelligent, wenn es Daten mit statistischen Methoden interpretieren kann", sagt Simon Tschürtz, einer der beiden Gründer des Startups '100 Worte Sprachanalyse' in Heilbronn. Das Unternehmen analysiert Texte. 300 bis 500 Worte sind für die Analyse notwendig, um die Soft-Skills eines Bewerbers zu erkennen oder die Zufriedenheit von Mitarbeitern zu messen. Mehrere Personaldienstleister und einige größere Industrieunternehmen sind Kunden des Startups. "Menschen machen Fehler in der Personalauswahl, Software ist objektiver", sagt der Gründer. In mehreren Studien sei nachgewiesen worden, dass die Maschine in der Personalauswahl besser ist als der Mensch.

Das Bewerbungsschreiben und ein eher allgemeiner Fragebogen zum Beruf dienen als Dateninput. Darüber läuft die Software. Die zeigt im Ergebnis, ob ein Bewerber die in der Stellenausschreibung gewünschten Eigenschaften hat, ebenfalls unterteilt auf einer Skala. Dieser Wert kann nun wahlweise mit der Weltbevölkerung oder anderen Bewerbern verglichen werden. "Unsere Analyse zieht ihre Schlüsse aus einer Mischung aus dem, was man schreibt und wie man es schreibt", erklärt Tschürtz. Wer häufig Artikel verwendet, macht seine Sprache damit genau und das wiederum ist ein gutes Merkmal für analytische Fähigkeiten. Doch manche Worte sind zweideutig: "Königin" etwa oder "Sorge". "Umsorgt" ist positiv, "besorgt" negativ. Künstlich intelligente Software kombiniert andere Worte mit den fraglichen in einem Text oder in der Sprache, um so die gemeinte Bedeutung zu erkennen.

Einen Text über Analysesoftware für die Eignungsdiagnostik zu schreiben, war demnach theoretisch durchaus möglich. Aber ich hatte ein ungutes Gefühl, weil keinerlei praktische Erfahrung mit solcher Art von Software, wie die allermeisten Menschen eben auch nicht. Kann eine Software tatsächlich innerhalb von 15 Minuten oder anhand von 300 Worten die Persönlichkeit eines Menschen seriös analysieren? Ich wollte es wissen und habe den Selbsttest bei Precire gemacht. Ein digitales 360-Grad-Assessment ohne speziellen Anwendungsbereich mit dem Ziel herauszufinden, was sich in der Breite aus meiner Sprache ableiten lässt, etwa deren kommunikative Wirkung, meine aktuelle Stresslage und prägende Charakterzüge.

Der Test hat mir jeden Zweifel an den Fähigkeiten des Programms genommen. Selbst- und Fremdbild sind vollständig deckungsgleich. Hätte ich die Wahl, würde ich den Computer dem Personaler eindeutig vorziehen.

Veranstaltungshinweis: Peter Klingspor, CEO von Precire, stellt sein System auf dem Innovators Summit AI am 20. und 21. November in München vor. (anw)

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