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Robo-philosophy: Führt künstliche Intelligenz zu mehr Freiheit?

Zum Abschluss der Konferenz ging es um das große Ganze: Gesellschaftliche Umbrüche, Brückenbau zwischen Philosophie und Staat – und die religiöse Dimension von KI.

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CeBIT

Beziehungsmesse CeBIT: Die Kommunikationsmanagerin von Aldebaran, Aurora Chiquot, umarmt den humanoiden Roboter "Pepper".

(Bild: dpa, Ole Spata)

Er habe als Jugendlicher viel und gern in der Bibel gelesen, sagte Robert Trappl vom österreichischem Forschungsinstitut für künstliche Intelligenz (OFAI) im Abschlussvortrag der Konferenz Robo-philosophy in Wien. Eine göttliche Anleitung zum Tempelbau habe dann aber erhebliche Zweifel in ihm wachgerufen: Denn die genau vorgegebenen Maße deuteten darauf hin, dass dem vermeintlich allwissenden Gott offenbar die Zahl Pi unbekannt war.

Die Anekdote illustriert sehr schön die Herausforderung, der sich die Konferenz gestellt hat: Den Dialog zu befördern zwischen denen, die in Geschichten denken, und denen, die sich vornehmlich an Zahlen und Tabellen orientieren. Beides ist erforderlich, um intelligente Roboter und ihre Auswirkungen auf das menschliche Leben und die Gesellschaft zu begreifen. „In der hochspezialisierten Welt müssen Philosophen die Brückenbauer zwischen den verschiedenen Fachgebieten sein“, sagte Ko-Organisator Michael Funk von der Universität Wien am Ende der Tagung.

Dass dieser Brückenbau Fortschritte macht, zeigte sich unter anderem daran, dass mit Juha Heikkilä von der Europäischen Kommission und Catelijne Muller (EESC) erstmals auch Vertreter der staatlichen Verwaltung ihre Sichtweise einbringen konnten. Die ist stark durch Zahlen geprägt, die als Anleitung für den gesellschaftlichen Umbau aber kaum hilfreicher sind als die biblischen Vorgaben. Studien zur voraussichtlichen Auswirkung von künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt, so Muller, reichten von 9 Prozent gefährdeten Arbeitsplätzen über 47 Prozent bis hin zu nahezu 100 Prozent.

Arbeitsmarkt und Arbeitswelt würden sich ändern, sagte auch Heikkilä, aber wie genau sei unklar. Dagegen formulierte er ganz klar: „Die Europäische Kommission sieht die Digitalisierung als Treiber des Wachstums.“ Das brachte ihm die kritische Nachfrage ein, wo denn kulturelle und soziale Erwägungen blieben, es heiße doch Europäische Kommission, nicht Europäische Wirtschaftskommission.

Ein Zitat des britischen Schriftstellers Mark Fisher, das Peter Rantaša (Universität Wien) in die Diskussion einbrachte, bringt die Problematik recht gut auf den Punkt: „Es ist einfacher, sich den Untergang der Welt vorzustellen als den Untergang des Kapitalismus.“ Tatsächlich gibt es zahlreiche Bücher und Filme, die das Szenario einer Machtübernahme durch Roboter fantasievoll ausmalen.

Eine Zukunft, in der Arbeit keine Bürde mehr ist, sondern freier Ausdruck der Persönlichkeit, stellt die Vorstellungskraft von Geschichtenerzählern dagegen offenbar vor größere Herausforderungen. „Wenn künstliche Intelligenz zu größerer Freiheit führt“, fragte James A. Smith (University of London), „welche politischen Formen soll das dann annehmen? Was wollen wir mit dieser Freiheit anfangen? Was wollen wir tun?“

Vielleicht gehe es weniger darum, lautete ein Vorschlag in der Diskussion, sich die Zukunft im Detail vorzustellen, als ein Bewusstsein für die Tiefe des sich vollziehenden Umbruchs zu entwickeln. Der berührt eben viele Aspekte der menschlichen Identität und des sozialen Miteinanders. Der damit verbundenen Verunsicherung lässt sich mit Forderungen, die europäische Wettbewerbsfähigkeit zu fördern und das Wirtschaftswachstum weiter voranzutreiben, kaum begegnen.

Ein religiöser Zugang zum Thema ist da schon vielversprechender. Künstliche Intelligenz könnte zukünftig allgegenwärtig, allwissend und nahezu allmächtig sein, sagte Trappl. Damit sei sie Gott ähnlich. Tatsächlich gebe es mit Way of the Future bereits die erste KI-Kirche. Gegründet vom ehemaligen Google-Ingenieur Anthony Levandowski, strebt sie „eine friedliche und respektvolle“ Machtübergabe an die Maschinen an.

Trappl präsentierte das Projekt mit ironischer Distanz und erntete einige Lacher, als er sich eine Priester-Stola der neuen Kirche über die Schultern legte („eine katholische Stola wäre viel teurer“). Es fördere nicht gerade sein Vertrauen, dass Levandowski sich selbst zum Dekan auf Lebenszeit berufen habe.

In der sich anschließenden Diskussion räumte er gleichwohl ein, dass es im Zusammenhang mit intelligenten Robotern ein Bedürfnis nach neuer spiritueller Orientierung gebe. Schließlich seien die abrahamitischen Religionen (Christentum, Islam, Judentum) historisch mit dem Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit verbunden, der mit der Landwirtschaft auch die Arbeit in die menschliche Existenz gebracht habe. Wenn aber der Stellenwert der Arbeit sich grundlegend ändert, wenn zukünftig niemand mehr sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen muss, welche Bedeutung können diese Religionen dann noch haben? (odi)

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