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RoboCup German Open: Eine Spielkonsole ändert alles

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Am dritten und vorletzten Tag der zehnten RoboCup German Open herrscht in den Magdeburger Messehallen immer noch eine ungewöhnlich entspannte Atmosphäre. Zwar haben die Veranstalter mit über 1100 Teilnehmern mehr als je zuvor gezählt, dennoch herrscht weniger Gedränge und Aufgeregtheit als in früheren Jahren.

Das hat zum einen damit zu tun, dass sich das Geschehen in diesem Jahr erstmals auf drei statt zwei Hallen verteilt. Zum anderen gibt es zugleich weniger Spielfelder. Die Middle Size League, bei der diesmal nur vier Teams teilnehmen, kommt mit einem Feld aus. Es ist etwas abseits in Halle drei aufgebaut, wo auch die Spiele der Mixed Reality stattfinden. Die Small Size League fehlt ganz, weil sich nicht genug Teams angemeldet haben.

Dadurch ist nicht nur mehr Platz für die Besucher zum Herumschlendern, es gibt auch mehr Leerlauf. Während in dichter gepackten Hallen immer irgendwo etwas passiert, kommt es jetzt öfter vor, dass auf allen Spielfeldern in Sichtweite gerade Pause ist. Da kann leicht der Eindruck von Stagnation entstehen. Aber das täuscht, denn tatsächlich findet in den Ligen der Rettungs- und Haushaltsroboter gerade eine Umwälzung statt, deren Auswirkungen noch gar nicht abzusehen sind.

RoboCup German Open 2011 - Tag 3 (4 Bilder)

Kein schöner Kopfschmuck, aber ein Sensor mit unschlagbarem Preis-Leistungs-Verhältnis: Kinect auf dem Kopf von NimbRos Dynamaid bei RoboCup@home.

Das große Thema dieser German Open ist der neue Kinect-Sensor. Microsoft brachte ihn im November 2010 für die Xbox 360 auf den Markt. Er registriert Bewegungen mit so großer Genauigkeit, dass die Spieler keine weitere Hardware benötigen, um die Konsole zu kontrollieren. Das Besondere an diesem Sensor aber ist sein Preis: Er geht für 150 Euro über den Ladentisch. Bisher mussten RoboCup-Teams das 30- bis 40-fache investieren, um etwa mit Laserscannern eine vergleichbare Leistung zu erreichen. Kein Wunder, dass der flache schwarze Kasten jetzt bei RoboCup@home und RoboCup Rescue auf der Mehrheit der Roboter zu sehen ist.

"Kinect projiziert strukturiertes Infrarotlicht, dessen Reflektionen von einem seitlich etwas versetzten Sensor empfangen werden", erklärt Sven Behnke vom Team NimbRo der Universität Bonn. „Aus den Veränderungen des bekannten Lichtmusters lässt sich die dreidimensionale Struktur der reflektierenden Körper errechnen.“ Die Auswertung des Bildes liefert eine ähnliche Punktwolke, wie sie sonst mit Laserscannern erzeugt wird. Das Auflösungsvermögen reicht aus, um aus einem Meter Entfernung Gesichtsausdrücke unterscheiden zu können. Eine weitere Kamera liefert Farbinformationen. Außerdem enthält der Sensor noch ein Mikrofonarray.

Sein volles Potenzial für die Robotik wird Kinect sicherlich erst im Lauf der kommenden Monate entfalten. Dennoch wird das Gerät schon jetzt von vielen als "Game-Changer" bezeichnet, was sicherlich nicht übertrieben ist. Gut möglich, dass im nächsten Jahr auch RoboCup Junior Teams damit arbeiten.

Vergleichbares ist bei den Fußballwettbewerben bislang noch nicht zu erkennen. Obwohl die Entwicklung natürlich auch hier nicht stillsteht. So wurde etwa in der 3-D-Simulation die Zahl der Spieler auf neun pro Team erhöht. Da in dieser Liga humanoide Nao-Roboter mit den korrekten Maßen und Gewichtsverteilungen physikalisch simuliert werden, fallen hohe Datenmengen an. Damit der Austausch zwischen dem Soccerserver, der den Zustand auf dem Spielfeld errechnet, und den Computern zur Steuerung der Spieler in Echtzeit erfolgen kann, ist ein Netzwerk erforderlich, das pro Sekunde 30 Megabit bewältigt. Am Abend vor der Turniereröffnung hatte Hans-Dieter Burkhard in einem Festvortrag anlässlich des Jubiläums der German Open erzählt, wie bei der ersten RoboCup-WM im Jahr 1997 noch ein kompletter PC für die Simulation eines einzelnen Spielers in der 2-D-Simulation erforderlich war.

Mit neun gegen neun Spielern bewegt sich die 3-D-Simulation allerdings an der Grenze des gegenwärtig Machbaren. Das hat zur Folge, dass die Spiele an Attraktivität für den Zuschauer erst einmal verlieren: Die Spieler stürzen oft, manche bewegen sich ziellos oder gar nicht. Einige Teams sind aber auch schon in der Lage, gezielte Pässe zu spielen.

Schöne Pässe gab es im vergangenen Jahr auch bei den realen Robotern der Middle Size League zu sehen. Besonders gut beherrschten die Spieler von Tech United das Pass-Spiel, verpassten aber trotzdem ganz knapp den Weltmeistertitel. "Wir haben unsere Technik weiter verbessert", sagt René van de Molengraft, technischer Leiter des Teams. "Jetzt sind wir auch in der Lage, Pässe aus der Bewegung heraus zu spielen." Bislang konnten die Roboter das nur mit einem ruhenden Ball, das allerdings mit großer Präzision. Die Niederlage in letzter Sekunde vom letzten Jahr hätten sie immer noch nicht ganz verdaut, so Molengraft. Dennoch seien sie entschlossen, diesmal Weltmeister zu werden. Derzeit ist nicht zu erkennen, wer sie auf dem Weg dorthin aufhalten sollte. Der Titelgewinn bei den German Open ist ihnen jedenfalls schon so gut wie sicher. (Hans-Arthur Marsiske) / (mst)

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