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RoboCup-WM: Fangesänge können täuschen

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Es sieht so leicht aus. Der Ball liegt direkt vor der Fußspitze, der Weg zum gegnerischen Tor ist frei. Der Spieler müsste nur einmal das Bein durchschwingen lassen und der Treffer wäre so gut wie sicher. Doch er trippelt nur um den Ball herum, fällt um oder bewegt sich gar nicht. Es ist dann eben doch nicht so einfach, einem Roboter das Fußballspiel beizubringen. Hinzu kommt, dass die Systeme erst einmal auf die jeweiligen Spielverhältnisse eingestellt werden müssen. Am ersten Spieltag der diesjährigen RoboCup-Weltmeisterschaft in Istanbul gab es daher noch kaum spektakuläre Szenen zu sehen. Wohl aber zeichnen sich hier und da schon Stärken und Schwächen ab.

Die Nao-Roboter des Teams rUNSWift aus Australien etwa laufen in der Standard Platform League mit kleinen Schritten schnell und zielsicher zum Ball, verlieren dann aber Zeit mit der Suche nach der richtigen Schussposition. Bei den Spielern des Weltmeisterteams B-Human von der Universität Bremen sah das schon geschmeidiger aus. Aber auch hier gibt es Optimierungspotenzial. Grundsätzlich sollen sich die Roboter bereits während des Laufens zum Ball auf das gegnerische Tor ausrichten, so dass mit dem letzten Schritt zugleich die Schussposition erreicht wird. "Wir arbeiten daran, den Robotern Schüsse aus dem Laufen heraus zu ermöglichen", sagt Teamleiter Thomas Röfer. Allerdings werde über die Schrittweite auch das Gleichgewicht geregelt. Eine kleine Unebenheit im Boden könne dazu führen, dass eine hundertprozentige Torchance versemmelt wird. Wie im richtigen Leben eben.

Team eRasers (RoboCup@home League)

Bei den Robotern der Humanoid League sieht es ähnlich aus. Da steht ein Spieler der FUmanoids zwar mit einer eleganten Rolle rückwärts wieder auf. Aber besser wäre es natürlich, er würde gar nicht erst hinfallen. Im Vorrundenspiel gegen die WF Wolves hatte die mangelhafte Balance noch keine gravierenden Folgen, denn die Spieler des Gegners standen vor allem deswegen stabiler, weil sie sich ansonsten fast gar nicht bewegten. Solche Auftaktkapriolen dürfen den Zuschauer nicht täuschen. Mit Anfangsschwierigkeiten haben praktisch alle Teams zu kämpfen. Doch die meisten scheinen die Grundlagen des Laufens und Kickens gut zu beherrschen. Bis zum Sonntag werden sich viele von ihnen noch deutlich steigern.

Das gilt ebenso für die Ligen der rollenden Roboter. Zur Zeit ist es für einen Zuschauer, der durch die Hallen schlendert, noch Glückssache, ein interessantes Spiel zu erleben. Oft steht man an einem Feld, wo das Spiel gerade nur zäh vorankommt, hört plötzlich lauten Jubel aus der anderen Ecke der Halle und denkt sich: Mist, wieder zur falschen Zeit am falschen Ort.

Robocup-WM: Impressionen vom 1. Spieltag (6 Bilder)

Sichere Chance? Von wegen! Der Mannheimer Roboter schafft es auch aus dieser Position, das Tor zu verfehlen...

Aber auch die Fangesänge können täuschen. Heute waren es die Tigers Mannheim, die in der Small Size League ordentlich Krach gemacht haben – was aber mitnichten mit einem ansehnlichen Spiel zu tun hatte, sondern eher mit der guten Laune der 30 Teammitglieder, die zum ersten Mal an einer RoboCup-WM teilnehmen. In ihrer ersten Turnierbegegnung sollten sie gegen das Team bochica:Bochica aus Kolumbien antreten, doch die Roboter des Gegners waren nicht spielbereit. Also spielten die Mannheimer auf ein verwaistes Tor. Das erwies sich als schwierig genug. Die Roboter schafften es jedenfalls oft genug, selbst aus kurzer Distanz daneben zu schießen, trafen aber auch mehrmals – jedes Mal laut bejubelt von den Cheerleaders.

An sich ist die Small Size League, bei der die Roboter Bilder von Kameras verarbeiten, die von oben auf das Spielfeld gerichtet sind, ein Garant für sehr schnelle Spiele mit raffinierten Kombinationen. Einen Vorgeschmack bot das Training des amtierenden Weltmeisters Skuba aus Thailand. Dort ging es sehr viel ruhiger zu. Konzentriert schauten die Teammitglieder auf ihre Computermonitore, während ein Roboter immer wieder auf den rollenden Ball zu fuhr und ihn aus der Bewegung heraus aufs Tor kickte. Hier war das dominierende Geräusch das prägnante Knacken, wenn der Ball auf die Rückwand des Tores prallte.

Iranische Middle-Size-Roboter

In der Middle Size League, in der die Roboter alle Sensoren und Computer an Bord haben müssen, ist noch alles offen. Zwar ist das iranische Team MRL mit neuen Robotern angereist, die sich im Spiel gegen 5dpo aus Portugal als schnelle Dribbler erwiesen, den Ball aber unnötig oft ins Aus spielten. Hier wird entscheidend sein, wie gut die Teams ihre Roboter bis Sonntag noch optimieren können.

Während die Zuschauer zwischen den verschiedenen Fußballfeldern hin und her pendelten, mussten sie aufpassen, nicht mit den Haushaltsrobotern vor der RoboCup@home-Arena zusammen zu stoßen. Denn die sollten dort heute zeigen, wie gut sie einem Menschen folgen können. Ausgerechnet das mehrfache Weltmeisterteam „eRasers“ aus Japan musste hier passen. Aber der neue Roboter hat innerhalb der Arena bei den folgenden Wettbewerben wie der Personenerkennung, dem Finden von Objekten und vor allem der frei wählbaren Open Challenge noch reichlich Gelegenheit, diesen Fehler auszugleichen. Geplant ist auch, wie im letzten Jahr mit den Robotern in einen realen Supermarkt zu gehen. Anders als in Singapur ist allerdings kein geeigneter Laden in Laufnähe. Es könnte daher am Transport und dem dafür nötigen Zeitaufwand scheitern. (Hans-Arthur Marsiske) / (jh)

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