RoboCup-WM: Neue Bewegungsformen der Roboter erhöhen die Ballbeherrschung

Schnelle stolpernde Roboter, ein unfair spielendes Team und ein angeschlagenes Hüftgelenk – der zweite Wettbewerbstag der RoboCup-WM bot einige Abwechslung.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 1 Beitrag

(Bild: Hans-Arthur Marsiske)

Von

Bei der RoboCup-WM in Sydney kam es am Freitag zu einigen Begegnungen, die den Charakter von vorgezogenen Finalspielen hatten. So traten in der Humanoid Adult Size die Teams NimbRo (Uni Bonn) und Hephaestus (Tsinghua University) gegeneinander an, beides potenzielle Kandidaten für das Endspiel. Interessant war es, die beiden unterschiedlichen Gangarten zu beobachten: Der chinesische Roboter lief mit ständig gebeugten Knien und verlagerte das Gewicht durch Bewegungen der Hüfte bei jedem Schritt. Die Bewegungen waren zwar langsamer als bei NimbRo, dafür waren die Schritte mit ungefähr einer Fußlänge größer, sodass sich in etwa die gleiche Gesamtgeschwindigkeit ergab wie beim Bonner Gegenspieler. Der machte kürzere, dafür aber schnellere Schritte.

Entschieden wurde das Spiel dann allerdings nicht durch die reine Bewegungsgeschwindigkeit, sondern durch die bessere Orientierung und Ballbeherrschung bei NimbRo, das die Partie mit 4:0 für sich entschied. Bei einem Tor war sehr schön zu sehen, wie der Roboter direkt aus dem Laufen heraus schießen kann: Statt sich bei Erreichen des Balls erst einmal hinzustellen, aufs Tor auszurichten und dann den Ball zu kicken, wurde das Bein, das mit dem nächsten Schritt den Ball berührt hätte, vorher etwas weiter zurückgeschwungen. Am Ende war damit dann doch die Geschwindigkeit ausschlaggebend, wenn auch nicht die des Laufens allein, sondern die des Wechsels zwischen verschiedenen Bewegungsformen.

Ähnlich sah es in der 3D Soccer Simulation League aus, in der der FC Portugal auf das chinesische Team WrightOcean traf. Die bemerkenswerten Sprintqualitäten der portugiesischen Spieler ließen sie zwar oft den Ball eher erreichen als der Gegner, doch konnten sie diesen Vorteil nicht nutzen, weil das Umschalten zu anderen Bewegungsformen zu lange dauerte. Auch die häufigen Stürze trugen dazu bei, dass sie sich am Ende mit 4:0 geschlagen geben mussten.

In der Middle Size League trafen mit Tech United (TU Eindhoven) und Water (Beijing Information Science & Technology University) zwei Teams aufeinander, die so etwas wie ein Abonnement auf das Endspiel haben. Bei der vergangenen RoboCup-WM verscherzte sich Water die Finalteilnahme nur, weil ein Teammitglied während des Halbfinales offenbar versuchte, das Spiel durch das Senden von Computerbefehlen zu beeinflussen, was zur sofortigen Disqualifikation führte. Beim Stand von 3:2 für Tech United wurde beim chinesischen Team jetzt offenbar wieder jemand nervös: Nachdem die Übermittlung von Datenpaketen beobachtet wurde, brach der Schiedsrichter das Spiel ab.

Bis dahin war es eine großartige Begegnung gewesen, mit erstaunlich präzisen, weiten Pässen, spannenden Zweikämpfen und gut herausgespielten Toren. Beide Teams haben sich seit der letzten WM offensichtlich gut weiterentwickelt. Da es sich um ein Vorrundenspiel handelte, einigte man sich darauf, es für Water als Niederlage aufgrund eines Regelbruchs zu werten. Es ist gewissermaßen eine gelbe Karte für das chinesische Team, die hoffentlich ernst genommen wird.

RoboCup-WM 2019: Der zweite Wettkampftag (12 Bilder)

Blick in die zu einer Halle vereinten Hallen 1-4 des ICC Sydney. Dass alle Ligen des RoboCup in einer Halle untergebracht werden können, ist ungewöhnlich.
(Bild: Hans-Arthur Marsiske)

Von den insgesamt sieben Middle-Size-Teams, die nach Sydney gekommen sind, nehmen zwei zum ersten Mal an dem Wettbewerb teil. Der französische Robot Club Toulon sei zwar noch nicht so weit, an den regulären Spielen teilzunehmen, sagte Bernardo Cunha vom Technischen Komitee der Liga. "Bei der Technical Challenge waren sie aber sehr stark. Bei der Weltmeisterschaft im nächsten Jahr in Frankreich werden sie bestimmt einiges zu bieten haben."

Bemerkenswert ist auch die Teilnahme eines Teams aus Indonesien, einem Land, das bisher noch nicht beim RoboCup vertreten war. Das Indonesien nun ausgerechnet in der materiell aufwendigsten Liga sein Debüt feiert, ist umso überraschender. Sie hätten in den vergangenen drei Jahren an mehreren nationalen Wettbewerben in Indonesien teilgenommen, sagte ein Mitglied des Teams IRIS aus Surabaya. Die Erfahrung war sichtbar: Zwar unterlag das Team 0:4 gegen das chinesische Team NuBot, machte es seinem Gegner dabei aber durchaus schwer. Cunha zeigte sich überrascht zu erfahren, dass es in Indonesien 90 Middle-Size-Teams geben soll. Das gebe der Liga, die seit einigen Jahren ums Überleben kämpft, einige Hoffnung.

Die Erwartungen an eine Begegnung am Abend in der Humanoid Adult Size mussten dagegen leider heruntergeschraubt werden: Im Spiel NimbRo gegen Sweaty (Hochschule Offenburg), konnten die Offenburger nur mit einem Roboter antreten, weil der andere sich die Hüfte verknackst hat. Es ist nur ein kleiner Riss, aber das Risiko nicht wert, ihn in einem weniger wichtigen Vorrundenspiel womöglich zu vertiefen. "Solange er noch läuft, heben wir ihn uns für die wichtigen Spiele auf", sagte Stefan Glaser vom Offenburger Team.

Wer die wichtigen und auch die weniger wichtigen Spiele beim RoboCup live mitverfolgen möchte, hat übrigens in diesem Jahr dazu so gute Möglichkeiten wie selten zuvor. Mehrere Ligen bieten Live-Übertragungen im Internet an. Eine Übersicht findet sich auf der Website RoboCup Live. Wer lieber ausschlafen möchte (Sydney ist der deutschen Zeitzone acht Stunden voraus), kann sich die Livestreams auch später ansehen. Außerdem laden viele Teams Videos ihrer Spiele auf Youtube hoch, mit Suchbegriffen wie "RoboCup Sydney" lassen sie sich leicht auffinden. Eine kleine Empfehlung: Das Qualifikations-Video von Tech United zeigt am Schluss in einer kurzen, aber eindrucksvollen, von Wilhelm Tell inspirierten Szene, welches Vertrauen die Niederländer in die Präzision ihrer Fußballroboter setzen.

In der Logistics League trafen mit Weltmeister GRIPS (TU Graz) und dem WM-Dritten Carologistics (RWTH/FH Aachen) ebenfalls zwei Favoriten aufeinander. Bei diesem Wettbewerb haben zwei Teams mit jeweils drei Robotern gleichzeitig die Aufgabe, einen Produktionsablauf durchzuführen. Vorgegeben sind lediglich Menge und Art der Produkte, die abgeliefert werden sollen. Die dafür erforderlichen Aufträge zum Transport der erforderlichen Teile und Zwischenprodukte an die Produktionsmaschinen müssen die Roboter autonom untereinander und im Kontakt mit den Maschinen organisieren.

Ulrich Karras, Mitbegründer der Liga, zeigte sich erfreut, dass mittlerweile hohe Punktzahlen erreicht würden. "Das zeigt, dass wir jetzt in den Bereich der Komplexität vordringen", sagte er. Eine Visualisierung erleichtert es den Zuschauern zudem, diese komplizierten und schwer durchschaubaren Vorgänge besser nachzuvollziehen. GRIPS konnte sich diesmal gegen Carologistics durchsetzen und zeigte dabei einige schöne, koordinierte Aktionen. (olb)