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RoboCup-WM: Wettkämpfe im Abseits

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Nicht alle Wettbewerbe der RoboCup-Weltmeisterschaft sind so leicht zu verstehen wie Fußball. Schon die RoboCup@home League für Haushaltsroboter macht es den Zuschauern nicht leicht. Zwar bewegen sich die Roboter in einer Wohnumgebung, doch es braucht Geduld und erfordert einiges an Erläuterung, um ihre Leistungen nachvollziehen und vergleichen zu können.

Noch schwieriger ist es bei den Wettbewerben für Rettungsroboter. Die Arena der Rescue Robot League ist nicht nur im entlegenen Winkel einer Halle aufgebaut, sondern auch mit Spanplatten eingezäunt, die das Geschehen weitgehend vor den Blicken der Zuschauer verbergen. Und selbst wer einen Platz findet, von dem aus die Bewegungen der Roboter auf dem Parcours mitverfolgt werden können, bekommt nur eine vage Idee davon, ob sie ihre Sache gut machen oder nicht. Das Bewertungssystem, mit dem die Sieger ermittelt werden, ist kompliziert und wird zudem von Jahr zu Jahr verändert.

Robocup-WM 2011 – Spiele im Abseits (5 Bilder)

RoboCup-WM 2011

Die RoboCup Rescue Arena ist so gestaltet, dass es die Roboter möglichst schwer haben, sich darin zurechtzufinden. Leider gilt das auch für die Zuschauer. (Bild: Hans-Arthur Marsiske)

Zwei Themen stehen hier im Mittelpunkt: Mobilität und Autonomie. Die Roboter sollen sich durch schwieriges, unwegsames Gelände bewegen können. Auch sollen sie sich möglichst selbstständig orientieren und Karten der Umgebung erstellen. Die Arena, in der die Wettbewerbe stattfinden, soll die Leistungen mess- und vergleichbar machen. Sie bildet daher nicht eine Katastrophenumgebung naturgetreu nach, sondern stellt eine Ansammlung schwieriger, aber genau reproduzierbarer Aufgaben dar.

Dabei passt sich die Arena im Lauf der Zeit der Entwicklung der Technik an. "Wir gehen jetzt mehr und mehr in die dritte Dimension", sagt Wettbewerbsleiter Johannes Pellenz. Das zeigt sich insbesondere an Plastikfässern, die nicht nur am Boden, sondern auch in der Höhe angebracht sind und es erlauben, die Qualität dreidimensionaler Karten zu messen. Da die Fässer über die Wände der Gänge gestülpt sind, vermessen die Roboter sie zunächst von der einen Seite und später von der anderen. Je nachdem wie genau sie navigieren und ihre Umgebung erfassen, erscheinen die Fässer später auf den Karten als gegeneinander verschobene Halbkreise oder geschlossene Kreise.

Autonome Roboter fahren aber nur durch die einfacheren Bereiche der Arena. Steile Rampen, Treppen und geröllartiger Untergrund, der durch Holzklötze simuliert wird, lassen sich nur mit Fernsteuerung bewältigen. Hier kommt es nicht nur auf sehr mobile Roboter an, die zumeist mit Raupenantrieben und beweglichen Flippern ausgestattet sind, sondern auch auf ein sorgfältig gestaltetes Interface, das dem Operator ein Gefühl für die Umgebung vermittelt. "Manche Teams nutzen hierfür auch Mikrofone, um aus den Geräuschen auf den Zustand des Roboters zu schließen", sagt Pellenz. Besonders gut schneiden hier regelmäßig Teams aus Thailand ab, die auch in diesem Jahr wieder zu den Favoriten zählen.

Auch japanische Teams konzentrieren sich in der Regel stark auf den Aspekt der Mobilität, sind aber in diesem Jahr schwach vertreten. Selbst der Mitbegründer der Liga, Satoshi Tadokoro, ist nicht angereist, weil er den Einsatz von Robotern zur Wasserprobenentnahme in der Ruine des Kernkraftwerks von Fukushima beaufsichtigt. "Das ist einerseits schade, weil wichtige Teams fehlen", so Pellenz. "Andererseits zeigt es aber auch, dass unsere Arbeit in die richtige Richtung weist."

Richtungsweisend sind gewiss auch die Nachwuchswettbewerbe im Rahmen des RoboCup Junior, die seit dem Jahr 2000 ausgetragen werden. Wer bis zum Jahr mit humanoiden Robotern die Fußball-WM gewinnen will, muss sich schließlich rechtzeitig darum kümmern, dass die dafür erforderlichen Ingenieure und Informatiker ausgebildet werden. Das klappt auch recht gut. Die Teilnehmerzahlen bei RoboCup Junior steigen kontinuierlich und betreuende Lehrer können Geschichten erzählen von Schülern, die wie verwandelt vom Turnier zurückkehrten und durch die Erfahrung ermutigt auf höhere Schulen wechselten.

Zuschauerfreundlich sind die Wettbewerbe allerdings nicht. Die Spielfelder für Fußball und einfache Rettungsszenarien sind so klein, dass außer den Schiedsrichtern, Teammitgliedern und vielleicht noch den nächsten Angehörigen kaum jemand Platz findet. Lediglich der Tanzwettbewerb, für den die Kinder und Jugendlichen eine Choreographie mit Robotern entwickeln müssen, findet auf einer Bühne statt und ist dadurch normalerweise auch einem größeren Publikum zugänglich. Bei dieser Weltmeisterschaft jedoch sind alle Junior-Wettbewerbe in einer niedrigen Halle untergebracht, in der viele Säulen die Bestuhlung einschränken. So finden diesmal leider auch die Tanzdarbietungen unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Hinzu kommt eine extrem schlechte Akustik. "Bei der Schiedsrichterbesprechung mussten wir schreien, um uns zu verständigen", sagt Henning Brandt, der 2006 den RoboCup Junior in Bremen mit organisiert hat und diesmal als Betreuer eines Teams nach Istanbul gekommen ist.

Brandt, der seit 2007 keine RoboCup-WM besucht hat, zeigte sich beeindruckt von dem gestiegenen Niveau. Er sieht darin ein Zeichen, dass sich eine lebendige Gemeinschaft herausgebildet hat, in der Wissen ausgetauscht und weitergegeben wird. Viele Teams haben inzwischen eigene Homepages und mancher Teilnehmer wird später, wenn er die Schule verlassen hat, zum Betreuer eines Junior-Teams. Andere nehmen, motiviert durch die Erfahrung des Wettbewerbs, ein Studium der Informatik oder Ingenieurwissenschaften auf.

Ähnlich wie für Rescue gilt demnach auch für RoboCup Junior: Der Wettbewerb funktioniert, auch wenn sich de Zuschauer das Geschehen nicht immer ohne weiteres erschließt. Bei den Fußball-Ligen wird das Zuschauen dagegen immer einfacher: Ausgewählte Spiele lassen sich nun über einen von den Veranstaltern eingerichteten Live-Stream verfolgen. Spiele der Middle Size League überträgt das niederländische Team Tech United auf der Team-Homepage. (Hans-Arthur Marsiske) / (anw)

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