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Roboter für Noteinsätze durchsuchen das "sicherste Atomkraftwerk der Welt"

In Österreich steht das Atomkraftwerk Zwentendorf. Da es nie in Betrieb genommen wurde, kann es nun für einen besonderen Roboterwettbewerb genutzt werden. Während der "Enrich" sollen winzige Stücke Kobalt-60 geborgen werden.

Roboter durchsuchen das "sicherste Kernkraftwerk der Welt"

Die Strahlungsquelle sollen die Roboter möglichst in diesem Behälter deponieren. Im Hintergrund ist der 60 Tonnen schwere Reaktordeckel zu sehen.

(Bild: Hans-Arthur Marsiske)

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Das Kernkraftwerk im österreichischen Zwentendorf wird gelegentlich als das "sicherste Atomkraftwerk der Welt" bezeichnet – weil es komplett fertig gebaut, aber nie in Betrieb genommen wurde. In der kommenden Woche wird die österreichische Kraftwerksruine diesen Titel aber wohl vorübergehend an den schnellen Brüter im deutschen Kalkar abtreten müssen (der mittlerweile einen Freizeitpark beherbergt). Denn in den kommenden Tagen soll in Zwentendorf radioaktive Strahlung gemessen werden. Beim Roboterwettbewerb Enrich sollen im Kraftwerksgebäude versteckte Strahlungsquellen mit Roboterhilfe gefunden und womöglich auch entfernt werden.

Es sind winzige Stücke Kobalt-60, nur wenige Millimeter groß, die in Behältern von der Größe eines Kugelschreibers transportiert und von Fachleuten des österreichischen Bundesheeres auf der obersten Etage des Kraftwerks deponiert werden. Die teilnehmenden Teams, deren Roboter von einem Kran zum Einsatzort in knapp 40 Meter Höhe gehoben werden, sollen dann dreidimensionale Karten der Umgebung erstellen, die Strahlungsintensität auf einer Karte erfassen und die Strahlungsquelle in einem bereit stehenden Eimer deponieren.

Nicht alle Teams nehmen in allen drei Kategorien teil. Einige konzentrieren sich auf Teilaufgaben wie die polnischen Teams CuFix und IMM, die sich auf die Erstellung dreidimensionaler Umgebungskarten beschränken. Das italienisch-schwedische Team Brokk hat dagegen genau diese Aufgabe ausgeklammert und will seine Fähigkeiten bei der Lokalisierung und Manipulation von Strahlungsquellen demonstrieren. Der schwere Roboter von Brokk wird für den Transport möglicherweise einen Spezialkran brauchen. Flyability wiederum konzentriert sich mit seinem Flugroboter Elios auf die Erstellung von Karten sowohl der Strahlung als auch der 3D-Umgebung, verzichtet aber auf die Manipulation.

Die übrigen sieben Teams treten in allen Wettbewerbskategorien an. Mit Hector und Rescube sind darunter auch zwei Teams, die vom RoboCup bekannt sind: Rescube (Ungarn) erreichte kürzlich bei den RoboCup German Open auf Anhieb den zweiten Platz, Hector (TU Darmstadt) wurde 2014 RoboCup-Weltmeister, gewann dort mehrmals den Spezialwettbewerb für autonome Funktionen und wurde kürzlich als Partner des Teams Argonauts Sieger der Argos Challenge zur autonomen Inspektion von Gas- und Ölplattformen.

Auf die Autonomie der Roboter ist bei Enrich allerdings kein spezieller Fokus gerichtet. Ohnehin ist die Veranstaltung weniger als Wettbewerb angelegt, sondern eher als Leistungsschau, die Fähigkeiten und Defizite aufzeigen soll – wie die Elrob (European Land Robot Trial), aus der Enrich hervorgegangen ist. Bei der vorletzten Elrob im vergangenen Jahr war die Strahlungssuche erstmals in einem konventionellen Gebäude probiert worden. Der Erfolg hat die Organisatoren vom Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie (FKIE) ermutigt, die Idee in einem realen Kernkraftwerk weiter zu verfolgen – dem vermutlich weltweit einzigen, in dem so etwas überhaupt möglich ist.

Wettbewerbsleiter Frank Schneider vom FKIE betonte bei der Begrüßung der Teilnehmer, das Ganze weniger als Wettkampf, sondern als gemeinsame Arbeit an einem Problem zu verstehen. Aus diesem Grund sei die Veranstaltung auch "Hackathon" genannt worden – was aber auch wiederum zu Missverständnissen geführt habe, weil der Begriff bei vielen offenbar Assoziationen zu Cyberkriminalität weckt.

Ein ursprünglich geplanter Workshop, der auf Wunsch der EU während des Hackathons stattfinden sollte, wurde wieder gestrichen, nachdem sich die EU kurzfristig aus der Förderung der Veranstaltung zurückgezogen hatte. Umso mehr dankte Schneider dem österreichischen Bundesheer, das sich ebenso kurzfristig bereit zeigte, die entstandene Lücke zu füllen. Dessen Vertreter General Michael Janisch erklärte knapp, warum auch das kernkraftfreie Österreich an dem Thema interessiert ist: Schließlich gebe es jenseits der Staatsgrenzen in geringer Entfernung genügend Atomkraftwerke.

"Auch Österreich muss vorbereitet sein", so Janisch, der in seiner Rede ansonsten auf den Superlativ "sicherstes Kraftwerk der Welt" zugunsten eines anderen verzichtete. "Willkommen im teuersten Museum in Österreich", begrüßte er die Teilnehmer. Dieser Titel dürfte dem AKW Zwentendorf, das umgerechnet ungefähr eine Milliarde Euro gekostet haben soll, so schnell nicht streitig gemacht werden. (Hans-Arthur Marsiske) / (kbe)

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