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Roboterbabys: Hersteller kritisiert Studie zu Teenager-Schwangerschaften

In 90 Ländern werden Roboterbabys an Schülerinnen verteilt. Das soll Teenager-Schwangerschaften bremsen - oder doch nicht, wie der Hersteller überraschend mitteilt. Eine australische Studie hatte sogar eine Zunahme an Schwangerschaften festgestellt.

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Roboterbaby auf Bauch liegend mit Zusatzgerät am Rücken

Das Zusatzmodul zum Roboterbaby bringt Pager zum Vibrieren. So können auch Gehörlose mitmachen.

(Bild: Realityworks)

Sally Brinkman mit Roboterbaby

(Bild: Australian Science Media Centre)

Eine australische Studie hat festgestellt, dass Erfahrungen mit anstrengenden Babysimulatoren nicht zu weniger, sondern zu mehr Schwangerschaften unter Teenagern führen. Realityworks, Hersteller der Roboterbabys, reagierte ungehalten. Australien folge nicht dem Originalprogramm und habe zur Zeit der Studie einen Babybonus ausgeschüttet. Zudem sei das Programm gar nicht zur Senkung der Schwangerschaftsraten gestaltet worden. Das verwunderte die Studienautorin Sally Brinkman dann doch.

Ihr Team wollte wissen, wie gut die Baby-Simulatoren Schwangerschaftsraten unter Teenagern senken helfen. Soweit bekannt hatte das sonst noch niemand untersucht. Unter Schulmädchen der westaustralischen Stadt Perth fand Brinkman knapp 3.000 freiwillige Teilnehmerinnen im Alter von 13 bis 15 Jahren.

Davon bekamen von 2003 bis 2006 1.276 Mädchen die Babysimulatoren, weitere 1.567 dienten als Kontrollgruppe. Anschließend wurden bis zum Alter von 20 Jahren die klinischen Niederkünfte und Abtreibungen aller Mädchen registriert. Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmerinnen, die ein Wochenende mit einem Roboterbabys verbracht hatten, häufiger schwanger wurden, und dann auch relativ seltener abtrieben. Als Ergebnis wurden sie doppelt so häufig Mütter.

Hersteller: Soll gar nicht vorbeugen

"Das RealCare Infant Simulator Program ist nicht dazu entwickelt worden, Schwangerschaften für einen Zeitraum nach Absolvierung des Kurses zu stoppen", überraschte Realityworks-Marketingchef Scott Jameson in seiner Stellungnahme gegenüber heise online, "Denn junge Erwachsene müssen [selbst] festlegen, wann in ihrem Leben die richtige Zeit ist, Eltern zu werden." Sein Programm solle die Auswirkungen der Elternschaft lehren. Andere Forscher hätten kurz- und langfristige Auswirkungen auf Kinderwunsch, Entjungferungszeitpunkt und Einstellung zu Verhütung gefunden.

Screenshot von der Realityworks-Website

(Bild: Screenshot)

"Das ist eine interessante Reaktion", sagte Brinkman zu Jamesons Ausführungen, "In den letzten 20 Jahren haben sich [Kommunikation und Marketing] rund um das Programm leicht geändert [...]. Aber es ist ganz deutlich, dass das Programm für die Verhinderung von Teenager-Schwangerschaften verkauft wurde und auch weiterhin so eingesetzt wird."

Tatsächlich bewirbt die Website des Herstellers "unvergessliche Lektionen in […] der Vorbeugung gegen Teenager-Schwangerschaften". Auch in einem Online-Posting, das die Studie kritisiert, nimmt die Firma für sich in Anspruch, einer von vielen Faktoren für sinkende Geburtenraten unter Minderjährigen in den USA zu sein.

Brinkman: Das Ergebnis zählt

Verkauft wurden die anstrengenden Babysimulatoren bislang sehr erfolgreich: Das Realityworks-Programm läuft in 62 Prozent aller US-Schulbezirke und in 90 Ländern weltweit. Weit über Hunderttausend Roboterbabys sind im Umlauf, wobei eines mehr als 1.000 Euro kostet.

Was auch immer das offizielle Ziel sei, entscheidend ist für Brinkman das Ergebnis: "Selbst wenn das Programm erfolgreich dabei ist, Schülern gesunde Schwangerschaften zu lehren, ist es kein gutes Resultat, wenn das Programm Schwangerschaftsraten unter Teenagern steigert."

Australischer Babybonus

Ab 2004 erhielten australische Familien bei der Geburt eines Kindes 3.000 bis 5.000 australische Dollar. Dieser "Babybonus" sollte die Fruchtbarkeitsraten erhöhen. Minderjährige Arme erhielten den Höchstbetrag. Eine Untersuchung aus Westaustralien für die Jahre 2001-2008 zeigt auch einen Anstieg der Geburtenraten, insbesondere in entlegenen Regionen, deren Bewohner in der Regel arm sind. Auch bei Frauen von 20 bis 24 stieg die Geburtenrate deutlich. Inzwischen wurde der umstrittene Babybonus wieder abgeschafft.

Ein Babysimulator von Realityworks

(Bild: Australian Science Media Centre)

Realityworks verweist auf diese Korrelationen, und darauf, dass die Kontrollgruppe der aktuellen Studie sozioökonomisch besser dran war, als die Gruppe mit den Roboterbabys. Und der Babybonus sei nun einmal für ärmere Familien ein stärkerer Anreiz gewesen. "Die Außerachtlassung des Babybonus [...] und seiner Effekte auf die Kontroll- und Interventionsgruppe sind ein inakzeptables Versehen der Forscher und Verleger dieser Studie", kritisierte Jameson.

Brinkman lässt das nicht gelten: "Unsere Studie war randomisiert kontrolliert. Jede Auswirkung des Babybonus hätte die Kontrollgruppe in selber Weise betroffen." Auf den Unterschied im sozioökonomischen Status zwischen den Gruppen angesprochen, erklärte die Wissenschaftlerin: "Das wird im Manuskript angesprochen, und in einem zusätzlichen Online-Anhang, in dem wir eine Subgruppen-Analyse durchführen. Egal, wie wir die Daten analysieren, inklusive Kontrolle von Störfaktoren, bleibt das Resultat das selbe: Das Programm funktioniert nicht zur Senkung von Teenager-Schwangerschaften."

Kleinere Gruppen, weniger Stunden

Doch auch darüber, welches Programm studiert wurde, ärgert sich der Lieferant: "Das RealCare Programm ist eine Kombination aus Lehrplan und Hands-On-Hilfen, und wenn sie getestet und ihre Effektivität beurteilt werden, soll das in der Gesamtheit geschehen", forderte CEO Timm Boettcher gegenüber heise online, "Diese Studie misst nicht das Realityworks-Programm sondern ein [adaptiertes australisches Programm], und bringt unser Produkt auf rücksichtslose Weise mit ihren Inhalten in Verbindung."

Die Zeit mit dem Baby entsprach zwar der Herstellerempfehlung, nämlich ein Wochenende von Freitagnachmittag bis Montagmorgen. Aber statt 14 Stunden Unterricht wurden in Australien nur zweieinhalb gegeben. Die Autorin bestätigte das gegenüber heise online: "Allerdings [wurde in Perth] das Programm statt vor vollen Klassen in Kleingruppen von fünf Schülerinnen, und mit Schulkrankenschwestern anstatt Lehrern, durchgeführt."

Dabei kamen die Arbeitsbücher und Hausarbeitsblätter von Realityworks zum Einsatz. Zusätzlich wurde auch das normale australische Sexualkunde-Programm durchgezogen. Die signifikant seltener schwangere Kontrollgruppe wurde hingegen nur in Standard-Sexualkunde unterwiesen.

Werbevideo: "Preventing Teen Pregnancies"

"Both governmental and non-governmental programs can use this technology to help decrease the number of teen pregnancies", schreibt Realityworks zu diesem YouTube-Video.

(ds)

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