Roboterethik: Gewaltige soziale Veränderungen erwartet

Es gibt viele Fragen und sehr wenige Antworten, wenn es um die gesellschaftlichen Auswirkungen moderner Robotertechnik und anderer kognitiver Systeme geht. Die Wissenschaft will darüber in Dialog mit der Öffentlichkeit treten.

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Von
  • Hans-Arthur Marsiske

Tony Prescott von der University of Sheffield brachte es in der Diskussion seines Vortrags über "Sozial verantwortliche Erforschung kognitiver Systeme" auf den Punkt: Es gebe jede Menge Fragen und sehr wenige Antworten, sagte der Professor für kognitive Neurowissenschaft, nachdem er auf der Konferenz Social and Ethical Aspects of Cognitive Systems in Brighton über die Neuausrichtung der EU-Forschungsstrategie referiert hatte, die von Wissenschaftlern die frühzeitige Erörterung von Risiken und einen intensiveren Dialog mit der Öffentlichkeit erwartet.

Roboter, wie hier IURO (Interactive Urban Robot) von der TU München, können in Menschen Emotionen wachrufen, ohne selbst welche zu empfinden. Auch das sehen viele Forscher als potenzielle Gefahr.

(Bild: Hans-Arthur Marsiske)

Dieser Forderung versuchte die Veranstaltung nachzukommen, indem sie vorab im Web die Seite #robotsandyou eingerichtet hatte, auf der Kommentare und Fragen zum Thema formuliert werden konnten. Die flossen in die Abschlussdiskussion ebenso ein wie Beiträge aus dem Leserforum von heise online. Es zeigte sich, dass die Bedenken in der allgemeinen Öffentlichkeit mit denen der Wissenschaftler weitgehend deckungsgleich sind. Vincent Müller, Ko-Organisator der Konferenz und Koordinator des EUCog-Netzwerks, sieht das als Bestätigung des Ansatzes: "Ich halte es für ein gutes Zeichen, dass die Fragen, die uns bedrängen, die gleichen sind, die auch den Menschen auf der Straße beschäftigen", sagte er im Interview mit heise online.

Weitgehende Einigkeit herrschte unter den Konferenzteilnehmern, dass kognitive Systeme langfristig gewaltige soziale Auswirkungen haben können, auf den Arbeitsmarkt ebenso wie auf den Schutz der Privatsphäre, soziale Bindungen oder die Kriegsführung. Mehrere Redner scheuten sich nicht, den Vergleich mit den Forschern zu bemühen, die in Los Alamos an der Entwicklung der Atombombe beteiligt waren. Wiederholt war vom "slippery slope" die Rede, womit gemeint ist, dass eine Technik oder Handlung, die durchaus positiv sein mag, eine Entwicklung mit negativen Konsequenzen in Gang setzen kann. Ob so ein slippery slope mit Militärrobotern bereits betreten worden ist, war in der Diskussion strittig. Die generelle Gefahr wurde aber von niemandem bestritten.

Einig waren sich die Teilnehmer auch darüber, dass intelligente Roboter, die vielfältige Aufgaben im Haushalt oder etwa in der Altenpflege übernehmen könnten, noch mindestens 20 Jahre entfernt sind. Dennoch glaubte niemand, dass es zu früh sei, über ethische und soziale Fragen nachzudenken. Um die Diskussion weiter voranzubringen, sollen Videoaufzeichnungen von den Vorträgen und Konferenzdebatten demnächst ins Internet gestellt werden. Dann können auch diejenigen, die sich mit Beiträgen auf #robotsandyou und heise online beteiligt haben, sehen, wie ihre Anregungen aufgenommen wurden. (vbr)