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Rocket Internet: Wie die Samwer-Brüder auf den Süden der Welt zielen

Mit welt-regionalen Holdings erobert die Startup-Fabrik Rocket Internet der berühmt-berüchtigten Samwer-Brüder erfolgreich Afrika, Lateinamerika und Asien.

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Von Lamudi haben hierzulande nur die wenigsten gehört. Dabei hat das Vermittlungsportal für freie Wohnungen seinen Sitz in Berlin, ist in 28 Ländern aktiv und insgesamt schwer erfolgreich. Die Dienste von Lamudi sind aber nicht in Europa verfügbar, sondern vor allem in Afrika. Lamudi gehört zum Reich von Rocket Internet. Der an die Börse drängende Startup-Inkubator der berühmt-berüchtigten Samwer-Brüder hat etwa 15.000 Mitarbeiter und 3 Milliarden Euro Jahres-Umsatz. Rocket Internet lässt die USA und Europa immer mehr links liegen und schaut in Richtung Süden, wo die wirklichen Gewinne locken.

Vom Firmensitz in Berlin Mitte aus lenkt Rocket Internet die Expansion in den Schwellenländern.

(Bild: dpa, Jens Kalaene/Archiv)

Das Geschäftsmodell sah lange Zeit so aus: Rocket Internet dupliziert ein erfolgreiches US-Startup und verkauft es dann im Idealfall an die Firma, die geklont wurde. Mittlerweile hat sich die Strategie grundlegend geändert. Rocket Internet will der größte Internetkonzern außerhalb von USA und der China werden, wie es in einer kürzlich online gestellten Selbstpräsentation prahlerisch heißt.

Die Eroberung der Schwellenländer ist schon in vollem Gang. Zu dem Zweck wurden verschiedene Töchter gegründet, abgespeckte welt-regionale Varianten von Rocket Internet: "Die Holdings vereinen Kapitalkraft und lokale Expertise auf eine Weltregion heruntergebrochen." beschreibt Rocket-Pressesprecher Andreas Winiarski das Konzept. Den Anfang machte im Januar 2012 die Africa Internet Holding, dann folgte die Latin America Internet Holding, im Dezember 2013 die Middle East Internet Holding und im April 2014 die Asia Internet Holding als jüngstes Rocket-Baby.

Die Holdings sind stets Joint Ventures mit Telekommunikations-Unternehmen, die in den Regionen aktiv sind. Die AIH ist ein Gemeinschaftsunternehmen aus Rocket Internet, der Südafrikanischen MTN Holding und dem Luxemburger Telko Millicom. Der ist in Afrika und Lateinamerika sehr aktiv und steht zusammen mit Rocket auch hinter der der Latin America Internet Holding. Die Middle East Internet Holding wiederum ist ein Joint Venture zwischen Rocket Internet und MTN, und die Asia Internet Holding ist eine Kooperation zwischen Rocket und dem Telko Ooredoo. Das im arabischen Zwergstaat Katar ansässige Ooredoo hat unter anderen einer der größten indonesischen Mobilfunkanbieter in seinem Portfolio.

Dabei sind die Startups mit ihren Ländertöchtern über unterschiedliche Holdings verteilt. Lamudi ist mit neun afrikanischen Länderversionen ein Kernprojekt der Africa Internet Holding. An Lamudi Singapor hält aber auch die Asia Internet Holding Anteile. Ein gemeinsamer Fokus aller Holdings liegt auf mobilen Diensten, denn in vielen der Länder nutzen die Menschen das Internet von Anfang an über das Handy: "Die Menschen in den Schwellenländern haben die Desktop-Phase, die wir in Europa und den USA so langsam hinter und bringen, teilweise komplett übersprungen.“ meint Winiarski.

Ein Warenlager des Onlinehändlers Jumia, einem der Startups unter den Fittichen der der Africa Internet Holding.

(Bild: Stefan Mey/heise online)

Die Africa Internet Holding (AIH) ist die aktivste und älteste der kleinen Rocket-Internet-Varianten. Zur AIH gehören neun Startups mit bekannten Geschäftsmodellen: die Online-Shops Jumia, Kaymu und Zando, die Anzeigenportale Carmudi (Autos) und Lamudi (Immobilien), der Essenslieferdienst Hellofood, die Taxi-App Easy Taxi, das Hotel-Buchungsportal Jovago und der auch in Europa aktive Kreditmarktplatz Lendico. Etwa 2.000 Leute arbeiten nach Angaben nach Angaben des AIH-Pressesprechers Nils Seger insgesamt für Unternehmen der Holding.

Nigeria mit seinen 170 Millionen Einwohnern ist einer der zentralen Märkte. In der Hauptstadt Lagos hat die AIH für die Ecommerce-Plattform Jumia einen 10.000 Quadratmeter großen "E-Commerce-Campus“ aufgebaut und eine eigene Logistik-Struktur geschaffen. "Wir beliefern 90 Prozent der Bestellungen mit unserer eigenen Flotte, und in Lagos schaffen wir das innerhalb eines Tages.“ erzählt Seger. Die Nachfrage nach Onlineservices sei in Afrika sehr groß und steige auch mit der Bevölkerungszahl: "Der Bedarf wird also noch weiter wachsen und wir möchten da sein und einen Service bieten, der den Menschen in vielen Bereichen hilft: Beim Einkauf, beim Reisen oder bei der Essensbestellung.“

Auch die anderen Holdings sollen es Rocket Internet ermöglichen, vom Anfang an auf den neuen Internetmärkten präsent zu sein. Natürlich ist das ein altbekanntes Muster: Unternehmen aus dem wohlhabenden Norden der Welt exportieren ihre Geschäftsmodelle, erschließen sich lukrative Märkte im Süden und halten das ganze dann noch für segensreich für die Menschen vor Ort.

Anders als bei den Expansionen von Amazon, Facebook und Google verbleibt in einigen Fällen aber immerhin ein Teil bei den regionalen Partnern aus dem Süden, zumindest dann, wenn die das Geld aufbringen, das Gemeinschafts-Unternehmen am Ende zu übernehmen. Rocket Internet ist ein Inkubator. Und zur inneren Logik eines Inkubators gehört es nicht, die Welt zu gestalten, sondern auf einen Exit zusteuern, den Verkauf der jeweiligen "Ventures“ an den Meistbietenden, vielleicht auch an der Börse. Die spannende Frage ist, wem die regionalen Holdings schlussendlich gehören. (axk)